Samstag, 21. Oktober 2017

Nur noch



Schönstes Herbstwetter. Morgens habe ich eine Fahrt von Oberpframmern zum Flughafen, dort stelle ich mich auf, erwische nach zwei und einer halben Stunde eine Rückfahrt zur Olof-Palme-Straße an der Messe. Schon auf dem Weg von Aschheim nach Riem lockt mich das flammende Herbstlaub an den Bäumen neben der Straße. Unsere Kunden am Nachmittag kann meine Frau alleine bedienen. Nachdem mein Geschäftsmann ausgestiegen ist, kann ich dem Schrei der Natur nicht mehr wiederstehen. Es ist erst 11 Uhr, wenn ich mich beeile kann ich um halb eins schon in den Bergen sein.
Das Taxi stelle ich gleich hinter meinem grünen, kleinen Auto ab. Am liebsten würde ich einfach nur umsteigen, ich muß vorher nur noch ...
Das nur noch war dann alles andere als nur. Taxifahrer wissen es; wir arbeiten mi hat nur hinter dem Steuer. Ich schreibe eine Rechnung, dann bestätige ich die eingehenden Fahrten per Fax, die gebe ich anschließend ein. Dann ist da noch die e-Mail. Im Steuerberater. Um das III. Quartal fertigzumachen muß ich ihm no h Belege nachreichen. Ich suche den Beleg zu einer Mytaxigutschrift im Juni, zu einer HALE - Lastschrift, u.s.w. Schließlich buche ich noch ein Hotel für die Kinder in Frankfurt. Und aus dem nur noch sind zwei Stunden geworden. 

Reinhold Siegel Kochelsee Jochberg Aufstieg Taxi
Aufwärts immer - runter nimmer!

Viel zu spät komme ich an den Parkplatz am Kesselberg. Erst um drei Uhr gehe ich in Richtung Jochberg los. Schon nach den ersten hundert Metern merke ich wie unfit ich bin. Die anderen Wanderer, es sind überraschend viele für Dienstag Nachmittag, überholen mich von hinten. Von oben kommen auch welche. Freundlich gehe ich aus dem schmalen Steig um sie vorbeizulassen.
Ständig, ja nach Alter des Gegenübers;

„Servus.“ „Servus.“ „Grüß Gott.“ „Servus.“ ...

Ich überhole niemanden. Das nervt mich gewaltig. Bockig stampfe ich weiter auf den Berg. Ich schwitze wie ein Affe. Was muß ich auch einen Rucksack wie zu einer Expedition mitschleppen. Power Pack zum Handy aufladen, 1,5 Liter Wasser, ein Pullover, ein Fernglas, Verbandszeug, Schnur, Draht, Messer, ... Dazu mein dicker Bauch. Die anderen laufen den Berg rauf wie die jungen Gamsen. Zack, Zack, Zack, schon sind sie hinter der nächsten Biegung verschwunden. Zornig reiße ich mir mein Hemd vom Leib, stopfe es in den Rucksack. Mein T-Shirt ist verschwitzt.

Servus.“ „Servus.“ „Grüß Gott.“ „Servus.“ ...

Meine Antworten werden immer bockiger. Wie gerne wäre ich auch so fit wie die.
„Sie wagen aber einen späten Aufstieg.“ ermahnen mich Wanderer die von oben kommen. 

„I drah glei wieder um ...“ 

Meinen -> Umkehrpunkt im Januar habe ich schon lange hinter mir. Diesmal komme ich bis kurz hinter die Gabelung an der sich der Weg  zum Jochberg und zur Jocheralm trennt. Hier drehe ich heute um. Mir glangts! Ich suche mir auf dem Rückweg einen Aussichtspunkt von dem ich gleichzeitig den Walchensee und den Kochelsee sehen kann. Mit dem Fernglas leuchte ich tief ins Land, auf die Seen und an den Ufern entlang. Jetzt noch der Abstieg, der geht bei dem Gewicht auf meine Knochen. Kurz bevor das Tageslicht endgültig verschwindet bin ich wieder glücklich bei meinem Auto. Ich fühle mich schlapp und ausgelaugt aber irgendwie pudelwohl. 

Jochberg Herbst Blick vom Jochberg auf den Kochelsee
Der Kochelsee vom Jochberg

Auf dem Rückweg bemerke ich die Motorradfahrer, die in spektakulärer Art den Kesselberg rauf und runter brausen. Jetzt in der Dämmerung sehe ich, wenn sie sich in die Kurven legen, die Funken sprühen. Auf einem Parkplatz stehen ca. 20 Biker neben ihren Maschinen und unterhalten sich, während sie ihren Kollegen zuschauen. Ich geselle mich zu ihnen. Sie sind ganz froh über die neuen Fahrbahnteiler. Vorher war es gefährlicher, die Autofahrer haben die Kurven geschnitten, sind dabei mit allen vier Reifen auf die Gegenfahrbahn gekommen. Brandgefährlich für die Biker. Erst letzten Monat hat ein Autofahrer die Fahrbahn überquert um auf den Parkplatz an der Gegenspur zu kommen. Dabei hat er einen Motorradfahrer angefahren. Wären die Fahrbahnteiler schon aufgebaut worden, wäre der Unfall nicht passiert. Bei der nächsten Gelegenheit werde ich die Fahrbahnteiler fotografieren, damit ihr euch vorstellen könnt, was ich meine.
Noch während wir sprechen kommt ein Polizei-VW-Bus den Berg heraufgefahren. Der Bus steht noch nicht ganz, springt schon der Beifahrer, ein älterer Polizist, von seinem Beifahrersitz; 

„Auf geht’s Herrschaften. Gema, gema, gema! (Gehen wir)“ 

Man kennt sich. Ein Motorradfahrer bleibt hier. Sein Motorrad wird von den Polizisten fotografiert. Ich verschwinde mit den Bikern, fahre nach Hause. Die Autobahnauffahrt Murnau auf die Garmischer Autobahn in Richtung München ist gesperrt. So fahre ich einfach auf der B11 weiter. Kurz vor Benediktbeuern kehre ich in das Alpenrestaurant Rabenkopf ein. Die böhmische Speisekarte ist recht umfangreich. Zu jedem Gericht steht ein nettes Satzerl. Hier bekomme ich meinen Schweinebraten nach böhmisch/niederbayerischer Art, mit Sauerkraut, anstelle von Krautsalat. 

Auf dem Nachhauseweg fahre ich bei Penzberg auf die A95. Von hier aus geht’s geradeaus satt und zufrieden  über die Autobahn nach München - nur noch.

Kommentare:

  1. Das nächste Mal nimmst mich mit.... Unfitter als ich wirst du sicher nicht sein ;-) Gruß, Eva L.

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  2. Denk da nix Reinhold! Mi hams sogar beim obi geh vom Brauneck dauernd ueberholt! Und staendig "servus...hallo...gruess gott" von hintn! Aber der Auftrag war im Kasten!

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    1. Ich hab die Fotos ccho gsegn. Wircklich im Kasten. :-)

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