Mittwoch, 1. August 2018

Durstig

Es soll ein heißer Sommertag werden, dieser 3.Juni. Kein wärmer, nein ein richtig heißer, im Radio werden Temperaturen von bis zu 30 Grad Celsius gemeldet. Genau das richtige Wetter für mich, den -> Heidepfad auszuprobieren. 16 Kilometer ist er lang, der vom Heideflächenverein Münchener Norden e.V. eingerichtete Rundweg zwischen Eching, Garching und Unterschleißheim. 

Heidepfad Taxi Heideverein München Echinger Gfild
Baustelle Echinger Gfild - aus einer anderen Perspektive

An diesem Tag mache ich nur eine Fahrt. Ich hole einen Stammgast vom Flughafen ab. Bei der Fahrt über die A9 zeige ich ihm das Gelände, daß ich drei Stunden später erobern werde. Er warnt mich schon vor, und schätzt richtig ein, daß meine veranschlagten drei Stunden, wenn ich dann auch noch im Echinger See schwimmen will, zu wenig sind.

Aber ich lasse mich nicht entmutigen. Ich parke mein Taxi an dem kleinen Weiher südlich des IKEAs und der Echinger Lohe. Nur mit meinem Handy bewaffnet mache ich mich auf den Weg. Bewusst nehme ich keine der kleinen Wasserflaschen aus meinem Kofferraum mit. Ich starte die Komoot-App, die meine Wanderung aufzeichnen soll. Gleich an der Wiese nach dem Weiher sind die ersten drei Tafeln des Heidepfades aufgestellt. Bei jedem Schild hat der Bauer eine kleine Fläche seiner Wiese nicht gemäht. Ich versuche die auf den Schildern vorgestellten Pflanzen in der Wiese zu finden. Halte mich aber dabei nicht zu lange auf. Es gilt ja noch Strecke zu machen.
Die Echinger Lohe, gleich nach der Blumenwiese, ist naturbelassen seit 1942. In den letzten 70 Jahren konnte sich hier ein kleiner Urwald entwickeln. Aber auch hier gönne ich mir einen Blick. Hier sollen auch die Hochbeete aus dem 9. Jahrhundert noch zu erkennen sein. Ich kann sie aber leider nicht entdecken. 

Heidepfad Taxi Heideverein München Kastner Gruppe
Aufgelassene Kastner Grube - Paradies

Die Bronzezeit-Hügelgräber an der nächsten Station kenne ich schon von einem vorherigen Besuch. Weiter geht’s jetzt Richtung Süden zwischen zwei aktiven Kiesgruben auf die Autobahnbrücke. Nach genauso 5,5 Kilometern bin ich auf der Brücke. Ich kann zwei Kollegen auf ihrem Weg zum Flughafen erkennen.
Mit grober Richtung Unterschleißheim komme ich langsam auf die Mallertshofer Heide. Zunächst führt mich mein Weg direkt an dem neuen Kieswerk, das man seit zwei Jahren von der A9 erkennen kann vorbei. Der noch nasse Kies rieselt von je drei Förderbändern auf riesengroße Haufen. Die nächste Kiesgrube, die Kastnergrube, ist schon lange nicht mehr aktiv. Ein Naturschutzverein hat das Gelände gekauft und umzäunt. Als ich in die Nähe komme, steigen Vogelschwärme auf. Die Grube ist voll Grundwasser gelaufen. Hier hast sich ein kleines Paradies entwickelt.
Weiter westlich wird der Boden immer steiniger. Nur eine schmale Schicht Mutterboden bedeckt das Geröll. Rechts neben dem Weg, im Schatten einer kleinen Kieferngruppe parkt ein weißer VW Bus. Der Schäfer sitzt auf dem Fahrersitz, liest in einem Magazin. Von Zeit zu Zeit blickt er auf, beobachtet seine Schafherde in 100 Meter Entfernung durch die Windschutzscheibe. Sein Hund liegt neben dem Auto und blickt hechelnd in die gleiche Richtung. Zur Begrüßung nicken wir uns nur kurz zu.
Endlich erreiche ich den westlichsten Punkt des Heidepfades, die Mallertshofener Kirche. Hier werfe ich durch die kleine Öffnung in der Türe einen kurzen Blick auf die karge Innenausstattung des Gotteshauses. Dabei verbrenne ich mir fast die Finger an der heißen Metallverkleidung. Ähnlich wie im Weltwald hat man auch hier bei der Auflösung des Dorfes die Kirche nicht angetastet.
Die erste Schwäche überkommt mich auf dem Weg über die Heide zurück zu dem Kiefernwald. Bei diesen Temperaturen macht Sonne oder Schatten einen merklichen Unterschied. Im Schatten der Bäume bin ich versucht mich hinzulegen, stehe aber sofort wieder auf. Nach circa 10 Kilometern meldet sich der Durst. Mein Mund ist schon lange trocken. Nach dem ich das schattenspendende Wäldchen verlasse, versagt auch noch der Akku meines Smartphones.
Die mitlaufende App verschlingt Energie. Ich bin das erste Mal hier. Auf Google Maps kann ich nicht mehr zugreifen. Irgendwo rechts vor mir muß der Echinger Weiher sein. In der flirrenden Hitze setze ich einen Fuß vor den anderen. Der Kirchturm von Eching ist jetzt mein Orientierungspunkt. In den Mundwinkeln bilden sich schon kleine Salzkristalle. Ich ärgere mich etwas über meine Unvorsichtigkeit. Ich habe mich wohl überschätzt. Bei einem der letzten Blicke auf mein Handy bemerke ich wie sich ein Schwindel einschleichen will. Ich schalte das Gehirn aus und fokussiere mich nur noch auf den Kirchturm, den ich jetzt aus 1000 anderen auf den ersten Blick erkennen würde. Wo eine Kirche ist, ist ein Dorfplatz, und dort ist zumindest in unseren Breiten ein Wirtshaus zu finden.

