Freitag, 29. September 2017

SI!



Ich sitze in der Metro. Mein Ziel ist der Pla de La Seu, der Zentrale Platz in vor der Kathedrale Barcelonas. Nicht dem Touristenmagnet Sagrada Família, sondern der Kathedrale für den Gebrauch. Es ist Sonntag im Juni und ich bin schon auf die Messe gespannt. Selten verpasse ich im Ausland an einem religiösen Ritus teilzunehmen.
In der Metro fällt mir schon auf wie immer mehr und mehr Fahrgäste zusteigen, die Halstücher in den Katalonischen Farben, oder Anstecker mit dem kurzen Slogan SI!, tragen. Sie werden heute für die Unabhängigkeit Kataloniens, oder überhaupt für das Referendum am 1.Oktober, demonstrieren.
Vor der Kirche gehe ich schnurstracks an den Besucherreihen vorbei. Dem ersten Büttel mache ich klar, daß ich die Messe besuchen werde. Der vordere Bereich um den Altar ist noch einmal abgesperrt. Hier versammeln sich die Gläubigen. Fotografieren ist streng verboten. Ich halte mich bescheiden zurück und beobachte die Zeremonie. Neben mich stellt sich ein junger, kräftiger Mann mit Vollbart. An seine Umhängetasche hat er die orange-rote Fahne geknotet. Brav, aufrecht, mit zusammengestellten Füssen steht er neben mir und singt sicher die Lieder mit. Er ist textsicher. Laut wiederholt er die Beschwörungsformeln der Priester. Hinter dem Altar stehen sieben Pfaffen und zelebrieren den Gottesdienst. Neben dem Frauenchor gibt es einen Dirigenten, der die Gesänge der einfachen Teilnehmer mit großen Gesten dirigiert. Ich genieße das aufwändige Schauspiel.
Heimlich, kaum von mir bemerkt, zückt die Dame, die links von mir steht, ihr Smartphone und fotografiert die Zeremonie. Dabei hält sie ihr Telefon unterhalb der Brusthöhe. Es vergehen keine zwei Minuten bis einer der Aufpasser hinter ihr steht. Kurz spricht er in sein Funkgerät. Danach tippt er der Dame auf die Schulter um sie noch einmal auf das Fotografierverbot hinzuweisen. Mir wird sofort klar, wir werden aufmerksam beobachtet. Hinter den Monitoren, die von den vielen, kleinen, unauffälligen Kameras mit Bildern versorgt werden, müssen, alleine für diesen Raum mindestens zwei Beobachter sitzen.
Nach der Kommunion tauchen drei junge Männer mit Anzügen auf. Mit Klingelbeuteln, so wird das in meiner Heimat genannt, betteln sie um Geld. Als einer der Männer meinem bärtigen Nachbarn den Beutel unter die Nase halten, beginnt dieser mit ihm einen leisen, kurzen Disput. Danach betet er aber fleißig bis zum Ende der Messe mit. 

Nach dem Segen komme ich wieder heraus auf den hellen Platz vor der Kathedrale. Zwischen hat sich eine Musikgruppe mit traditionellen Instrumenten aufgebaut. Eine Gruppe von Tänzern hat sich gegenseitig die Hände auf die Schultern gelegt. Sie bilden einen großen Kreis und tanzen zu der Musik der Flöten und kleinen Trommeln. Wie die Musiker tragen die Tänzer hellblaue T-Shirts. Es ist ein langsamer, fast bedächtiger Tanz. Die Touristen, die sich einreihen wollen, werden freundlich zurückgebeten. Die Zuschauer bemerken es, es ist eine eher seriöse Angelegenheit der Katalanen. Eine ältere Dame bietet um eine Spende für die Unabhängigkeit Kataloniens. Ich gebe gerne und mit Freude. Sie klebt mir ein kleines Abzeichen auf mein Hemd. Immer wenn wir uns auf dem Platz sehen, grüssen wir uns lächelnd. Spontan bilden sich mehrere, kleinere Tanzkreise. Der Opa tanzt neben der Dame, die wiederum hat ihre Arme auf die Schultern eines jungen Mädchens gelegt, es folgt eine ganze Familie. Niemand schreit und plärrt. Alles geschieht ruhig und kraftvoll. Unter den Arkaden bilden vier Jugendliche einen Kreis. Und es bleibt nicht bei dem einen … Jede Frau und jeder Mann, die noch nicht abgestumpft sind, spüren es. Diese unaufhaltsame Kraft. Ich danke meiner Neugierde und dem Schicksal für diesen Sonntagvormittag vor der Kathedrale. Wochen später, im Taxi am Sendlinger Tor Platz, beim Schreiben dieses Posts, läuft mir ein Schauer über den Rücken. 
Am Sonntag soll hier gefeiert werden

Später habe ich im Internet gelesen, daß sich, während ich im Untergrund war, Pep Guardiola, ein ehemaliger Trainer des FC Bayerns, genannt diesem Platz, für die Souveränität Kataloniens ausgesprochen hat. Die spanische Regierung tut alles um das Referendum am 1.Oktober zu unterdrücken. Jeder der daran teilnimmt wird mit Geldstrafen bedroht, gewählte Bürgermeister, die Schulen für die Wahl zur Verfügung stellen, sogar mit Amtsenthebung und Haftstrafen. Jede Druckerei die Stimmzettel oder Werbung druckt, jeder Webseitenbetreiber der für die Selbstbestimmung veröffentlicht, wird als illegal erklärt. Die Bürokraten kennen den Willen der Menschen. Bei der letzten Wahl ließen sich noch viele einschüchtern. Es sind nur ein Drittel der Berechtigten gekommen. Aber die haben mit 80 Prozent für die Unabhängigkeit gestimmt. Der Regierung bleibt nur, durch Drohungen möglichst viele von der Abstimmung fernzuhalten, damit diese nicht legitimiert wird. Als gäbe es kein Selbstbestimmungsrecht der Völker.
Inzwischen war ich im Baskenland. Ein ähnlicher Fall. Mit allergrößtem Interesse beobachten die Basken die Entwicklung im angrenzenden Katalonien. Hoffentlich nicht nur diese Woche und hoffentlich nicht nur die Nachbarn.

Am Abend habe ich mich mit meiner Frau zum Paella essen am Pla de La Seu getroffen. Wir sitzen an den Tischen vor dem Café d’en Víctor. Gegenüber, im Schatten der antiken, römischen Mauer, finde ich zufällig meinen bärtigen, jungen Freund von heute morgen. Behende packt er seine Lederumhängetasche, knotet die, zuvor ausgebreitete, katalanische Fahne an den Riemen und verschwindet in Richtung Hafen.

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