Sonntag, 24. Juli 2016

Schüsse am OEZ



"Bist du gestern gefahren?" 

Das war die am meisten gestellte Frage unter den Taxifahrern am Samstag Abend. Es ging um die Schießerei am Vortag im McDonald´s und im -> Olympia-Einkaufszentrum in München. Ein Amokläufer hat dort acht junge Leute und sich selbst erschossen. Ich war auch unterwegs. Ich hatte eine vorbestellte Fährt vom Flughafen nach Mittenwald. Am Flughafen, ich wartete vor der großen Tafel auf meine Kunden, sprach mich ein Kollege an. 

"Hast du es schon gehört? Schüsse am Olympia-Einkaufszentrum. XXX hat ein Video hochgeladen."
 
Er zeigt mir das Video auf seinem Handy. Ich höre Schüsse und sehe Menschen wild über die Hanauer Straße laufen. Genau in diesem Moment kommen meine Gäste aus Minsk. Kaum sitzen wir im Taxi schalte ich das Radio ein. Die Meldungen überschlagen sich. Schießerei im Olympia-Einkaufszentrum, am Stachus und am Tollwood. Die. Weißrussen werden unruhig. Sie bekommen die Unruhe mit. Über die Autobahn rasen Einsatzfahrzeuge. Hubschrauber sind in der Luft. Ich rufe meine Frau und Kinder an. Sie sollen Flughafen und Bahnhöfe meiden. Ich umfahre auf der A99 weiträumig den Münchner Norden. 

Taxistand McDonalds Hanauer Amok
Unser Taxistand war natürlich nicht anzufahren

Das Olympia-Einkaufszentrum ist unser Einkaufszentrum. Wir wohnen zwei Kilometer entfernt. Dort habe ich meine bisher zwei Brillen gekauft. Dort haste ich auf die Schnelle durch die Läden um in letzter Minute ein Geschenk zu finden. Dort frühstücke ich manchmal mit meiner Frau im ersten Stock. Im McDonald´s gegenüber war ich auch schon öfter. Dazwischen ist unser Taxistand, der Hanauer, direkt vor den Treppen zum Haupteingang des OEZ.
Auf dem Weg nach Garmisch kommen uns Polizei-VW-Busse im Konvoi entgegen. Ich übergebe dem Pensionswirt in Mittenwald meine Gäste. Sofort mache ich mich auf den Weg nach München. Im Rundfunk bittet die Polizei die Autobahnen in Richtung München nicht zu benutzen, damit die Rettungskräfte freie Fahrt haben. Der öffentliche Verkehr wird eingestellt. Die Straßen in München sollen menschenleer sein. Später in München, es ist schon 22 Uhr, schnappe ich meinen ersten Auftrag auf der Donnersberger Brücke für die Erika-Mann-Straße. Ein Informatiker hat Stunden im Büro ausgeharrt und jetzt endlich ein Taxi bekommen. Ich bringe ihn in die Schmellerstraße. Es it tatsächlich ruhig. Es fahren wenige Autos, keine Busse, keine Tram. An den Straßenkreuzungen stehen Leute und winken jedem Taxi, auch den besetzten, zu. Es sollen noch drei Täter mit Langwaffen auf der Flucht sein. Sie können überall sein. Die Meldungen von den Schüssen am Stachus und am Tollwood haben sich als Gerüchte entpuppt. 

CNN hat eine englischsprachige Zeugin, die im O-Ton erklärt, der Schütze hat Allaha ekber gerufen. Der Kunde sitzt noch im Taxi, steckt gerade sein Wechselgeld ein, als ich meinen nächsten Auftrag annehme. Der neue Kunde steht 300 Meter weiter in der Auenstraße. Ich bringe ihn nach Schwabing. Er hat auch die CNN - Meldung gehört. Immer noch suchen sie die drei Langwaffenträger. In Schwabing will ich mich mit meinem Kollegen in unserer Anlaufstelle, der ESSO - Tankstelle, austauschen. Die Tankstelle ist dunkel. Hinter den verschlossenen Glastüren sind Regale geschoben. Während der letzten zehn Jahren habe ich die ESSO nie verschlossen erlebt. Ich fahre zur ARAL in die Schenkendorfstraße. Hier stehen zwei Streifenwagen. Ein Polizist kauft tütenweise Softdrinks. Er packt Cola, Fanta, Sprite in den Kofferraum seines Wagens. Er hält inne, sagt dem Tankwart der Führungsstab hat anders entschieden. Hier erfahre ich, daß ein Täter, ein paar hundert Meter weiter am Ring entlang, tot im Park liegt. Die Leiche trägt einen Rucksack, der mit Hilfe eines Roboters gesprengt werden soll. Nach den neuesten Informationen nehme ich meinen letzten Auftrag an. Der Wirt eines China-Lokals hat für sein Küchenpersonal ein Taxi bestellt. Die Armen warten schon seit Stunden in ihrem leeren Lokal.  

