Donnerstag, 13. August 2015

Haching



"... und dann brauchen wir noch dein Kennzeichen für die Polizei."
 
"Für die Polizei!?",frage ich zurück. 

"Ja, damit die euch reinlassen und später für die Eskorte ... eventuell."

Was habe ich da wieder für einen Auftrag geangelt? Der Anruf kam am Samstag, ganz kurzfristig vor dem Auftrag am Sonntag. Die SpVgg Unterhaching spielt ein DFB - Pokalspiel gegen den FC Ingolstadt 04 im Alpenbauer Sportpark Stadion in Unterhaching. 

Die Stadt ist voller Araber, die die Kleinbusse belegen. Eine Bekannte des Schiedsrichterbetreuers Stefan Seitz ist einmal mit uns gefahren und so kam der Kontakt zustande. Ein Glück für uns beide. Der Leiter des Profibereichs, Salih Aydogan, ruft mich auch noch einmal an und schärft mir ein, wie wichtig die Betreuung der Unparteiischen ist. Ihre Stimmung kann entscheidend sein. Der Schiedsrichterbetreuer und ich verabreden uns im Hotel in dem die vier Schiedsrichter einquartiert sind. Zu dem Anlaß habe ich den Bus noch einmal frisch gewaschen und gesaugt. Eine Viertel Stunde vorher sitze ich mit Stefan schon in der Hotellobby. Die DFB - Schiedsrichter erscheinen. Ganz anders als wie ich mir das vorgestellt habe. In ihren schwarzen Anzügen und mit Krawatten wirken sie seriös. Es ist Sonntag, Nachmittag, kein Verkehr, in 15 Minuten sind wir am Sportpark. Der erste Ordner ist schon informiert und lässt uns passieren. Gleich vor der Geschäftsstelle können wir parken, auch der für diesen Bereich Zuständige lässt uns durch. 

Die Schiedsrichter verlieren keine Zeit und verschwinden in dem Gebäude. Ich verschließe das Auto und komme nach. Hier in der Geschäftsstelle lerne Salih persönlich kennen. Er lässt mir eine Arbeitskarte als Schiedsrichterbetreuer ausstellen. Mit der Karte kann ich mich frei im Stadion bewegen. Im Pressebereich kann ich mir etwas zu trinken holen. Neugierig auf den Spielbetrieb überblicke ich von einem großen Fenster die Spielfläche des Stadions. Obwohl ich schon seit 30 Jahren in München bin, ist heute das erste Mal, daß ich im Unterhachinger Stadion bin. Im Olympiastadion war ich, ebenfalls mit einer Sonderkarte ausgestattet, mit einem türkischen Fanbetreuer unterwegs, der sich engagiert für die angereisten Fans aus Istanbul kümmerte. Im Rahmen von Führungen war ich wiederholt mit Gästen von unseren Kunden in der Allianz-Arena. Unterhaching war für mich Neuland - war! Wie ich so sinnierend am Fenster stehe, erkenne ich die vier Schiedsrichter in ihren weißen Hemden, wie sie an der Westtribüne entlang, neben dem Spielfeld in Richtung des VIP -Hauses gehen. Schließlich bin ich frischer Schiedsrichterbetreuergehilfe in Unterhaching. Da wo die Schiedsrichter sind muß ich auch sein. Ein Ordner erklärt mir wie ich über den Spielertunnel, eine Etage tiefer auf das Spielfeld komme. Bis ich aber neben dem Spielfeld bin, sind die Schiedsrichter, obwohl sie in ihren weißen Hemden in dem noch menschenleeren Stadion leicht zu erkennen wären, verschwunden. Vor der leeren Westtribüne blicke ich um mich. Noch zwei Stunden bis zum Anpfiff. Der Schiedsrichterbetreuer kommt mit einem Kollegen und stellt einen Tisch zwischen die Reservebänke. Jetzt kann ich die erste Information geben. Ich kann ihn zumindest informieren in welche Richtung die Schiedsrichter zuletzt gegangen sind. Er weiß schon Bescheid. Wer mich kennt, weiß, daß ich die Zeit bis zum Beginn des Spieles nutze. Zweimal umrunde ich die Tribünen bis ich mich orientiert habe. Langsam, langsam füllen sich die Ränge. Eine Stunde vorher kommt der Bus aus Ingolstadt. Die ersten Schanzer Spieler machen sich mit dem Platz im Stadion vertraut bevor sie wieder in ihren Kabinen verschwinden. In der Pressestelle trinke ich eine Apfelschorle, drehe noch einmal eine Runde, diesmal außerhalb des Stadions. Die Parkplätze füllen sich. Die Funktionäre sind in reger Betriebsamkeit.
45 Minuten noch - die Spieler bieder Mannschaften sind schon auf dem Platz und wärmen sich auf. Wobei aufwärmen bei 28 Grad Celsius im Schatten nicht ganz das richtige Wort ist. 

