Mittwoch, 27. Juni 2018

Nicht nur gelbe Engel

Aus der Paul-Heyse-Unterführung kommend biege ich nach rechts auf die Arnulfstraße einwärts ab. Ich will zum Nordbau, unserm Taxistand auf der Nordseite des Bahnhofs. Just in diesem Moment leuchtet die Kontrollleuchte Kühler auf. Das ist mir schon vor über einem Jahr passiert. Auch da leuchtete die Kontrolllampe auf wenn ich mit dem Taxi eine Rechtskurve durchfuhr. Bei der Rechtskurve am Ende der A9, wenn es beim Marriott-Hotel auf den Mittleren Ring ging, merkte der Sensor und ich es als erstes, daß es Zeit war die Kühlflüssigkeit zu kontrollieren. Damals war die Wasserpumpe undicht. Ich musste nur einen halben Liter Wasser nachfüllen und dann war wieder Ruhe bis zur endgültigen Reparatur. Nach dieser Erfahrung hätte ich mir am Taxistand keinen Kopf machen müssen. Zudem wollte ich hier meine letzte Fahrt in Richtung Heimat fangen. 

Nur zu gerne hätte ich es dabei belassen und am nächsten Morgen einfach an der Tankstelle einen halben Liter Wasser nachgefüllt. Aber das Schicksal meint es gut mit mir und gibt mir einen Wink. Irgendwie will ich es diesmal genau wissen. Ich steige aus, öffne die Motorhaube und ... der Ausgleichsbehälter für die Kühlflüssigkeit ist leer, die Hitze des Motors hat ihn sogar getrocknet. Mit wechselnden Gefühlen stehe ich inmitten der Taxis. Einerseits bin ich enttäuscht, daß sich mein Feierabend anders gestaltet als ich es mir vorgenommen hatte. Andererseits war ich froh, es genauer gewusst haben zu wollen.
Im Kofferraum habe ich immer drei oder vier kleine Fläschchen mit Mineralwasser für die Fahrgäste. Ich opfere eines davon um Wasser nachzufüllen. Noch während die letzten Tropfen durch die Leitung gluckern, höre ich ein leises Plätschern aus dem Bereich des Kühlers. Jetzt kommt die Taschenlampe zum Einsatz. Ich schütte einen kleinen Schluck nach, wechsle die Position, leuchte an die Rückseite des Kühlers und finde sofort die Ursache. Der Schlauch vom Ausgleichsbehälter hat sich am Kühler gelöst. Das Ende des Schlauchs hängt frei in der Luft. Ich kann ihn aber nicht erreichen um ihn wieder aufzustecken und zu befestigen. 

Beruhigt ob der Lappalie rufe ich beim ADAC an. Ich kann der Dame auch gleich das Problem genau schildern und daß ich weiter keine große Hilfe brauche. 

„In zwei Stunden ist dann der gelbe Engel bei Ihnen. Zehn Minuten bevor er ankommt, ruft er Sie an. Bleiben Sie bitte erreichbar.“ 

Genau so haben wir es, bis auf die zwei Stunden Wartezeit, abgesprochen. Und so habe ich mir das auch vorgestellt; da kommt ein Mechaniker mit einem kleinen, gelben Auto, löst zwei größere Schläuche, schraubt den kleinen Schlauch wieder an den Stutzen des Kühlers. Inzwischen fülle ich das Wasser mit Hilfe der leeren Flaschen aus meinem Kofferraum und dem Waschbecken in der Bahnhofstoilette wieder auf. 

Es vergeht eine gute Stunde bis der Anruf des gelben Engels kam. Er wäre jetzt da. Ich blicke um mich. Hinten am Taxistand steht ein gelb-schwarzes, 10-Tonnen Autotransporterungetüm mit Kran und blinkenden Lichtern auf dem Dach. Ich winke dem Fahrer zu, er kommt zu meinem Taxi. Ich will ihm, genauso wie den 20 Taxikollegen davor, das Malheur zeigen. 

„Ich repariere nichts, nix repariere ich. Ich habe nur einen kleinen Schraubenzieher dabei. Wir bringen denn jetzt zu Mercedes in die Landsberger Straße.“;
 
sagt der Abschleppwagenfahrer und fährt schon die hydraulischen Stützen seiner Arbeitsplattform aus. 

„Aber schaun‘s mal. Hier - da läuft das Wasser raus. Und hier, der Schlauch, der müsste da drauf, ...“ 

„Nein, nix wird repariert. In die Landsberger Straße zu Mercedes. In die Landsberger Straße, Mercedes, zu Mercedes, Taxi-Service, ...“ 

Und während ich noch in den Motor schaue, schwebt schon der Kran mit den vier Schlingen über dem Taxi. Ich kann gerade noch die Motorhaube schließen, da wieselt der stämmige Fahrer in seiner Latzhose flink um das Taxi und hängt einen nach den anderen Reifen ein.
Es vergehen keine zwei Minuten, da steht mein Taxi schon auf dem LKW.
Im Führerhaus stellt sich heraus, daß der Fahrer ein Landsmann meiner Frau ist. Ich kann ihn erfolgreich zu Mercedes in der Ingolstädter Straße umleiten. Von dort ist es nicht mehr weit zu meinem eigentlichen Ziel dem Stimmer in der Lilienthalallee. 

Wir sind noch keine 100 Meter unterwegs, da kommt an der nächsten roten Ampel am Bahnhofsplatz meine Kollegin Christine neben uns zu stehen. Schnell drehe ich das Beifahrerfenster des Abschleppwagens herunter. Schnell tauschen wir uns aus. Christine will vorausfahren um sicherzugehen daß der Stimmer wegen des Brückentags geöffnet hat. 

Über Handy informiert sie mich, daß an der Werkstatt kein Zettel hängt, der informiert ob sie am nächsten Tag geschlossen hat. Vor dem Tor erkennt Christine aber ein Taxi eines weiteren Kollegens. Sie ruft ihn an, und er kann ihr, und somit auch uns im Abschleppen, bestätigen daß die Mechaniker auch am nächsten Brückentag arbeiten. 

Taxi von der Ladebrücke mit Kran vom ADAC LKW abgeladen
Vor der Werkstatt wird abgeladen


Sie wartet noch bis wir mit dem LKW ein paar Minuten später eintreffen. Im Hof der Werkstatt erledigt der Abschleppwagenfahrer noch die Papiere mit Hilfe eines der 12 Kugelschreiber die in der Brusttasche seiner Hose stecken. Ich werfe nur noch eine kurze Nachricht und den Schlüssel in das Fach im Büro der Werkstatt. Die letzte Taxifahrt dieses Tages genieße ich dann noch als Beifahrer.
Noch am frühen Vormittag bekomme ich einen Anruf von der Werkstatt. Die Reparatur des Taxis ist fertig. Es musste nur der Schlauch wieder an dem Kühler befestigt und die Kühlflüssigkeit aufgefüllt werden. Ich bin überzeugt, die Reparatur hat nur einen Bruchteil der Zeit benötigt, die ich am Vorabend gewartet habe und unterwegs gewesen bin.

Kommentare:

  1. Nur Schlepp Kilometer bringen Geld.

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    1. So ist es. Ein Abschleppunternehmen verdient wenn es abschleppt und nicht wenn es repariert. Die Zeit spielt bestimmt auch eine Rolle. Die Fahrer haben es oft eilig. Mit Schleppen kommen sie am Ende der Schicht auf mehr Umsatz als wenn sie anfangen zu reparieren.

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