Montag, 19. November 2018

Reif


So schnell ist noch nicht Schluß. Ich habe zwar meine Taxigenehmigung „verkauft“, aber das KVR muß der Übertragung noch zustimmen. Nach meinem Facebookeintrag von der Taxifahrt nach Frankfurt dachten einige, sie würden mich nicht mehr im Fahrersitz eines Taxis sehen.
Die Zustimmung zur Übertragung der Taxigenehmigung kann bis zu drei Monate dauern. Kaufvertrag und Unbedenklichkeitsbescheinigungen haben wir Anfang September, noch vor dem Oktoberfest, bei der untersten Verkehrsbehörde abgegeben. Jetzt heißt es für den Käufer warten und für mich noch die Tage im Taxi zu genießen. Am Freitag war ich wieder mit einer solchen Genußfahrt gesegnet. Herbstlicher, naßkalter Nebel liegt über der ganzen Stadt und am Flughafen. Mein armer, schon etwas betagter Fahrgast konnte am Vorabend nicht vom Flughafen Barcelona starten und musste dort eine unbequeme Nacht verbringen. Gerädert kommt er mit der ersten Barcelona-Maschine zum MUC rein. Er ist stellt sofort die Lehne des Rücksizes so weit es geht nach hinten, freut sich über den Platz und schläft ein. Dabei versäumt er nichts. Der Nebel bedeckt alles was weiter als 100 Meter entfernt ist. Ich bin über das nur geringe Verkehrsaufkommen überrascht. In nur eineinhalb Stunden sind wir schon in Garmisch. Kurz nach Garmisch geht es steil bergauf. Wir gewinnen Höhe, und siehe da, der Nebel bleibt hinter und unter uns. Vor uns ein Bergpanorama im Sonnenschein. Das Thermometer im Auto zeigt genau 0 Grad Celcius. Die Wiesen bieten einen interessanten Anblick. In den von der Sonne beschienenen Fläche dominiert ein sattes Grün, während in den Schattenlagen grauer Rauhreif das Gras bedeckt. Zwischen dem Grün und Grau bildet sich eine klare Grenze.
Schlosshotel Elmau Taxi
Auf nach Garmisch 

Auf der Zufahrt zum Schloßhotel Elmau glitzert der Reif in den Bäumen der jungen Allee. Auf der Rückfahrt mache ich ein Bild vom Taxi zwischen den Bäumen. Zunächst bringe ich meinen Fahrgast ins Hotel – schließlich hat er dort am Abend seinen Auftritt.  

Samstag, 17. November 2018

Monaco, diesmal nicht ... de Baviera


(Pyrenäenreise 2017) 

Ein beindruckender Anblick tut sich auf. Ich schaue am Morgen bei bestem Wetter auf die Bucht von Monaco. Ich kann es kaum erwarten runter in den Hafen zu kommen. Die Abfahrten in den vielen Tunneln der Stadt sind leicht zu übersehen. Monte-Carlo weckt natürlich die schönsten Phantasien in mir, aber als Name auf einem schnöden Blechschild in einem von Neonöhren beleuchteten Tunnel sagt es mir gar nichts. Muß ich hier raus, oder erst an dem nächsten unterirdischen Kreisverkehr? In diesen engen Hafenstädten verliere ich leicht die Orientierung, besonders wenn ich unter der Oberfläche mehrmals de Richtung ändere. Am Besten komme ich außerhalb zurecht, ich kann mich an dem Meer orientieren. Ich finde sogar am Hafen einen Parkplatz auf der Straße. Irgendwie passt mein Auto hier nicht ganz dazu. Die ca. 50 Taxis des Principauté de Monaco sind meist neue, schwarze Mercedes E-Klassen oder auch V-Klassen. Zu mehr als einem kurzen Stopp kommt es hier nicht. 
Blick über das Meer bei Monaco
Der erste Blick am Morgen -Meer bei Monaco 


In der nächsten Stadt am Meer, in Villefranche-sur-Mer, wieder in Frankreich, bleibe ich zumindest für einen Spaziergang am Strand und für ein Getränk an einer Bar. Auf dem Weg dorthin bin ich an der Villa Ephrussi de Rothschild vorbeigefahren, definitiv ein Haus und besonders dessen Gärten ich noch besuchen werde. 
Villefrance-sur-Mer Badestrand
Besser zum Baden Villefrance-sur-Mer



Für heute habe ich genug vom Mittelmeer. ich fahre weiter in die grobe Richtung Atlantik. Mein Nachtplatz ergibt sich einfach aus meiner Position wen ich nicht mehr weiter will. Es wird ein billiges Kettenhotel neben der A8 in der Provence. An einem Ort, nichts im Vergleich zu den illustren Städten in denen ich mich sattgesehen habe. 