Heidepfad Taxi Heideverein München
Am Ende der blauen Linie war auch der Strom zu Ende


Apathisch bewege ich mich mit kurzen Schritten auf Eching zu. Die ersten Häuser spenden mir den ersehnten Schatten. Jetzt bin ich zumindest schon unter Menschen. Ganz weit vorne, fast im Zentrum, erkenne ich einen blauen Sonnenschirm mit dem Aufdruck einer Münchner Brauerei. Den Schirm hat der Inhaber eines Getränkemarktes vor der Tür seines Ladens aufgespannt. Gerettet! 

An der Quelle angekommen, kann ich den Echinger Hauptplatz überblicken. Dabei entdecke ich -> Dimi's, ein griechisches Lokal. Nur noch ein paar letzte Schritte quer über die Hauptstraße und ich lasse mich auf einen der Stühle vor dem Lokal fallen. Mit leiser Stimme bestelle ich eine Apfelschorle. Zwei Minuten später steht das köstliche, kühle Getränk vor mir auf dem Tisch. Nach einem langen Zug ist das Glas nur noch halb voll. Der Rest rinnt in kleinen Schlucken die trockene Gurgel hinunter. Langsam kehren meine Lebensgeister wieder, ich werde wieder klar im Kopf. Das nächste Glas Wasser überlebt keine zehn Minuten. Mit dem dritten Glas bestelle ich mir ein Gyros. Ich bekomme keinen Bissen hinunter - recht außergewöhnlich bei mir. Lieber ordere ich eine vierte Saftschorle. Bevor ich das Lokal verlasse habe ich sechs mal 0,4 Liter, insgesamt 2,4 Liter, Saftschorle und Wasser getrunken und dabei war ich den ganzen Abend nicht beim pinkeln.
Mein Handy ist ohne Strom. Der Wirt bestellt mir ein Taxi. Der Kollege fährt aus Unterschleißheim an, und bringt mich zurück zu meinem Taxi, das verlassen am Beginn des Heidepfades parkt.
In den Western- und Soldatenfilmen kriechen die Verdurstenden durch den Staub der Prärie. Mit den letzten Tropfen aus der Feldflasche benetzen sie ihre Zungen. Danach marschieren, klettern und kämpfen sie weitere zwei Tage in der Gluthitze. Das mag in Hollywood möglich sein, in Bayern nicht. 

Darum merke, und dabei ziehe ich wie in der Grundschule mit dem Lineal und dem roten Farbstift einen Kasten um den Merksatz - immer Wasser mitnehmen. Helden werden in Hollywood und selten hinter dem Taxilenkrad geboren.

1 Kommentar:

  1. Besser, keinen Kommentar abzugeben..... kann's mir aber nicht verkneifen.

    Bist Du wahnsinnig??! Du hast Familie!!
    1. "Bewusst nehme ich keine der kleinen Wasserflaschen aus meinem Kofferraum mit." = gröbst fahrlässig!! Bei uns ist die Bergwacht momentan im Dauereinsatz, sie moniert, dass die Leute absolut unvernünftig sind und nicht genügend zu trinken dabei haben. Die Familien der Bergwachtler haben im Moment herzlich wenig von Ehemann und Vater.

    2. Ein Mensch läuft in der Stunde durchschnittlich 4 km, besonders jetzt bei der Hitze und wenn man noch dazu schauen und fotografieren mag. Macht also bei 16 km nach Adam Riese mindestens 4 Stunden. Und das alleine und in dieser Gluthitze!! Und dann das übliche, kein ausreichender Ladezustand beim Handy....

    Bei aller Liebe, Reinhold, das war keine Heldentat, auf die Du stolz sein kannst. Ich heiße das, wie gesagt, grob fahrlässig....

    AntwortenLöschen