Sonntag, 14. August 2016

Plaza Mayor 5/7



Ursprünglich war der Platz ein Marktplatz. Im Laufe der Jahrhunderte wurden hier auch Fußballspiele und Stierkämpfe abgehalten. Langsam leert sich der Krug. Beide sind nur schwache Trinker. Schon mancher Versuch sich zu betrinken, endete schlafend neben einer halbvollen Weinflasche von der Tankstelle. Als Feinde der Trinksucht schätzen sie diese Eigenschaft am jeweils anderen.
Sinnierend über die Autodafés der Inquisition mit der anschließenden Verbrennung der Ketzer und Hexen, hier während des späten Mittelalters, erwägt Sebastian, Joe in den eigentlichen Grund dieser Reise einzuweihen.
Die Abenddämmerung bricht herein. Sie beschließen zur Puerta der Sol zu gehen, um von dort mit der Metro zurück zum Hotel zu fahren. In dem Laden mit den Heiligenfiguren brennt noch Licht. Im Vorbeigehen registriert Sebastian den Erzengel Michael in der Auslage hinter dem Schaufenster. Er kann ihn ja auch noch Morgen kaufen, bis dahin ist noch Zeit genug.

Die Straße von der Metrostation Suanzes zum Hotel ist jetzt ruhig. Nicht zu vergleichen mit dem geschäftigen Treiben tagsüber. Die spärliche, gelbliche Straßenbeleuchtung lässt die geschlossenen Rolltore vor den Werkstätten erkennen. Irgendwo in einem Hinterhof bellt ein Hund.
Auf seinem Hotelzimmer wählt Sebastian einen spanischen Sender zum einschlafen. Es läuft ein alter schwarz-weiß Film. In einem kargen Bergdorf kämpft ein junger Priester um die Seelen der grobschlächtigen Bewohner. Sebastian versucht, während ihn der Schlaf übermannt, einzelne Wörter der Dialoge zu verstehen.

Am Morgen des großen Tages trifft Sebastian nach einer erfrischenden Dusche und einem kräftigem Frühstück mit spanischem Käse, Joe vor dem Hotel. Hier bietet sich für Joe die Gelegenheit für die erste Zigarette des Tages. Sebastian ringt mit sich, Joe nun endlich den wahren Grund der Reise zu verraten. Aber Joe schnippt seine Kippe auf die Straße und bricht auf. Inzwischen sind die Rolltore geöffnet. Im Halbdunkel der Werkstätten sind Reparaturarbeiten zu hören. Neben einem Tor steht ein Taxifahrer vor der geöffneten Motorhaube seines Taxis. Er deutet auf den laufenden Motor. Der Mechaniker neigt seinen Kopf um die Geräusche besser hören zu können. Joe und Sebastian Lächeln sich kurz an. Ein Gedanke an die Kollegen zu Hause in München blitzt auf. Nächste Woche werden sie als Taxifahrer die gewinnträchtige, zweite Wiesnwoche mitnehmen. Jetzt aber liegt der Retiro vor ihnen.

Fuento de Angel Caido im Retiro Madrid
Fuente de Angel Caido im Retiro

Keine halbe Stunde später sitzen sie auf eine der Steinbänke an dem Rondell um den Fuente de Angel Caido.

"Also um was geht's hier?" Natürlich hat Joe bemerkt, daß es etwas mit dem Angel Caido auf sich hat.

"Du schleppst mich durch halb Europa. Seit knapp 24 Stunden sind wir in Madrid und schon zum zweiten Mal durch den Park zu diesem Brunnen gelatscht. Also, was ist?" 

Sebastian weiß nicht womit er beginnen soll. Am Besten ganz am Anfang.
"Gott hat einen Gegenspieler, ..."; setzt er an.

"... oder seinen Partner."; fällt ihm Joe ins Wort.

Joe nutzt den Moment, den Sebastian verdutzt auf das Denkmal schaut, zündet sich schnell eine Zigarette an, und fährt fort.
"Für Alle die sich von ihm abwenden. Wenn er ihnen einen Gegenpol bietet, bleiben sie immer noch in seinem Spiel. Wer wäre dazu wohl besser geeignet als sein Musterschüler?! Hier, den da oben, deinen Engel." Dabei deutet Joe mit der ausgestreckten Hand, die glimmende Zigarette zwischen Zeige- und Mittelfinger, auf den gefallenen Engel auf der Säule über ihnen.

"Der Kirche kommt das sehr gelegen. Haben sie doch ein Auffangbecken für die Abtrünnigen. Obwohl sie scheinbar Gootes Gegenspieler, das Böse, huldigen, bleiben sie im System gefangen."

Sebastian bleibt der Mund offen. Dafür schätzt er seinen Freund. Stundenlang nachdenklich am Flughafen im Taxi sitzend, analysiert er die Lage um das Ergebnis bei passender Gelegenheit knallhart auf den Punkt zu bringen.
Von nun an ist für Sebastian das Monument nicht mehr interessant. Der ganze Zweck der Reise scheint von dieser Sekunde an hinfällig zu sein. Das hätte ihm der Joe doch auch in München am Taxistand erzählen können. Hätte ihn der Sebastian dort auch nur gefragt.


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