Montag, 30. April 2018

Worst Place


Erst letzte Woche war seine Frau aus Moskau zum Shoppen in München. Jetzt kommt er selbst. Gebucht war nur eine Fahrt vom Flughafen in die Stadt. Ich kenne noch nicht einmal das Ziel in München.

Bei der Abfahrt vom Flughafen, fragt er mich, ob ich ihn heute Abend zur Allianz-Arena, zum Spiel FC Bayern gegen Real Madrid, bringen könnte. Schon beim Warten auf den Flug aus Russland, saß ich mit zwei Limousinenfahrern am Tisch. Beide tauschten sich mit bitterer Miene aus, daß sie jeweils eine Arena-Fahrt haben. Sie haben Fahrgäste, die sie zum Fußballspiel in die Arena bringen, und nach dem Spiel wieder abholen müssen. Eine nicht sehr beliebte Tour.

Dieser Kelch ist an mir vorübergegangen; dachte ich mir heilfroh. Im Moment aber, brause ich über die Autobahn und werde zu einer Entscheidung gedrängt. Einerseits brauche ich eine Arena Fahrt so dringend wie einen Kropf am Hals, andererseits kenne ich die russische Familie schon seit Jahren und war mit Ihnen schon unter anderem in Österreich.

„Ja“; presse ich gequält aus mir heraus. „Wann soll ich dich abholen?“

Mein Gast ist froh eine Lösung für sein Problem gefunden zu haben. Finanziell potent fliegt er zu jedem halbwegs wichtigen Fußballspiel in Europa. Aber was hier in München verkehrstechnisch um die Fußballarena abgeht, hat er selten erlebt. Zuletzt hat er mit seinem kleinen Sohn über eine Stunde an der Allianz-Arena gewartet bis sie ein freies Taxi ergatterten.

Warum gibt es in München keine Taxispur? Das ist doch auch schon eine große Stadt!
Ich schwöre, das waren seine Worte, nicht meine.

Um 20:45 Uhr beginnt das Champions League Spiel. Über eine Stunde vor Anpfiff hole ich ihn und seinen Landsmann in seinem Hotel in der Münchner Innenstadt ab. Auf dem Navi sind schon alle Zufahrten zum Stadion rot markiert. Von der Ingolstädter Straße versuche ich über den Euro-Industriepark und die Heidemannstraße auf die Autobahnzufahrt München-Freimann zu gelangen. Schon beim Autobus Oberbayern stehen die Autos dicht gedrängt auf der Heidemannstraße. Ja, sie stehen, sie rollen nicht einmal!

Nichts bewegt sich, und die Zeit drängt. Ich wende, ich fahre die Heidemann zurück zur Ingolstädter. Ich will über die Anschlußstelle München-Neuherberg auf die A99 und vom Norden zur Allianz-Arena gelangen. Anfangs läuft es ja auch gut. Kaum Verkehr, auch auf der A99 nicht, bis zu einem Kilometer vor der Ausfahrt. Hier stehen die Autos bewegungslos auf den beiden rechten Spuren der Autobahn. Besonders Ungeduldige Mitfahrer steigen aus und laufen im Dauerlauf neben der Straße  ach vorne. Obwohl wir die Arena schon sehen, werden meine Gäste ungeduldig. Ich fange an mich das erste Mal zu fragen, warum ich mir das antue. Ich müsste es doch wissen. Nur im Schritttempo rollen wir langsam vorwärts. Endlich, nach einer streßigen und nervenaufreibenden Stunde, lasse ich die Beiden glücklich am Nordeingang der Arena aussteigen.

Hier, genau hier, so schärfe ich es ihnen noch einmal ein, hole ich die Zwei nach dem Spiel wieder ab.

Ich selbst verbringe das Spiel vor dem Marriott Hotel. Ich nutze das WLAN-Netz des Hotels für meinen Netflix Film. In diesem Hotel waren 2012 die Spieler von Real Madrid untergebracht. Was ich damals auch im -> Taxi Blog erwähnte.