Klaust, ein Trompeter in Lederhosen spielt die Bayernhymne und ein Geburtstagsständchen für Ralph Hasenhüttl, dem Ingolstädter Trainer.
Der Anpfiff rückt näher die Auflaufkinder stehen bereit. Drei meiner vier Schiedsrichter, jetzt in dunkelblauer Sportmontur, führen die Spieler, die getrennt nach Teams in Zweierreihen einlaufen,  an. Die Spieler nehmen die Kinder kurz an die Hand und laufen unter Musik aus den Stadionlautsprechern bis zur Mitte des Platzes.
Die Unterhachinger spielen während der ersten Halbzeit auf der Südseite. In der ersten Halbzeit fällt gleich das erste Tor für die SpVvg. Die Ingolstädter stürmen immer wieder an, aber Stefan Marinovic, der Hachinger Torwart, hält die gefährlichen Bälle. Die Fans feuern mit Sprechchören ihre Mannschaften an. In der Ingolstädter Kurve gibt ein Trommler mit einer großen Pauke den Takt an. WIE-DER-STAND  Bumm - Bumm - Bumm, durchsetzt von Paukenschlägen höre ich aus der gegenüberliegenden Kurve. Bei den Hachingern schreit eine Gruppe UNTER, deutet übers Eck auf die andere Hachinger Fangruppe, die laut HACHING antwortet. Ich bin heilfroh, daß die Parole; Schiri, wir wissen wo dein Auto steht, diesmal ausbleibt.
Mit einer 1:0 Führung geht Haching in die Halbzeit. Der Stadionsprecher hat für die Fans in der Ingolstädter Kurve während der Halbzeitpause eine Dusche angekündigt. Wer eine Erfrischung will, soll seine Elektronik wasserdicht verstauen und auf den Rängen bleiben.
Die Unterhachinger freiwillige Feuerwehr rückt an und legt einen feinen Wassernebel über die erhitzten Fans, die zu der Abkühlung noch einen kleinen Regenbogen bekommen. Nachdem ich das Foto gemacht habe, auf dem leider der Wasserstrahl nicht so leicht zu erkennen ist, verbringe ich den Rest der Pause mit einer Flasche Wasser im Pressebereich. 

Unterhachinger Feuerwehr sorgt für Erfrischung

Auf dem Weg zum Spielfeld überrascht mich der Torjubel der Hachinger Fans. Nach nur drei Minuten Spielzeit in der zweiten Halbzeit baut Die SpVvg Unterhaching mit dem 2:0 seine Führung aus. Und wieder war es Markus Einsiedler, der, wie auch in der ersten Halbzeit, das Tor schoss.
Ich bin zufrieden wenn nach 90 Minuten das Ergebnis feststeht und es zu keiner Verlängerung kommt. Die Schiedsrichter müssen noch zum Hauptbahnhof, bzw. zum Flughafen. Endet das Spiel pünktlich, bleibt genügend Zeit über den Bahnhof zum Flughafen zu fahren. Wegen der großen Hitze legt der Schiedsrichter eine kurze Trinkpause ein. 

