Sonntag, 21. Juni 2015

Katzenjammer



"Helfer ... Grenztruppen der DDR ... Erinnerung ... Waldgebiet ... NVA-Filmstudio ... "

Ganz schwach höre ich die Wortfetzen. Ich muß mich erst einmal orientieren. Ich öffne langsam die Augen ich sehe den Teppich des Hotelzimmers unter dem Bett. Ich liege auf dem Bauch quer über dem Doppelbett meines Doppelzimmers zur Einzelnutzung. Mein Kopf hängt von der Bettkante nach unten und meine Arme liegen auf dem Boden. Irgendwie muß ich es gestern Abend noch geschafft haben den Fernseher anzustellen. Er ist die ganze Nacht gelaufen und weckt mich jetzt mit einer Dokumentation der Zeitgeschichte.

"Ooouuuuuoo"

entfährt es mir. Ich blinzle in das grelle Licht der Morgensonne, die durch das Fenster sticht. Wasser, ich brauche Wasser. Die Flasche finde ich neben mir auf dem Bett. Den kräftigen Schluck, den ich nehme, kann ich keine 30 Sekunden halten. 

"Ooouuuuuoo"

jammere ich in die Kloschüssel. Langsam stehe ich auf, komme aus dem Bad zurück in mein Zimmer. Meine Elektronik steckt an den Ladekabeln, meine Hose liegt über dem Stuhl, mein Hemd ist sorgfältig über den Kleiderbügel gehängt. Ich ziehe einen kurze Zwischenbilanz; Lage - Situation - Auftrag. Ich bin in befreundetem Gebiet, motorisiert, aber (noch) nicht fahrbereit, habe einen schweren Kopf, muß am Abend einsatzfähig in Wiesbaden sein. 

Genaue hinter meiner Nasenwurzel spüre ich ein hühnereigroßes Schmerzzentrum. Ein stechender, ziehender und drückender Schmerz zugleich. Im Zeitlupentempo dusche und rasiere ich mich, räume mein Zimmer.
Gestern habe ich mich noch bei Wolfram in Frankfurt vor ein spätes Mittagessen angemeldet. Spät deswegen, weil ich nach dem tollen Frühstück im Schwan noch lange satt wäre. Wäre! Denn von dem Frühstück bekomme ich nichts herunter. Ich habe keinen Appetit, und er wird sich bis zum Abend auch nicht mehr einstellen, von daher passt das späte Mittagessen mit Wolfram dann doch wieder. 

Auf dem Frühstücksbüffet steht zwischen der Käsetheke und dem Brotkorb ein kleiner Lautsprecher. Aus ihm singt leise Elvis; You Are The Devil In Disguise. Der Teufel in Form des Giftes Alkohol kommt auch verschleiert als Riesling und Whisky daher. Von dem Kaffee bekomme ich nur eine halbe Tasse herunter, aber von dem Multivitaminsaft trinke ich schon das dritte Glas. Ich habe es gewagt und in das dritte Glas einen Teelöffel Salz eingerührt. Obwohl es fürchterlich schmeckt kann ich es bei mir behalten. Ich muß die Aufmerksamkeit und das Mitleid einer Dame erregt haben. Sie legt mir zwei Aspirin auf den Tisch.
Gestern Abend habe ich auf meinem Weg zum Rhein ein großes, zu einer Bar umgebautes, Weinfaß bemerkt. Davor stehen fünf Tische unter einer weinrebenberankten Pergola. Dort will ich im Schatten sitzend ausnüchtern. Vorher muß ich noch mein Gepäck im Kofferraum verstauen. Dabei komme ich dem Ort an dem ich der Versuchung erlegen bin, dem Ambtskeller, ziemlich nahe. Bei dieser Gelegenheit leiste ich meinen ersten Schwur; niiieee wieder Alkohol zu trinken, solange ich lebe! 

