Montag, 23. Januar 2017

Solidarität



Was bringt mich dazu am Sonntag um halb acht aufzustehen, den Müll runterzubringen, und mich in ein ausgekühltes Taxi zu setzen? Solidarität!

Gestern waren wir, die ganze Familie, das was Couch Potatos genannt wird. Den ganzen Tag verfaulenzt. Von Shopping Queen bis Paranoia auf Pro 7. Selbst das Abendessen haben wir uns von Lieferheld kommen lassen. Die Teller blieben im Küchenschrank. Die Pizzakartons, in denen die Pizza Americana mit extra Kapern und die Pizza Hawai geliefert wurden, stecken jetzt in meinem Müllsack.
Ich habe gestern, meinen Vorsatz verwerfend, die gute Samstagnachtschicht sausen lassen. Heute, am Sonntag, hat meine Frau zwei Vorbestellungen. Eine Schaukel, besetzt zum Flughafen und von dort dann wieder besetzt zurück. Um ihr nicht das Gefühl zu geben, alleine arbeiten zu müssen und um mein Gewissen zu beruhigen, bin ich ohne einen anderen zwingenden Termin, mit ihr  aufgestanden.

Nein, diesen Morgen fange ich nicht am Domagkstand an. Obwohl der Standplatz vor dem Rilano Hotel ziemlich nahe und mit Telekom Hot-Spot ausgestattet ist. Für das kalte Taxi ist der Standplatz aber zu nahe.
 Langsam fahre ich die Ingolstädter Straße stadteinwärts. Standplatz Leopold ist schon besetzt. Die Scheiben tauen auf. Vier Kollegen stehen an der Münchner Freiheit. Ich fahre, inzwischen auf der Leopoldstraße, weiter durch das verschlafene, eisgekühlte München. Siegestor - hier stehen zwei Kollegen. Mich friert es immer noch wie einen Schneider. Also weiter, bin schon auf der Ludwigstraße. Der Standplatz am Odeonsplatz ist leer. Kein Wunder, wer wird denn hier um diese Zeit ein Taxi brauchen? Ich wage das Experiment. 

Auf der Ludwigstraße zum Odeonsplatz

Während ich auf meinen ersten Überraschungsgast warte biegt von der Briener Straße ein Fahrradfahrer ein. Das wäre nichts Besonderes hätte er nicht einen schwarzen Neoprenanzug an und ein Surfbrett unter dem Arm. Einer der Eisbachsurfer - in München nicht unüblich. Bei diesen Temperaturen allerdings macht der Eisbach seinem Namen alle Ehre. Respektvoll schaue ich dem harten Burschen auf dem Fahrrad hinterher, da steht schon ein älterer Herr, auf seinem Rollator gestützt, neben mir. Ich packe seine Gehhilfe in meinen Kofferraum. Er will zur Münchner Freiheit. Am Odeonsplatz sind die Aufzüge zur U-Bahn ausgefallen und die Rolltreppen fahren nur nach oben. Er hat sich erkundigt; die Rolltreppen fahren nicht nach unten damit sie den Schnee und den Rollsplitt nicht in die U-Bahnhöfe schaufeln. Somit kommt der Herr nicht zu seiner U-Bahn und ich habe meinen ersten Gast.  Auf seinen Zehner, mit dem er die 8,70€ auf dem Taxameter bezahlt, gebe ich ihm einen Euro heraus.

"Ist der aber kalt." ; bemerkt er.
"Der hat im Taxi übernachtet." erkläre ich ihm.

Aus den vier Taxis an der Freiheit sind fünf geworden. Ich bleibe nicht stehen, fahre weiter Richtung Norden. Ein Mytaxi-Auftrag beschert mir ein junges, indisches Paar. An der Osterwaldstraße empfangen Sie mich schon mit unglücklichen Gesichtern. Der Mann muss quick ins Hospital nach Bogenhausen. Unter Gejammer und schweren Atemzügen bringe ich meinen Patienten und seine fürsorgliche Begleitung über den Isarring und Effnerplatz zum Emergency Entrance.
Gleich vor dem Krankenhaus, am Engelschalkinger Stand, steigt mir, nach nur kurzer Wartezeit ein Kollege ein. Ich zeige ihm wie er den Beifahrersitz nach hinten stellen, und die Sitzheizung einschalten, kann.

"Ich weiß, ich weiß, ich fahre das gleiche Auto. Ich bin Fahrer beim Konsulat. Jetzt haben die mich kurzfristig angerufen. Ich muss heute kommen."
Konsulat und Engelschalkinger - da war mir das Fahrziel schon klar. Das Konsulat der Vereinigten Arabischen Emirate in der Lohengrinstraße. So war es dann auch. Acht Euro bekomme ich für die Fahrt.

Mein nächster Kunde, ein Kellner, ist auch auf den Weg zu seiner Arbeit. Er muss zu einem Restaurant in der Briener Straße. Auch er hat es eilig. Der Samstag, der Samstag, oh Gott der Samstag hat ihn geschlaucht. Jetzt ist er zu spät dran. Selbst die grüne Welle auf der Leopoldstraße einwärts kann ihn nicht mehr retten. Sein Chef wartet schon über eine Stunde auf ihn.
Ich kann nach der Tour am nächsten Standplatz nicht mehr solange warten. Der Chef meines zweiten Fahrgastes wird wahrscheinlich auch kein zweites Mal mehr solange auf ihn warten. Der erste Stammgast dieses Tages steht in meinem Terminkalender. Als zweiter schere ich aus der Reihe der wartenden Taxis am Max-Joseph-Platz aus. Mein solidarisches Aufstehen hat sich gelohnt. Selbst an einem wenig erfolgversprechenden, eisigen Sonntagmorgen finden sich Fahrgäste die froh um ein Taxi sind.

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