In der Sportsbar, neben dem Taxistand ist jeder Platz besetzt. Die Kellner müssen sich durch die Gäste drängen, die keinen Sitzplatz mehr gefunden haben. Von dort höre ich den lauten Jubelschrei beim ersten Tor der Bayern. Später, während der zweiten Halbzeit werden die Schreie wütender. 20 Minuten vor dem Spielende mache ich mich auf den Weg zur Allianz-Arena. Unterwegs auf der Autobahn und in der Werner-Heisenberg-Allee überholen mich die unbesetzten Taxis mit Irrer Geschwindigkeit. Später weiß ich auch warum. Bis ich ankomme, wartet schon eine endlose Taxireihe vor dem Nordeingang. Bei der Unterführung unter der Autobahn 99 muß ich, um das Ende der Schlange zu erreichen, nach rechts in Richtung des Entsorgungsparks Freimann abbiegen. Vor dem Tor des Entsorgungsbetriebes kann ich wenden und mich den ca. 200 wartenden Taxis anschließen. Nach dem Abpfiff sind die 200 Taxis innerhalb von zehn Minuten weg. Es fahren immer mehr und mehr Taxis an. Inzwischen steht das letzte Taxi schon vor der Zufahrt des Entsorgungsparks. Den neu ankommenden Kollegen bleibt nichts anderes übrig, als sich, ohne die Möglichkeit zu wenden, auf der Gegenspur, zwischen den abenteuerlich abgestellten Fahrzeugen der Fußballfans, aufzustellen. 

Taxis in zwei Reihen vor der Allianz Arena Nacht
Warten auf den Abpfiff


Ich fahre einfach mit eingeschalteter Taxileuchte mit dem elfenbeinweißen Wurm mit auf den Parkplatz. Dort schalte ich mein Taxilicht aus und warte als bestelltes Taxi auf meine Kunden.
So meine Taktik, die im Großen und Ganzen auch aufging. Kaum habe ich die Schranke zum Parkplatz erreicht, kann ich noch ein paar Worte mit Thomas von der e.G. wechseln. Dabei wollen schon die ersten Fans zusteigen. Auf dem Parkplatz ist schon kein einziges freies Taxi mehr. Mein Taxilicht bleibt dunkel, der Sichtschutz ist hochgefahren und die Türen verriegelt. Trotzdem klopfen Hunderte an mein Fenster.

Vorne, mitten im Strom der Fußballfans, die aus dem Stadion stürmen, treffe ich auf einen Kollegen, den ich vom Flughafen kenne. Mein Leidensgenosse sitzt kopfschüttelnd hinter dem Lenkrad seines Taxis. Ich klopfe an sein Fenster, er weist mich mit der gleichen Handbewegung ab, die auch ich unzählige Male anwendete. Als er mich erkennt, müßen wir Beide lächeln.

Ich selbst stehe draußen, neben meinem Taxi, beobachte wie die Interessenten ungläubig ins dunkle, leere Fahrzeug starren. Wenn ihr ratloser Blick auf mich fällt, drehe ich mich um mich selbst, als würde ich den Fahrer suchen. Das erspart mir unnötige Diskussionen. Dabei entdecke ich meine zwei Russen. Fürsorglich lasse ich sie einsteigen. Sichtlich froh sind sie, mich bestellt zu haben. Dabei beginnt die Odyssee erst jetzt. Unmittelbar nach dem Champions League Spiel, zwischen Tausenden von enttäuschten Fußballfans, direkt am Hot Spot der Allianz-Arena, ist in Bezug auf Ort und Zeit der besch...enste Platz in München, wenn nicht in ganz Bayern. Es gibt absolut keine Möglichkeit schnell von hier zu verschwinden. Wir sind im Zentrum des Verkehrschaos. Noch einmal 50 Minuten Nervenkrieg bis wir endlich wieder auf der Autobahn sind. Gefangen auf der Werner-Heisenberg-Allee habe ich mehr als genug Zeit mir zu schwören, mich nie wieder wissentlich in eine solche Situation zu bringen.

PS für die Fußballer: Real hat 2:1 gewonnen. Am Dienstag ist das Rückspiel in Madrid.
Für die Taxifahrer: Schreibt doch in die Kommentare ob ihr auch so gerne Abholungen an solchen Orten macht.

Donnerstag, 26. April 2018

Terrorübung am HBF


Taxi am Taxistand Bahnhof München Verkehrsschild
Vorbereitung zur Terrorabwehrgroßübung