Taxi Mücnhen Villefrance-sur-Mer


Donnerstag, 15. November 2018

Explosiv


Noch keine drei Jahre ist es alt, unser neuestes Naturschutzgebiet in München. Im Norden wird es begrenzt durch die A99, im Osten durch die Gleise der U-Bahnen, im Süden durch das Wohngebiet am Carl-Orff-Bogen, dort ist die längste Grenze der Schmidbartlanger. Wir Taxifahrer sehen es am besten von seiner westlichen Grenze, der B13, der Ingolstädter Landstraße. Stadtauswärts, zwischen dem FC Bayern Campus und dem Helmholtz Zentrum entdecken wir rechts kleine Totholzhaufen auf Geröllinseln im Magerrasen. Das Geröll gehört seit der Würm-Eiszeit zum Münchner Norden. Der Isar-Loisach Gletscher hat den Schotter von den Alpen hierher geschoben. Die Humusschicht auf dem Steinen ist nur dünn, das Regenwasser und Nährstoffe werden kaum gehalten. Während des Sommers trocknet der Boden aus. Genau dieser Bodentyp ist im wahrsten Sinne des Wortes die erhaltenswerte Grundlage für seltene Tiere und Pflanzen.

Schon seit dem Ersten Weltkrieg war das Militär zu Gast auf diesen Flächen, dabei hat es allerhand an Munition hinterlassen. Wehrmachtsmunition, die Bomben der alliierten Flugzeuge, Hinterlassenschaften der US-Armee und der Bundeswehr, .. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wurde hier Munition vernichtet. Die wurde in Sprengtrichtern gesammelt und gesprengt. Die Trichter wurden ohne lange zu fackeln zugeschüttet. Damals herrschten andere Probleme. Im Heideboden stecken Kampfmittelreste aus den vergangenen 100 Jahren.

Der Heideflächenverein hat das belastete Gelände von der Bundeswehr gekauft. Nachdem der Verein zunächst ein Gutachten zur Entmunitionierung in Auftrag gegeben hatte, wurde vor Monaten mit der Räumung der Kampfmittel begonnen. Für und während der Arbeiten wurden auch Gehölze gerodet. Um die Bevölkerung über die Räumungsfortschritte zu informieren hat der Heideflächenverein letzten Sonntag zu einem Rundgang eingeladen. Am Nachmittag habe ich nur eine Flughafenfahrt und ich fahre auf dem Rückweg sozusagen vorbei. Mein Taxi parke ich im Parkhaus am Kieferngarten und gehe über die U-Bahnbrücke zum HeideHaus, dem Treffpunkt.
Entmunitionierung Fröttmaninger Heide Kampfmittelbeseitigung
Hier wird Munition entfernt 



Der Gebietsbetreuer, den ich bereits von zwei vorhergegangenen Exkursionen kenne, ist auch unter den Referenten. Für meinen Teil gewinne ich interessante Informationen, die nicht unbedingt etwas mit der Kampfmittelbeseitigung zu tun haben. Zum Beispiel mit welchen Aufwendungen versucht wird die Tümpel in der Heide zu erhalten. Der Boden wurde durch die Panzer verdichtet, das Wasser staut sich in kleinen Tümpeln. In diesem Fall ein Glück für die zu schützende Wechselkröte (Bufo virdis), die hier einen der letzten Rückzugsgebiete findet. Früher waren die Straßen weniger asphaltiert, zahlreiche Pfützen auf den Feldwegen ermöglichten die Ausbreitung der Kröte. Das Ergebnis war ein stabiler Bestand. Die Verinselung der Biotope fördert den Rückgang nicht nur dieser Population. Die Tümpel verschwinden hier auch weil der Frost und die Wurzeln der Pflanzen den Boden wieder auflockern und für das Wasser durchdringbar machen.  

