Sonntag, 7. August 2016

Plaza Mayor 1/7



 180 Taxis stehen in Kohorten, schön geordnet, immer 14 Fahrzeuge hintereinander, in 13 Reihen nebeneinander, im großen Taxispeicher am Münchner Flughafen. Die Dächer der eng aneinander geparkten Taxis bilden eine einheitliche, hellelfenbeinfarbige Fläche. Unter einem dieser Dächer sitzt Sebastian Stemplinger hinter dem Lenkrad auf dem Fahrersitz. Wie so oft sinniert er über sich und die Welt. 49 Jahre ist er alt, bald 50, Zeit für eine Zwischenbilanz. Als junger Mann wollte er die Welt verbessern. Der Enge seines Heimatdorfes in Niederbayern entfliehend, war er viel unterwegs. Jede Reise, war sie auch noch so kurz, war ihm eine willkommene Gelegenheit, seine Neugierde zu stillen.
Im Moment tut sich so Einiges in der Welt. Die Ukraine brennt. In Indien treten 150 Millionen Arbeiter in den Streik gegen die Regierung. In Mekka stürzt ein Baukran auf die Moschee, dabei werden 100 der zum Abendgebet versammelten Muslime erschlagen. An der chinesisch-indischen Grenze entstehen Scharmützel. In Burkina Faso putscht erfolgreich das Militär. In Kairo tritt die komplette ägyptische Regierung zurück. Der CIA entgleitet die Kontrolle über die ISIS. Tausende Flüchtlinge strömen nach Deutschland. Bayern setzt die Kontrollen an der Grenze zu Österreich wieder ein. 
  
"Einen Tee?"; Joe reißt Sebastian aus seinen tiefen geopolitischen Betrachtungen. Dabei nickt Sebastians Freund und Teilzeitkollege zu dem Blechcontainer an einer Ecke des Taxispeichers. Hier gibt es starken, schwarzen Tee aus dem Samowar.  Mit dem dampfenden Tee stehen sie in der Spätsommersonne. Giovanni Furtner, von Allen nur einfach nur kurz Joe gerufen, zündet sich eine Marlboro an. Im Moment fährt er Taxi. Er will während des Oktoberfestes mit dem Taxi Geld verdienen. Als alter Hase weiß er genau, daß er schon im umsatzschwachen August beim Taxieigner sein Engagement verstärken muß, damit er während der Wiesn eines der begehrten Taxis bekommt. Er beginnt die Unterhaltung mit seiner Interpretation einer Meldung die er im Rundfunk aufgeschnappt hat.

"In Genf fahren die jetzt wieder den Teilchenbeschleuniger hoch. Mit mehr Energie als je zuvor. Dabei könnte sich ein Dimensionstor öffnen."

Sebastian zuckt zusammen. Gerade wollte er an seinem kleinen, bauchigen Teeglas nippen. Er hat es geahnt. Diesen Herbst muß etwas Bedeutendes geschehen. Nach dem jüdischen Kalender wechselt diesen September ein Schmitta-Jahr, jedes siebte Jahr, in das darauf folgende Erlassjahr.
Die Blutmond Tetrade endet in den nächsten Wochen. Es war Joe, der den dritten der vier roten Monde mit seinem Handy fotografierte und das Bild auf Facebook postete. Sebastians Aufmerksamkeit erwacht. Er kann es kaum erwarten zu googeln um herauszufinden was der bedeutende Monat noch zu bieten hat.

Kellner im Soportal Plaza Major Madrid Retaurant
El Soportal am Plaza Mayor in Madrid
Der neue Papst aus Argentinien, Jorge Bergoglio, besucht zum ersten Mal die USA. Wenn  der Bischof von Rom etwas von großer Tragweite zu verkünden hätte, dann wäre dies der passende Moment.
Bevor sie sich in ihre Taxis zurückziehen, schleudern die Beiden die letzten Tropfen aus ihren Teegläsern. Joe drückt seine Zigarette aus.
Die Yom Kippur-Feiern enden am 23.09.; das hat Sebastian auf einer Webseite gefunden. Überhaupt der 23.! Der 23.9., das ist das Datum an dem er dem Teufel ins Gesicht lachen  will. Sebastian hat auch schon eine Idee an welchem Ort eine solche Zusammenkunft sein könnte.
Vor Jahren war Sebastian mit seiner Frau, seiner Tochter und seinem Sohn in Madrid. Bei einem Spaziergang durch den Retiro, dem großen Park in Madrid, ist er auf ein Monument gestoßen. Auf einer Säule, umgeben von wasserspeienden Fratzen, stützt sich auf einen Baumstumpf der Angel caido, der gefallene Engel. Sebastian kennt in Europa kein anderes nennenswertes Denkmal, daß dem Leibhaftigen gewidmet ist. Als er im englischsprachigen Wikipedia liest, daß das Denkmal auf einer Höhe von 666 Metern über der Seehöhe errichtet wurde, ist für Sebastian das Ziel seiner Reise klar. Noch bevor er mit seinem Taxi auf das Terminal nachrückt, steht für ihn fest; am 23.09. wird er im Retiro sein.

-> Teil 2 Pläne werden konkreter  

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