Spieler der SpVvg
In der 83. Minute plötzlich ein Tor! Diesmal Jubel aus der Ingolstädter Ecke. Ich stehe zu weit entfernt, kann es nicht genau erkennen. Der Stadionsprecher informiert uns; dem Ingolstädter Moritz Hartmann gelingt der Anschlußtreffer. Jetzt steigt die Spannung. Können die Hachinger das 2:1 noch bis zum nahenden Spielende durchhalten? Nach 90 Minuten Spielzeit gibt der Schiri fünf Minuten Nachspielzeit. Die Hachinger Fans hinter mir schlagen sich mit der flachen Hand vor die Stirn. Fünf Minuten!? Fünf Minuten können eine Ewigkeit werden, wendet alles entschieden wird. In fünf Minuten können die Ingolstädter zum Gleichstand aufholen. Während der darauffolgenden Verlängerung kann den Hachingern der schon in der Tasche geglaubte Sieg durch die Finger rieseln. Gebannt verfolgen die Fans das Spiel. Ich lasse mich auch von der Stimmung im Alpenbauer Sportpark anstecken. Immer wieder gehen die Augen zu der Stadionuhr. Pünktlich nach fünf Minuten pfeifen die Hachinger Fans und schreien ZEIT ZEIT ZEIT. Mit den Händen machen sie waagrechte Schnitte durch die Luft. Endlich pfeift der Schiri ab. Jubel bricht aus! Die SpVvg Unterhaching hat den Bundesligisten Ingolstadt besiegt. Im Spielertunnel wird sich gegenseitig gratuliert und den Spielern zurecht auf die Schultern geklopft.

Mit Kniefall bedanken sich die Unterhachinger bei den Fans


Meine Schiris sind in den Geschäftsräumen verschwunden. Sie müssen noch den Spielbericht schreiben. Geduldig warte ich mit dem Schiedsrichterbetreuer vor der Tür. Wir beobachten wie die Ingolstädter ihre Kabinen räumen und die ausgelassene Freude der Unterhachinger Spieler.
Die Schiedsrichter haben ihren Spielbericht ausgefertigt und unterschreiben lassen. Anders als vorgesehen wollen zwei der vier Unparteiischen noch zum Essen bleiben. Die anderen Beiden, die ihren Flug erwischen müssen, bringe ich zum Flughafen. 

Unsere Abreise gestaltet sich, entgegen meinen Erwartungen nach dem anfänglichem Telefonat ganz unspektakulär. Das Spiel wurde vor einer Stunde abgepfiffen, die Busse mit den Ingolstädter Fans sind schon weg, die Parkplätze sind geräumt, der Großteil der Polizei ist schon abgerückt. Jetzt sind meine Wasserflaschen, die ich bis jetzt kühlen könnte, bei den Gästen willkommen. Unterwegs auf der A9 überholen wir den Bus des FC Ingolstadt 04. Am Flughafen bleibt mir keine Zeit, sofort drehe ich um und fahre wieder zurück in den Alpenbauer-Sportpark in Unterhaching. Zwei Schiedsrichter wollen noch zum Bahnhof. Unterwegs auf dem Mittleren Ring, Höhe Englischer Garten, erreicht mich der Anruf des Schiedsrichterbetreuers Stefan. In 15 Minuten bin ich da, ich werde mich melden, wenn ich vor dem VIP-Haus im Stadion stehe. Der Betreuer macht seine Sache perfekt und begleitet die Beiden noch bis zum Bahnhof. Unterwegs bleiben noch ein paar Minuten zur Spielbesprechung. Um halb Neun abends bin ich dann mit dem Auftrag fertig. 
Der Bus der Schanzer auf dem Weg nach Hause

Ich danke der SpVvg Unterhaching, besonders Salih und Stefan, daß sie mich zum Schiedsrichterbetreuergehilfen, zum Fußballreporter, und was noch unerwarteter ist - zum Fan, gemacht haben.

Kommentare:

  1. Toller Bericht, bitte mehr davon! ;-)

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    1. Gerne - ich werde schon nochmal eine Gelegenheit haben.

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