Die Luftdüngung, der steigende CO2 Gehalt, ist für mich überraschend, zu einem Problem geworden. Ich werde mich in Zukunft darüber informieren und versuchen Zahlenmaterial zu bekommen.

Die Naturschutzgebietsverordnung dieses Gebietes ist nicht frei von Konflikten. Darüber konnte ich einen kleinen, anfänglichen Einblick gewinnen. Die Fläch ist ziemlich stadtnah. Die Besonderheit dieser Verordnung sind die vier Zonen, in denen das nur 347 Hektar große Gebiet eingeteilt ist. Es sind eine Schutzzone, eine Umweltbildungszone, eine Zone für das Heideerleben und eine Zone für das freie Betreten, ausgewiesen. Viele der Besucher sind mit ihren Hunden unterwegs. Nur in der Zone für das freie Betreten dürfen die Hunde zwischen dem 01.08 . und dem letzten Februartag unter Voraussetzungen ohne Leine laufen. Die Voraussetzungen wurden erwähnt, ich habe sie in der Verordnung noch einmal nachgelesen, die Person die den Hund führt muss einen „Hundeführerschein“ abgelegt haben, der Hundehalter und der Hund müssen in einer Liste der Stadt oder des Landkreises eingetragen sein, der Hund muss eine Marke der untersten Naturschutzbehörde tragen. Das schafft Konflikte und Erklärungsbedarf – allein die Einteilung der vier Zonen. Für mich stellt sich die Frage; ist es überhaupt möglich ein Naherholungs- und ein Naturschutzgebiet zu vereinen?

Am Kassenautomat des Parkhauses drücke ich den Knopf mit der Aufschrift Standardtarif. Zehn Euro verlangt der Blechkasten für drei Stunden parken. In Zukunft werde ich mich der südlichen Fröttmaninger Heide anders nähern. Im Bedarfsfall kann ich ja bei der nächsten Flughafenfahrt auf der B13 nach dem FC Bayern Campus nach rechts schauen.      

    

Dienstag, 13. November 2018

Italien -Frankreich


(Pyrenäenreise 2017)

-> Mailand  liegt jetzt hinter mir, und mir wird klar; am Abend werde ich noch das Mittelmeer sehen. Gute 200 Kilometer sind es noch bis zur Cote d´ Azur. Auf dem Weg dorthin durchquere ich viele italienische und französische Dörfer, die mich fast ausnahmslos zum Verweilen einladen. Drei davon verdienen Erwähnung, weil sie binnen einer Jahresfrist noch eine kleine Rolle in meinem Leben und im Blog spielen werden.

Da ist zunächst Pollenza. Jetzt ein kleines Dorf im Piemont, aber bei den alten Römern sehr bedeutend. Sehenswert dort ist ein großes Landgut aus dem 19.Jahrhundert, erbaut im gotischen Stil, mit der dazugehörigen Kirche San Vittore.
Albertina in Pollenzo 

Die Frage, wie ich in dieses Dorf stolperte ist schnell beantwortet. Taxifahrer suchen immer die kürzeste Verbindung. Entlang der Geraden, zwischen Mailand und Nizza, bleibt keine andere Wahl als die Autobahn A33, die Asti in südwestlicher Richtung verlässt, zu nehmen.

Wenige Kilometer hinter Alba bin ich, zugegebenermaßen etwas willkommen, gezwungen, auf eine kleinere Straße auszuweichen. Nach der Brücke über den Fiume Tanaro fahre ich kilometerweit an einer Mauer entlang, die mir die Sicht nach links nimmt. Eine Nekropole, verrät mir das Internet, soll sich hinter der hohen Ziegelsteinmauer verbergen. Auf dem Gelände entdecke ich, über der Mauerkrone, ein riesiges, steinernes Kreuz. Kaum erreiche ich das Ende der Mauer, biege ich nach links ab, um endlich in Erfahrung zu bringen, was sich meinen Blicken zu entziehen versucht. Nach nur wenigen Metern fahre ich durch einen gotischen Torbogen und stehe mit meinem kleinen, grünen Auto beeindruckt vor San Vittorio im Hof der Albertina, des schon erwähnten Landgutes.