Mit den Worten;
"Das sind meine Köche. Die müssen in die Wundtstraße."
setzt er mir drei Asiaten ins Taxi und bezahlt mir gleich die Fahrt. Ich versuche wiederholt ein Gespräch zu beginnen, aber die drei sprechen so gut wie kein Deutsch und kein Englisch. Das Fahrziel der Küchenbrigade liegt gleich bei mir um die Ecke. Für mich die letzte Fahrt.
Im Bett liegend höre ich immer noch die Hubschrauber über Milbertshofen und Harthof kreisen.
Erst am Samstag kann ich endlich wieder mit meinen Kollegen sprechen. Es gibt viel Neues;  daß die Taxis keine Fahrgäste hätten mitnehmen sollen. Eine Zentrale hätte das über Funk gemeldet. Die CNN-Meldung ist eine Ente. Es war ein klassischer Amoklauf. Der Vater des Amokschützen sei ein Kollege. Bei den türkischstämmigen Angehörigen hätte schon am Vormittag der türkische Außenminister angerufen, um sich zu erkundigen, wie er helfen könne. Von der Stadt oder vom Land Bayern hätte sich noch keiner gemeldet. Der Baggerfahrer Thomas hätte den Schützen von seinem Balkon aus beschimpft und seine Bierflasche nach ihm geworfen. ...
Jeder hat gestern und heute einen gefahren, der eine kennt, die die Freundin von dem ist, und der hat gesagt, daß ...
Ich belasse es dabei; nix gwies woas ma net.

Kommentare:

  1. Es war schrecklich. Ich fahre eigentlich nie Taxi, schließlich hab ich eine Monatskarte für die Öffis. Das Taxi benutze ich alle paar Jahre mal, wenn ich die letzte S-Bahn verpasse und keine Lust habe, auf die erste zu warten.
    Aber am Freitag... da hat mir einer deiner Kollegen den Abend gerettet im Sinne von... er hat mich davor bewahrt, in der Arbeit übernachten zu müssen. War wohl eines der letzten Taxis, die noch gefahren sind. Also von denen, die die Funkmeldung mitgekriegt haben. Oh Mann... schön zu hören/zu lesen, dass du wieder schreibst :)

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    1. Noch eine Bestätigung, daß es die dicht Entscheidung war wieder anzufangen. Vielen Dank dafür, da macht mir das Schreiben gleich noch mehr Spaß. Du hattest wirklich Glück und eines der wenigen Taxis erwischt. Die meisten haben die Funkdurchsage beherzigt und haben aufgehört zu fahren. Einige, so wie ich, ohne Funk, haben die Durchsage gar nicht mitbekommen.

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  2. Moin, moin,
    ich hab es schon bei Aro geschrieben, 9 unschuldige Opfer sind 9 Opfer zu viel. Dazu viele Verletzte und viele Menschen, die ihr Trauma noch lange tragen müssen.
    War aber die Reaktion von Polizei, Innenbehörde und Medien angemessen?
    Muss man eine ganze Stadt, eine Metropole quasi stilllegen, weil da jemand analog zu einem School Shooting einen erweiterten Suizid begeht? Bekommt so jemand nicht viel zu viel Aufmerksamkeit? Wird dadurch nicht der/die Nächste fast motiviert, sich auch einmal die Aufmerksamkeit zu verschaffen, die er/sie sonst nie bekommt?
    Solange unsere Gesellschaft immer mehr Verlierer produziert, die aber weiter von Erfolg, Reichtum und Anerkennung träumen, werden sich derartige Vorfälle wiederholen. Wer würde registrieren, dass ein Pilot Selbstmord begeht? Fliegt der aber in gleicher Absicht gegen einen Berg, gehören ihm tage und stundenlang die Bildschirme und Titelseiten.
    Da helfen jedenfalls keine schärferen Waffengesetzen, keine Videoüberwachung usw.. Wer dann als Verteidigungsministerin die Bundeswehr für innere Sicherheit einsetzen will, macht sich da endgültig lächerlich. An die Ursachen denkt da keiner, warum werden die nicht bearbeitet?
    Gruß Frank

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  3. In Bezug auf die Medien bin ich mit dir einer Meinung. Das Spektakel kann ein gewichtiger Grund für einen Amokläufer sein. Einmal in der Weltöffentlichkeit, Held für einen Tag, einmal Aufmerksamkeit. So soll es auch bei dem Münchner gewesen sein. Er soll den Attentäter der Columbine High School verehrt haben.

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