Samstag, 20. Juni 2015

Wandergsell


Angekommen!

Nach einem kleinen Umweg in Wiesbaden komme ich ins Oestrich an. Brettlbreit parke ich in weiser Voraussicht direkt vor dem -> Ambtskeller. Im Kofferraum habe ich ein kleines Geschenk vom Tegernsee deponiert, das ich dann später einfach herausholen kann.

Nachdem ich im Schwan eingecheckt habe, verliere ich keine Minute und gehe bei schönstem Wetter sofort runter zum Rhein und zum Kran. Von hier gehe ich wie schon vor drei Monaten den Strom entlang. Nur diesmal gehe ich etwas weiter - in jeder Beziehung! Wie den Engländern vor 200 Jahren überkommt mich in der frühen Abendsonne die Rheinromantik. Ich entferne mich etwas unserem Deutschen Schicksalsstrom, der hier befreit von den engen Alpentälern, unaufhaltsam in seinem Bett fließt. Die erste Station mache ich in dem schon mir bekannten Jesuitengarten.

"Vor drei Monaten war ich hier mit dem Herrn XXX, da haben Sie uns einen guten Riesling empfohlenen. Können Sie mir den bitte wieder bringen?"

Mein Kunde,eben  der Herr XXX, hat mir den Tipp gegeben, es so zu machen. Und es funktioniert tatsächlich. Nach fünf Minuten habe ich einen edlen Tropfen in einem kleinen Gläschen vor mir auf dem weißgedeckten Tisch auf der Terrasse in mitten der Weinberge stehen. Bilde ich es mir nur ein, oder ist es tatsächlich der gleiche Wein, den ich schon im März genießen konnte? Wenn es hier schon so einen gutsortierten Keller gibt, gönne ich mir auch noch einen zweite Schoppen. 

Ich verlasse das Restaurant, ich bin in gehobener Stimmung. Etwas ziellos laufe ich durch den Ort mit den Fachwerkhäusern. Aus einem Hinterhof höre ich Gespräche und entdecke provisorisch aufgestellte Tische. Ich bin in einem Weingut. In Österreich würde man sagen; die Han ausgsteckt. Wie magnetisch sitze ich an einem der Tische und verlange nach einer Empfehlung. Ich grüße die Umsitzenden und trinke auf ihr und mein Wohl. Nach dem Glas verabschiede ich mich zügig es gibt ja noch soviel zu sehen. Jede Minute ist kostbar, hier im Rheingau. 

Lauer Wind, feiner Wein und der Rhein

Meine Stimmung steigt weiter, zart erwächst meine Phantasie. Als frischer Taxifahrer habe ich mich, bevorzugt am Ganghofer- und am Ainmillertaxistand der romantischen Literatur hingegen. Nun kann ich sie abrufen, die Erlebnisse der Rheinreisenden, Goethe, Brentano, Hölderin und Kleist. Während ich körperlich in Oestrich-Winkel umherlaufe, befindet sich mein Geist in einer anderen Dimension auf einer Reise. Auf einer Zeitreise, 150 Jahre nach hinten. Die bunten Autos und die Neubauten treten immer weiter zurück. Es schält sich heraus, daß ich ein Wanderbursch, mit Stab und Hut auf dem Weg ins Ungewisse bin. Meine noch arbeitende Ratio stellt fest, daß der Alkohol meiner Reise durch die Dimension Zeit sehr nützlich ist.
Der Gelegenheit gibt es genug. Das nächste Lokal ist ein italienisches. Trotzdem bleibe ich hier beim Weißen. Auch hier grüße ich die Umsitzenden, trinke auf ihr, auf mein und auf das Wohl des Rheingaus.  Wieder verabschiede ich mich ohne Zeit zu verlieren. Meine Stimmung steigt, die Phantasie erblüht. Muß ich doch mit wildem Haar, weit ausschreitend, ein fröhlich Lied auf den Lippen meine Reise fortsetzen. Treffe ich doch tatsächlich auf ein altes Haus, das älteste gotische Wohnhaus Deutschlands, entnehme ich der Beschreibung. Das alte, graue Haus liegt in der falschen Richtung. Um in den Ambtskeller zu kommen muß ich wieder durch das Dorf. 

Diesmal mache ich woanders alt, genieße einen Schoppen. Meine Phantasie blüht vollends auf mit einem Blumenkranz im Haar, einer Laute mit bunten Bändern am Hals durchschreite ich turmbekrönte Hügel, komme an Ruinen und Klöster vorbei. Flötenspiele Hirten leisten mir Gesellschaft, geleiten mich ein kurzes Stück meines Weges. Ganz entrückt erreiche ich mein letztes Ziel an diesem Tag. 

Zory, und einer der Thomase, so wurden sie mir zuerst vorgestellt, sitzen auf einer gemütlichen Bank vor dem Keller. Zur Begrüßung bekomme ich erst einmal ein Gläschen Jahrganssekt. Der zweite der Thomase stößt zu uns. Unseren nächsten Wein trinken wir schon im Keller um die lieben Nachbarn nicht zu stören. Neben der Bar flimmert der Fernseher. Frauenfußball - Deutschland gegen Norwegen. Marco kommt die Kellertreppe herunter. Ich bekomme noch mit, daß er bleiben darf wenn er brav ist. Er gibt uns noch einige Einblicke in die Rheingauer Gastronomieszene. Beim Zerwirken von Wild kann ich noch mitreden, aber dann setzt es schon wieder aus. Ich weiß nicht welcher Teufel mich geritten hat als ich eine Runde Whisky ausgegeben habe. Als Echo bekomme ich die zahlreichen Runden der anderen Gäste. Leider war mein diesmaliger Besuch im Ambtskeller nur kurz aber umso heftiger. Wankend ziehe ich mich die Treppen hoch in die frische Nachtluft. Hier trifft mich der erste Hammer direkt vor die Stirn. 

Mein, in weiser Voraussicht gewähltes, Hotel ist nur hundert Meter entfernt, trotzdem lege ich grob geschätzt 300 Meter zurück bis ich ich vor der schweren Eingangstüre stehe. In der lauen Sommernacht sitzen an dem Tisch vor dem Hotel noch Gäste. Anders als beim letzten Mal habe ich diesmal eine Magnetkarte anstelle eines Schlüssels bekommen. Mit weit ausladenden Gesten versuche ich die den Sensor an der Tür zu finden um sie zu öffnen. Ich muss mein Vorhaben kommentiert haben, oder habe ich auch einfach nur gegrüßt, denn irgendwie haben die Hotelgäste meine Herkunft erkannt.

"Ein Bayer!"

war das letzte was ich an diesem Abend nach diesem bewegten Tag, von den an dem Tisch sitzenden,  gehört habe.

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