In Boves mache ich auf dem Marktplatz, das letzte Mal in Italien Rast, noch nichts ahnend, was hier während der letzten Tage des Zweiten Weltkriegs geschehen ist. Acht Monate später werde ich es, zusammen mit meinem Freud, entdecken.

Von Boves ist es nicht mehr weit nach Frankreich. Die Grenze verläuft mitten durch einen langen Tunnel nach Limone. Auf der französischen Seite verlasse ich den Tunnel und folge der kurvigen Straße abwärts durch das Royatal.

Das Le Heinz Café in Saorge erweckt mein Interesse. Wie kommt das Café inmitten der französischen Alpen zu seinem deutschen Namen? Wer ist dieser Heinz? Auf die Schnelle habe ich im Internet nichts gefunden. Ich meine gehört zu haben, daß vor langer Zeit Deutsche das Café betrieben haben. Die Kellnerin begrüßt mich mit einem vertrautem; „Grüß Gott.“ Das waren die ersten und einzigen deutsche Wörter, die ich in Saorge hörte. Hier ist einer der seltenen Momente, an denen ich mir ein echtes Bier gönne. Der Wirt, auch er ist kein Deutscher, unterhält uns mit Gesang. Wenn ich wiederkomme, und das ist sicher, werde ich einfach nach der Herkunft des Namens fragen.

Das Kloster, die Kirche, der ganze Ort ist auf und in den Fels gebaut. Die gepflasterten, engen, steilen Wege laden zu einer Entdeckungsrunde ein. Das schillernde Monaco, meine nächste Etappe, und die Gewissheit wiederzukehren, helfen mir, mich schweren Herzens von Saorge zu verabschieden. 


Karte mit eingezeichneter Strecke Mailand - Boves - Limone - Saorge - Monaco
Karte Mailand Monaco 


Aufgeschlagene Bibel in San Vittorio, Kerzen im Hintergrund
Bibel in San Vittorio 


Kirche San Vittorio von außen Albertia
San Vittorio Piemont 


Feroza Grün, Windschutzscheibe abgedeckt
Der kleine Grüne 
Zufahrt zum Tunnel Feroza mit offener Hecktüre
Zufahrt zum Tunnel 


Der ganze Tunnel ist eine Baustelle. Er wird im Wechsel benutzt. Hier warten wir bis der Gegenverkehr aus Frankreich durch ist. Vorne links, das Haus ist eine Wache der italienischen Feuerwehr. Die Wache der französischen Feuerwehr ist am anderen Ende. Ein großer Monitor zeigt die noch verbleibende Wartezeit an.

Saorge Gesamtansicht
Saorge 
Café Le Heinz mit dem singenden Wirt in Saorge
Café Le Heinz 
Das Café Le Heinz mit jungem, hübschen Mann unter den Gästen. ;-) 

Montag, 12. November 2018

ÉGALITÈ


Lange hatte ich Glück. Mir ist jetzt bestimmt schon seit zehn Jahren kein Mercedesstern mehr von der Haube gepflückt worden, obwohl ich durchgehend immer zumindest einen Benz auf der Straße parke.

Zwei Gründe gibt es, so male ich es mir aus, daß ich von der Sternepflückerei weitgehendst verschont geblieben bin. Zum einen ist es München. In dieser Stadt mag der Sozialneid nicht so groß sein wie zum Beispiel in Berlin oder Bremen. Zum differenzierten Umgang mit Sozialneid  habe ich etwas nettes, passendes gesehen, das meinen Humor trifft und ich mit euch teilen will. 
Mercedesstern in Originalverpackung auf der Motorhaube des Taxis
Wartet auf den Einsatz 