Langsam, vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzend, schleiche ich mich zu dem riesigen  Weinprobierfaß. Auf einen Satz kann ich die 100 Meter nicht bewältigen. Unterwegs muß ich mich auf einer Parkbank ausruhen. Nachdem ich die Bank unter der Pergola erreicht hatte und eine Stunde lange meine vor mir auf dem Tisch stehende Wasserflasche vergeblich hypnotisiert habe, muß ich feststellen, daß das Sitzen zu sehr an Meinem Kräften raubt. Ich versuche das Rheinufer zu erreichen. Dort will ich mich im Schatten des Oestricher Krans ausstrecken und in  Orpheus Schoss Genesung finden.
Wasser, Aspirin und Rheinkahn - meine Begleiter in den Schlaf


Mutterseelenallein lege ich mich auf eine Bank im Schatten des Krans. Die Wasserflasche und das Aspirin lege ich demonstrativ neben meinem Kopf. Die Passanten sollen gleich auf dem ersten Blick erkennen, daß ich keine wirkliche Hilfe brauche. Die konvex geformte Sitzfläche der Bank, konstruiert um unbeliebte Schläfer fernzuhalten, kann mich mit über zwei Zentner Lebendgewicht nicht davon abhalten einzuschlummern. Bei mir zu Hause sagt man: A hoiber Rausch is nausgworfas Geld! Demnach war ich diese Nacht sehr ökonomisch. 

Während ein Gscherter nur einen Kater hat, muß ich ein postalkoholisches Intoxikationssyndrom bewältigen. Das beruhigende Tschum - Tschum - Tschum ... der vorbeifahrenden Rheinkähne wiegt mich in den Schlaf. 

Bevor ich wieder erwache habe ich dem Vater Rhein mit der Neptunkrone auf seinem Kopf und dem weinberankten Dreizack in der Hand, im Traum meinen frischen Eid bestärkt; Nie wieder Alkohol, niiieee wieder. Die Nibelungen sollen meine Zeugen sein.

Kommentare:

  1. Uh,
    klingt ja höllisch ;)

    Was ist denn mit deinem ersten Kommentar vom 21. passiert? Hat der sich genauso aufgelöst wie deine Erinnerung? :D

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    1. Der hat sich wahrscheinlich aufgelöst.

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  2. Lustige Anmerkung am Rande: Bis zu diesem Artikel war ich der festen Überzeugung, der Elvis-Song hieße "You're the devil in the sky" und habe jetzt gelernt, dass es "... in disguise" heißt. Danke dafür!

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  3. Dem wohlgenährten bajuwarischen Herrn Droschkenkutscher aus Norddeutschland zum Gruße:

    [...]
    Jetzt scheint mir die Sonne brutal ins Gesicht,
    und ohne Sonnenbrille überleb ich das nicht.

    Ich wache auf und ich fühl mich nicht wohl,
    und ich schwöre mir: "nie wieder Alkohol".
    [...]
    (illegal2001:Nie wieder Alkohol".)

    https://www.youtube.com/watch?v=nS_UwpE6XnQ

    (edit: reCaptcha: 'Bitte wählen Sie alle Bilder mit Wein aus'. Irgendwas ist da Kontextsensitiv :-) )

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  4. Jetzt hab ich mir endlich das Video von illegal 2001 auf YouTube angeschaut. Genau so war das, genau so!!!
    Das Lied passt wie die Faust aufs Auge. Gleich in einer der ersten Minuten als sich der Sänger im gleißenden Licht die Sonnenbrille aufsetzt ...
    Die hätte ich noch gebraucht. Hab mir gleich zwei andere Lieder von illegal angeschaut. Spitzenkapelle!

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  5. Hallo Reinhard,
    Ich hab am 12.7. ne Tour nach Garmisch.Ist der Luise Kisselbachtunnel da schon auf? Gruss Frank

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    1. Ist noch nicht auf. Erstmal wird ein großes Tunnelfest gefeiert und dann erst Ende Juli für den Verkehr eröffnet.

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  6. Reinhold natürlich....Sorry

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