Freitag, 22. Juli 2016

Geschäft des Lebens



Ruhig und gemächlich fahre ich Richtung Norden durch Schwabing. Ich achte darauf, daß ich in einem möglichst freien Gebiet bleibe, das von wenig MyTaxi-Kollegen besetzt ist. Es dauert auch keine zwei Minuten bis zum ersten Auftrag.
Ein Herr bestellt ein Taxi in der Leopoldstrasse, ich bekomme den Auftrag. Jetzt schalte ich vom Pirschmodus - schleichend, spähend, lauernd, langsam in den Jagdmodus - schnell und zügig um den Kunden in der Leopoldstrasse zu schnappen. Ich biege von der Kaiserstrasse in die Leopoldstrasse stadteinwärts ab, schon bemerkt ich den ersten der mir winkt. Keine zehn Meter weiter steht schon der nächste Winker. Der Ainmillerstand ist leer.
Nach der Franz-Joseph das gleiche Spiel. Alle naselang stehen Personen zum Teil auf der Straße die unbedingt ein Taxi wollen.  An der Stelle an der mir die App meinen Kunden als Piktogramm anzeigt bleibe ich langsam stehen. Sofort öffnen die Leute die Türen und wollen einsteigen. Ich frage nach den Namen des Bestellers. Der Dritte nennt mir den richtigen Namen und hat sein Taxi.
Sie sind zu Viert. Sie wollendem Fußballspiel in die Allianz Arena. Ein Testspiel, Fc Bayern gegen Manchester City. Mein Beifahrer bestätigt mir, was ich schon geahnt hatte. 

"Da ist was mit der U-Bahn. Die fährt nicht mehr." 

Zum Glück ist der Weg über die Leopoldstrasse und der Autobahn frei. Selbst die Zufahrt zum Stadion ist staufrei. Die Abzweigungen zu den Parkhäusern sind versperrt. Die Polizei winkt uns alle weiter. Ich bringe meine Gäste, wie alle meine Kollegen zum Nordeingang. Hier können die Fahrgäste sicher aussteigen.
Kaum bin ich leer, fahre ich zurück in die Stadt. Gerade habe ich die Autobahn in Freimann die Autobahn verlassen, stoße ich auf eine Menschenmenge in der Heidemannstrasse. Ich bekomme ein deutsches Paar und zwei Mexikaner, die spontan eine Fahrgemeinschaft gebildet haben. Wieder am Stadion, bezahlt das Paar und die zwei Mexikaner, die auf Europatrip sind, jeweils sieben Euro.
Die nächsten Kunden bekomme ich über die App. Diesmal starten wir von der Ungererstrasse, Höhe Alte Heide. Wieder ist es eine Vierergruppe und wieder ist das Ziel die Allianz-Arena. Das Spiel hat schon begonnen. Mein Beifahrer hält sein Handy quer und wir können auf dem kleinen Bildschirm sehen, was im Moment auf dem Spielfeld, keine zwei Kilometer entfernt, passiert.

 Ich kann nicht glauben, das der Run auf die Taxis noch anhält, deshalb schnappe ich mir den nächsten App -Auftrag. Die Kunden warten in der Ungererstrasse etwas weiter nördlich, gegenüber der Haltestelle Studentenstadt. Ich drehe wende mitten unter den Menschen, die jetzt immer aufgeregter ein Taxi wollen. Manche winken mit Ihren Eintrittskarten. Hätte ich das gewusst, hätte ich natürlich keinen Auftrag angenommen. Aber jetzt muß ich meinen Kunden finden. Ich rufe an, es meldet sich eine jugendliche Stimme. Ich will wissen wo sie sind. 

"Wir sind genau gegenüber der Bushaltestelle." 

"Ihr - und noch zweitausend andere. Wer seid ihr? Wie kann ich euch erkennen?"
Gefühlt jeder Zweite hat ein Handy am Ohr. 

"Ich bin der dunkelhäutige Junge mit dem weißen T-Shirt." 

Bingo! Jetzt hab ich sie. Da stehen die drei Teenager mitten in der Menge. Die drei sind wirklich freundlich und wohlerzogen. Jetzt bin ich nicht mehr so unglücklich einen App Auftrag angenommen zu haben. Die drei Kleinen gehören zuerst aufgeräumt. Ihr Fahrziel kennt ihr ja bestimmt. Von der Ungererstrasse fahre ich auf die A9. In der Ungerer, weiter nördlich, erkenne ich einen ganzen Löschzug der Feuerwehr, der mit Blaulicht auf der Straße steht. Dazwischen immer wieder Polizei. Ambulanzwagen fahren in alle Richtungen. Mir gefällt das nicht. Da ist nicht nur eine U-Bahn stehengeblieben. Ich befürchte Schlimmes. Ich bin Vater und sage den Dreien, dass wenn es an der Arena Chaos gibt, ich sie nicht dort aussteigen lasse. Stellt auch vor, euere Kinder sind auf dem Weg zum Fußballspiel und ihr bekommt eine Information über ein schreckliches Ereignis am Ziel euerer Sprösslinge. 

"Da ist nur was mit der U-Bahn." wenden sie ein. 

Woher sollen die auch mehr wissen. Es kann viele Gründe geben warum die U-Bahn nicht mehr fährt.
"Es sind Menschen auf dem Gleis."; höre ich von der Rückbank. Das beunruhigt mich noch mehr. An der Arena halte ich Augen und Ohren offen. Hier läuft alles hektisch aber geordnet. Es scheint friedlich zu sein. Ich lasse die Drei aussteigen, sie können wenigstens die zweite Halbzeit sehen.
Für mich ist Feierabend. Auf dem Weg nach Hause überholen mich noch zwei Ambulanzwagen und ein Streifenwagen mit Blaulicht.
Daheim erfahre ich, daß es eine Betriebsstörung bei einem U-Bahnzug gab. Der Zug blieb auf freier Strecke stehen. Die Klimaanlage wäre ausgefallen. Die Hitze in den Waggons stieg auf's Unerträgliche. Die Fahrgäste haben die U-Bahn verlassen. Die nachfolgenden Züge konnten nicht fahren ohne die, die schon ausgestiegen waren,  zu gefährden.


Kommentar unter der Meldung der tz im Internet
Die blockierte Linie U6 hat mir an diesem Abend vier Fahrten zusätzlich zur Allianz-Arena gebracht. Das war für uns Taxifahrer ein nettes Zubrot an einem ruhigen Sommerabend. Das Geschäft des Lebens, wie der Kommentator Lemtrix vermutet, schaut für uns Taxibetreiber anders aus als eine ausgefallene U-Bahn Linie.
Ich war schon wieder zu Hause als der dunkelhäutige Junge mit dem weißen T-Shirt anrief. Meine Telefonnummer hatte er vom Anrufprotokoll in seinem Handy. Er und seine zwei Freunde wollten wieder von der Allianz-Arena abgeholt werden. Ich hatte mich aber schon von meinem Geschäft des Lebens abgewendet und Feierabend gemacht.  

Kommentare:

  1. Ich konnte nicht ahnen, daß eine halbe Stunde nachdem ich den Post veröffentlichte tatsächlich etwas Schreckliches im Münchener Norden ereignet.

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  2. Hallo Reinhold,
    Die Welt ist voller Wahnsinn.Grad wird gemeldet das es der Sohn eines Taxlers war.Furchtbar!
    Gruss Frank

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    1. Das habe ich auch gelesen. Der Papa soll aus dem Iran stammen und ein Taxi- und Mietwagenunternehmen mit Betriebssitz in der Dachauer Straße betreiben.

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