Da gibt es einen Stand-up Comedian, der in Tunesien geboren und in Frankreich aufgewachsen ist. Sein Name ist mir im Moment nicht geläufig. Zur Zeit lebt er in den USA. Er tourt dort mit seinen Programmen erfolgreich durch das Land. Er sieht sich als Franzose mit nordafrikanischen Wurzeln. Während seines Auftritts spiegelt er die Verhaltensweisen der Amerikaner aus der Sicht eines Europäers aus der Alten Welt im Allgemeinen, und aus der Sicht eines Franzosen im Besonderen. 
Während des Programms erwähnt er in einem Nebensatz, daß er von Chicago nach Houston in der 1. Klasse geflogen ist. Ein Zuschauer aus dem Dunkel zollt ihm mit einem lauten, unüberhörbaren; „WAUAU“ Respekt. Der Comedian hält kurz inne, neigt seinen Kopf, überlegt drei Sekunden, und beginnt zunächst ganz leise und nachdenklich.

„Das ist Amerika. In Frankreich würde niemand sagen; Super, 1. Klasse, er hat fleißig gearbeitet, er hat es sich verdient. In Frankreich würden sie sich denken; bildet er sich ein etwas besseres zu sein.“ Jetzt wird er etwas lauter. „Am liebsten würden sie mit dem Schlüssel ganz groß ÉGALITÉ auf das Flugzeug kratzen.“ Jetzt wird er noch etwas lauter und auch schneller; “ÉGALITÉ, FRATERNITÉ, LIBERTÈ! REVULOTION!“

Während er die Parolen der Französischen Revolution schreit, springt er von einem Ende der Bühne zur anderen. Wenn der Zwischenruf des Zuschauers nicht inszeniert war, ist es eine Meisterleistung der Improvisation, genau das was einen Stehgreifkomödianten ausmacht.

Bevor ich weiter abschweife, noch meine zweite Vermutung. Mein Mercedes ist ein Taxi und somit kein Auto zum protzen. Auf die Armatur wird ein Taxameter geknallt, ein schwarz-gelbes Schild auf das Dach gepackt, der edelste Lack wird hinter einer hellelfenbeinweißen Folie versteckt. Die Karosse ist ein Werkzeug, ein Produktionsmittel gar. Ich bin mir sicher; die meisten Sternepflücker kennen keinen Unterschied zwischen Produktionsmittel und Werkzeug – trotzdem haben sie mein Taxi die letzten Jahre verschont.

Bei Mercedes in der Ingolstädter Straße kaufe ich mir einen neuen Stern. Dort haben sie die Sterne auf Vorrat. Für 28,70 € netto, incl. Taxirabatt habe ich wieder ein Visier auf der Haube.

Wenn allerdings das Volk über die Straße springt, und die Mercedessterne von den Dächern der Fabriken pflückt, dann, ja dann, sind wir schon ein gewaltiges Stück naher an der ÈGALITÉ.    

Montag, 5. November 2018

The Other Way Round


Einen Tag haben die Gäste ohne mich verbracht. Am Montag früh um 8 Uhr komme ich zum LeMeridien Hotel, an dem ich sie zwei Tage vorher -> aussteigen ließ. Das Programm der Agentur sieht vor; Schloß Neuschwanstein, Schloß Linderhof, Spaziergang in den Bergen und schließlich Transfer zum Sheraton Hotel in Salzburg. Dafür sind zehn Stunden veranschlagt, die gleiche Zeit bin ich auch gebucht.

Nur für die Fahrt von Neuschwanstein, teilweise über die Alpenstraße, dauert ohne Zwischenstopp zweieinhalb Stunden. Obwohl ich in diesem Fall meine Gäste schon kenne, habe ich vor solchen Fahrten immer noch ein kleines angespanntes Gefühl in der Magengegend.

August 2018 - eine Prügelhitze. Die jüngste der Gruppe, die kleinere der beiden Töchter, ist knapp drei Jahre, und der Grandpa hinter seiner Fotokamera, ist 74 Jahre alt. Was mache ich mit meiner an Lebensjahren breit gestreuten Familie, daß jeder zufrieden am Abend um 18 Uhr im Salzburger Sheraton ankommt?



Ich muß den Besuch des Schlosses Linderhof streichen. Auf dem Weg über Linderhof kommen wir noch weiter von Salzburg weg, als wir ohnehin schon in Hohenschwangau sind. Knapp zwei Stunden kostet uns die Fahrt von München über Landsberg nach Hohenschwangau.

