Samstag, 18. Februar 2017

Typisch Deutsch


Siegfried im Spätsommer am Nordsteg der Fraueninsel



"You are typical German, Mr. Siegel. Always being exactly ..."
begrüßt mich lächelnd mein Fahrgast aus Indien. Das muß ich auch sein, denn diesmal kommen sie zu viert am Flughafen an. Zwei von Mumbay über Dubai, einer aus Chicago und der Vierte mit dem Zug aus Nürnberg. Wir kennen uns schon knapp ein Jahr. Angefangen hat es mit einer Fahrt vom Flughafen München nach Bad Gögging. Über meine -> Bad Gögging Seite haben sie mich gefunden. Die Bestellung war etwas schwierig. Kommunikation mit SMS über die ganze Welt in Englisch: 

"Ich komme ungefähr (approximately) um 11 Uhr aus Berlin an."
"Mit welchem Flug?"
"Mit Lufthansa."
"Welcher Flug?"
"0815"
"Vielen Dank, ich warte auf dich am Terminal 2 wenn du mit deinem Gepäck rauskommst."
"Perfekt, dann nehmen wir auch Keman mit, der kommt aus Paris nach München."
 
Zwei Tage später stehe ich mit meinem neuen Freund aus Indien am Terminal 2. Seit 20 Minuten blicken wir auf die große Anzeigetafel. Der Flug aus Paris ist schon abgefertigt. Das grüne Licht vor der Gepäckbandanzeige ist gerade erloschen. Von Keman keine Spur. 

Vorsichtig frage ich; " Mit welcher Maschine soll denn der Keman ankommen.?"
"Aus Paris."
"Mit welchem Flug?"
"Air France."
"Dann sind wir hier falsch. Die Air France landet am Terminal 2, Modul D." 

Dort wartet auch schon Keman. Er hat schon längst sein Gepäck und steht mit seinem Rollkoffer vor dem Gebäude. Wir sind komplett. Fahren endlich los.
Sonntags wähle ich den kurzen, interessanteren Weg über die 301, Au in der Hallertau, Mainburg durch die Hopfengärten nach Bad Gögging. Im September ist der Hopfen schon geerntet. Ich will meinen Fahrgäste den unverwechselbaren Duft des grünen Goldes zeigen. Während der Fahrt entdecke ich noch einen Buschen Hopfen auf halber Höhe am Ankerdraht hängen. Ich halte an, steige, die Grassoden nutzend, durch den Acker. Ich recke mich, mache mich ganz lang, zupfe den Rest der Pflanze vom Draht. Als ich mich umdrehe stehen drei, Dunkelhäutige im Anzug und feinem Schuhwerk im Baaz der Holledau. Sie sind mir gefolgt, wollten wissen was der Taxifahrer dort in dem, ihnen gänzlich unbekanntem, Drahtgewirr nur macht. Hät des jetzat ned glangt das i mi dreckat mach!? Ihre interessierten braunen Augen hinter den Brillengläsern besänftigen mich. Die ergatterten Dolden zerreibe ich zwischen meinen Fingern, halte sie ihnen unter die Nase. Im Nu verbreitet sich das mir vertraute und geliebte würzige Aroma reifen Hopfens. Sie teilen sich die zerfaserten Dolden auf, jeder steckt sich etwas ein. Ich versuche mir auszumalen welchen Eindruck wir bei den vorbeifahrenden Holledauern machen. Ein Münchner Taxi mit weit geöffneten Türen, daneben drei Inder die sich unter der strengen Aufsicht des Taxifahrers die Schuhe im Gras abstreifen. Bei mir allerdings haben die Drei Pluspunkte gesammelt. Solche interessierten Fahrgäste habe ich gerne. Andersrum muß es genau so sein, offensichtlich sind sie mit mir zufrieden, denn sie bestellen jetzt die Rückfahrt. Sie wollen nicht direkt zum Flughafen sondern die Nacht vor dem Abflug in einem Hotel verbringen.

"Welches Hotel?"
"Im Marriott."
"In welchem Marriott?"
"Das nahe dem Flughafen." 

Sie wollten in das Marriott Hotel in Freising. Von dort bringe ich am nächsten Morgen meine Gäste zum Flughafen. Diese Fahrt alleine lohnt sich nicht, aber das Gesamtpaket, mit den zwei Fahrten nach und von Bad Gögging, ist äußerst lukrativ.
Zudem sich das Spiel im Dezember noch einmal wiederholt hat. Das Ziel der Fahrt war diesmal Grassau. Damals empfahl ich meinen indischen Freunden das Schloß Herrenchiemsee auf der Insel im Chiemgau, oder den Obersalzberg zu besuchen. Sie waren aber so sehr mit ihrem Workshop beschäftigt, daß für Ausflüge keine Zeit blieb. 

Jetzt haben sie mich wieder kontaktiert, inzwischen haben wir eine WhatsApp Travel Bavaria Group. Keman hat als Gruppenbild eine Aufnahme vom Schloß Neuschwanstein gewählt. Diesmal tagen sie im -> Yachthotel Chiemsee  in Prien direkt am Ufer des Chiemsees. Bevor sie ankommen habe ich mich informiert und leider festgestellt, daß die Schifffahrt wegen des Eises auf dem Chiemsee eingestellt ist. Mir tun die Gäste leid, jetzt reisen sie um die halbe Welt, haben die Insel vor der Nase, können sie aber nicht erreichen, weil das Eis für die Schifffahrt zu dick und für den Weg zu Fuß zu dünn ist.
Ich selbst war erst während des letzten Spätsommers mit Freunden auf der Herreninsel. Wir gönnten uns drei wunderschöne Tage im Chiemgau. Nach dem Schloß Herrenchiemsee auf der Herreninsel besuchten wir natürlich auch den Inselwirt und die zwei tausendjährigen Linden auf der Fraueninsel. Beim anschließenden Schwimmen im Chiemsee hätten wir beinahe die Zeit vergessen. Nur unter größter Eile erreichten wir am Nordsteg das für diesen Tag letzte Schiff ans Festland. Das Schiff bot ein stimmungsvolles Bild, wie es, die Positionsleuchten schon eingeschaltet, vor der untergehenden Abendsonne, uns erwartend, am Steg lag. 

Ich hätte so gerne meinen Indern einen kurzen Ausflug auf die Insel gegönnt. Bevor ich wieder leer  zurück nach München fahre, schaue ich kurz am Hafen in Prien vorbei, um mich selbst davon zu überzeugen ob die Schiffe tatsächlich nicht fahren. Auf dem Parkplatz vor dem Hafen stehen nur wenige Autos. Die Kassenhäuschen der Chiemsee Schifffahrt sind nicht besetzt. Der Eisfahrplan ist noch nicht installiert. Im Hafen liegen alle Schiffe der Chiemseeflotte. Darunter auch unser Schiff vom Spätsommer. 

"Welches Schiff?"
"Die Siegfried."
Typisch Deutsch

Die Siegfried im Spätwinter im Hafen von Prien


1 Kommentar:

  1. Ich bin beruflich viel in Bayern unterwegs und habe den Geruch des Hopfen jetzt richtig in der Nase. Die Hallertau ist eine wunderschöne Gegend und wenn man überlegt das dort DER Grundstoff für unser Bier herkommt....Da bekommt man fast Durst :-)
    Wunderbar geschrieben, danke dafür!

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