Während einer Übung, die die Reaktionen auf einen terroristischen Anschlag darstellen soll, werden für den Ernstfall wichtige Erkenntnisse gewonnen.
Die Rettungskräfte kommen trotz Blaulicht nicht schnell genug durch den dichten Verkehr, finden am Einsatzort keinen geeigneten Platz für ihre Fahrzeuge. Die Sanitäter und Polizisten müssen weitere Strecken laufen um zu den Opfern und Tätern zu gelangen. Dabei müssen sie sich orientieren und die Umgebung aufmerksam beobachten.
Bei der Notrufzentrale gehen unzählige Anrufe ein. Unbeteiligte hören Schüsse, sehen Bewaffnete über die Straße rennen und melden aufgeregt ihre Beobachtungen unter der Nummer 110 der Polizei. Die Meldungen müssen dort blitzschnell gefiltert und verarbeitet werden. Es darf keine wertvolle Information unbeachtet bleiben. Das wird geübt wenn die Szenerie nicht abgeschirmt, jedermann informiert und die Parkplätze weit im Voraus schon reserviert werden.
So wird aus einer wichtigen Übung ein Planspiel bei dem die Erkenntnisausbeute gering bleibt, weil möglichst viele Unwägbarkeiten schon vorher ausgeschlossen wurden.

Dienstag, 24. April 2018

Passsst!


Elefanten Kopf über Savanna Maistraße
Elefantenkopf Savanna Maistraße 



Es ist eine meiner seltenen Nachtfahrten. Direkt aus dem Savanna, dem Lokal mit dem großem Elefantenkopf über der Eingangstüre, steigen sie zumindest ins Taxi. Kaum haben die sich die drei Krawallos auf die Rückbank gedrängt, geht das Geschrei schon los;

„HEY Musik.“

„LAUTER! Dreh auf!“

„D-e-s-p-a-c-i-t-ooo ...“

„ Hard Rock, Hard Rock, Hard Rock, ....“

„D-e-s-p-a-c-i-t-ooo ...“

Der einzig Ruhige sitzt vorne neben mir auf dem Beifahrersitz. Er kann mir bei dem Geschrei nicht einmal das Fahrziel nennen.

Ich schmunzle, zucke leicht mit den Schultern und bemerke trocken;
„Kinder.“

Jetzt kommt von hinten;
„HEEEYYY, wir sind alle über 30.“

„Das ist keine Frage des Alters.“

Die Antwort ist mir einfach so rausgerutscht. Ich weiß nicht ob das Schlagfertigkeit war, denn sie taten mir fast ein bisschen leid. Denn jetzt war Ruhe im Karton. Mein Beifahrer konnte mir das Ziel nennen. Es geht zum Gabány, eine Bar am Beethovenplatz, nicht mal ein  Kilometer vom Savanna entfernt.

Sonntag, 22. April 2018

Wieder Mittendrin


Womit soll ich anfangen, wenn ich nach langer Zeit wieder beginne zu bloggen? Am besten mittendrin! Mitten zwischen meinen Reisen nach Spanien, Andorra, Frankreich und den Taxigeschichten.
Den aktuellen Anlaß bietet eine Fahrt mit Stammkunden zum Tegernsee. Direkt vom Flughafen geht’s vom Start der Reise in Vietnam zum Tegernsee. Das Wetter, es ist einer der ersten warmen, sonnigen Frühlingstage dieses Jahres, ist geradezu perfekt.

Taxi Tegernsee Fischer Kahn Westufer
Am Westufer des Tegernsees


Vom Flughafen kommend sparen wir uns den dichten Verkehr auf der A9, kürzen über die 301 ab, fahren in Höhe Aschheim auf die Ostumgehung, von dort auf die A8 Richtung Salzburg, Ausfahrt Holzkirchen, auf die 318 Richtung Gmund. Gleich nach Holzkirchen fragt mich einer meiner Fahrgäste; 

“Ist da in Warngau noch die Tunnelbaustelle?”

“Das letzte Mal als ich hier entlang fuhr war sie noch da. Ist allerdings schon eine Weile her ...”

Dann besinne ich mich;
“Halt - das war erst vor drei Wochen. Auf dem Weg nach Marseille. Da sind wir hier vorbeigekommen. Da war in Warngau noch die Baustelle.” 

“Nach Marseille?!?”

Jetzt habe ich die Neugier und meine Schreiblust wieder entdeckt. Es war auf einer Reise mit meinem Schulfreund aus unserer Heimatgemeinde Baar. Das Ziel unserer Wallfahrt ist die Schwarze Sara in Saints Marie de la Mar in der Camargue. Seit meinem letzten Besuch bei der Sara, damals war ich alleine unterwegs, ist noch nicht mal ein Jahr vergangen.

Taxi vor Fischerkahn neben Fischerhütte
Sonniger Tag am See

Aber langsam, ich muß dazwischen auch noch Taxifahren. Und schon bin ich wieder mittendrin in meinen Geschichten. Ich hoffe für uns, daß es einige davon in diesen Blog schaffen.