Unterwegs, nachdem wir den Lech bei Peiting überquerten, sehen wir zwei Hinweisschilder zu einem Märchenwald. Die Schilder sind der Auslöser für einen Hinweis auf die Gebrüder Grimm. Die sind nach der gleichnamigen Netflix-Serie auch dem einen oder anderem Amerikaner ein Begriff. Ich zähle Märchen auf, die die Gebrüder gesammelt haben. Ich erwähne Hänsel und Gretel, Schneewittchen (Snowwhite) und Aschenputtel (Cinderella).



„Aber sind die nicht von Walt Disney!?“; wirft eines der kleinen Mädchen ein. Ich bin kurz davor mich zu bekreuzigen! Zum Glück springt mir Grandma zur Seite;



„Andersrum (The other way round)“; korrigiert sie ihre Enkel.



 Walt Disney ist mir wiederrum ein willkommenes Stichwort. Hat doch das Schloß Neuschwanstein als Vorbild für sein Logo gedient. 

Snowwhite Costume Shop Neuschwanstein
Walt Disneys Snowwhite Kostüm im Laden 



Genau mittags um 12 Uhr bekommen wir eine englischsprachige Führung im Schloß. Vorher können wir uns noch am Anblick des Alpsees ergötzen – außer Grandpa, er knallt die Speicherkarte seines Fotoapparates mit Schwanenbilder voll.

Wir nehmen den Bus zur Marienbrücke. Von hier sind es nur etwa 15 Minuten bergab bis um Schloß. Der Kinderwagen bleibt im Van. Im Schloß sind mehr als 200 Stufen zu bewältigen. Dabei wäre der Wagen, ansonsten sehr hilfreich, mehr Last als Erleichterung. Als Papa habe ich schon geahnt was passieren wird. Die Kleine muß schon nach den ersten Stufen von ihrem Vater getragen werden. Der kommt dabei mächtig ins Schwitzen.

Nach der Tour durch das Schloß biete ich an, mit der Pferdekutsche ins Tal, zu unserem Parkplatz, zu fahren. Ich wollte testen, ob sich der Programmpunkt `hiking in the mountains´ schon erledigt hat. Hat er – definitiv! Erleichtert fallen meine Gäste auf die Bänke der Kutsche und freun sich auf den bevorstehenden Lunch. 


Lange fahren wir nicht, nur bis nach Halblech, hie kenne ich eine passende Gaststätte. Hier gibt es fast keine Touristen, von denen wir jetzt alle die Nase voll haben, trotzdem eine englische Karte,  lokale Spezialitäten und ein vom Biergarten einsehbarer Kinderspielplatz.  

Zügig geht es weiter. Opa will jetzt unbedingt die Wieskirche sehen, von der ich schon am Flughafen erzählt habe. Vorher habe ich mich im Internet informiert, wenn wir in der Kirche sind, ist dort keine Messe. Er kann dort fotografieren bis die Linse glüht. Für ihn ist das, nach dem Fotografieverbot im Schloß eine wahre Freude. 


Eigentlich bleibt uns nach der Wieskirche kaum mehr Zeit , aber ich will noch das Walchenseekraftwerk zeigen. Waren doch die alternativen Energien erst Thema bei der Fahrt vom Flughafen in die Stadt. Nach dem sehenswerten Kraftwerk schlafen meine Gäste erschöpft im Kleinbus ein. Leider entgeht ihnen so der Anblick der Landschaft und der Dörfer neben der Alpenstraße. Über die B 472 geht es durch Bad Tölz und Miesbach Richtung Osten. Am Irschenberg fahren wir auf die Autobahn A8 nach Salzburg. 


Mercedes V-Klasse vor dem Sheraton Hotel in Salzburg
Vor dem Sheraton Salzburg 


Als ich sie auf den Chiemsee hinweise, öffnen sie nur müde kurz die Augen. Um mir das Pickerl zu sparen, verlasse ich noch vor der Grenze zu Österreich bei Bad Reichenhall die Autobahn. Übe den Walserberg und Himmelreich (so heißt der Ort tatsächlich), kommen wir mit nur einer halben Stunde Verspätung um Sheraton in Salzburg.