Sonntag, 3. September 2017

Straßenbahn oder Yacht?



Marcel Reich-Ranicki wird das Zitat zugeschrieben; „Geld allein macht nicht glücklich, aber es ist besser, in einem Taxi zu weinen als in der Straßenbahn.“ 

Im Yachthafen von Barcelona, angesichts der Luxuskarossen und Superyachten, mache ich mir als Taxifahrer natürlich Gedanken über Glück und Reichtum. Natürlich gefällt es mir mehr, den Gin-Tonic, serviert vom zuvorkommenden Kellner in der hübschen Matrosenuniform, am Hafen zu trinken, als wenn ich mir meinen Longdrink selbst mixe, und auf dem Balkon mit Ausblick auf Müllhäuschen und Bolzplatz schlürfe. Ist der Reiche glücklich, oder der Glückliche reich? 

Der Lotse geht von Bord

Bei der Ausfahrt aus dem Hafen beobachte ich eine Yacht. Ein kleines Lotsenboot begleitet das prächtige Schiff. Nach der Ausfahrt aus dem Hafen, hängt die Yachtbesatzung an Steuerbord Fender und ein Fallreep aus. Das kleine Lotsenboot fährt ganz dicht an die Yacht und übernimmt den Lotsen. Nachdem das Lotsenboot abgedreht hat, nimmt die Yacht Fahrt auf.
Ein Taxifahrerleben reicht nicht aus sich so eine Yacht zusammenzuradeln, erarbeiten ist sowieso nicht möglich, nicht einmal erbürgermeistern lässt sich eine solche Ausgabe. Da können wir lange an unserer Work-Life-Balance schieben. Das Leben ist endlich. Lohnabhängige können einen immer größeren Teil ihrer Zeit, auf Kosten des Life's, verkaufen. Dabei stelle ich mir einen Linie vor. Einen Zeitstrahl in etwa, wie ihn die Grundschüler in den 70ern während des Geschichtsunterrichts gebastelt, und an die hintere Wand Ihres Klassenzimmers gehängt haben. Auf diesem, auf das einzelne Leben übertragenem Strahl, gibt es kleine senkrechte Striche, die jeweils die Bereiche Arbeit oder Freizeit abgrenzen. Es ist an jedem Einzelnen seine Striche zu setzen und seine persönliche Work-Life-Balance zu erstellen. Das geschieht sowieso - egal ob die Striche gesetzt werden oder nicht. Unser Model bleibt dabei einfach linear.
Fleißige Arbeiter bringen noch die Lebensintensität ins Spiel. Hart, effizient arbeiten, keine Zeit verschwenden, die Anstrengungen kompensieren und dafür feiern bis es kracht. Work hard. Play hard.  Diese Menschen sind soweit, daß sie sich in Reich-Ranickis Vorstellung im Taxi weinend wohler fühlen als in der Straßenbahn.

 Unser Strahlenmodel hat sich um eine Dimension erweitert. Jetzt beginnt die Linie nach oben und unten zu schwingen. Je härter die Arbeit und intensiver die Freizeit. Je effizienter die Work und luxuriöser das Life, desto mehr schlagen die Amplituden nach oben und unten aus. In diesem Zustand gibt es nichts schlimmeres als Warten. Jede Minute die nicht mit Arbeit oder Freizeit ausgefüllt ist gilt als verschwendet. Diese Zeitgenossen suchen nicht das Hier und Jetzt und werden es aus diesem Grund auch nur schwer finden.

In unserem Model fügen wir eine weitere Dimension hinzu. Bis jetzt konnte alles zweidimensional auf einem Blatt Papier aufgemalt werden. Achtsamkeit, Erkenntnis und Verständnis vorausgesetzt, gewinnen Ereignisse Tiefe und Bedeutung. Richtiger Freude oder Trauer ist es egal wo geweint wird - am Bordstein, in der Straßenbahn, im Taxi oder auf der Yacht. 

Strand Barcelona W-Hotel

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