Donnerstag, 28. Mai 2015

Schülerfahrt



Wir stehen an der Bar im Marriott. Der Kollege gibt eine Runde Espressi aus. Am Freitag ist er zum zweiten Mal Vater geworden. Mein Taxi ist das erste in der Reihe. Mit einem Auge spähe ich durch die Fensterfront ob sich ein potentieller Kunde nähert. 

Es ist aber der Hotelportier, der mich als nächsten Taxifahrer erkennt und anspricht. Ob ich auch zum Ammersee fahren würde und ob ich die Wartezeit dort berechne. Die beiden Gäste müssten nach Schondorf und nach einer Stunde wieder zurück nach München. Ich überlege kurz, meine nächste bestellte Fahrt ist erst um 17 Uhr vom Flughafen, da bleibt mir noch genug Zeit für die Fahrt zum Ammersee. Also lade ich das Indische Ehepaar, das von der Hoteltüre aus das Gespräch zwischen dem Hotelportier und mir beobachtete, ein. Sie wollen ihren Sohn abholen. Er hat schon einige Kurse im Goethe-Institut abgeschlossen um Deutsch zu lernen. Letztes Jahr war er in Goslar, und jetzt für zwei Monate in Schondorf, um seine Deutschkenntnisse abzurunden.

Als mir der Inder die Adresse Schondorf Landheim nennt, frage ich zwei Mal nach. Ich will ihm klarmachen, daß ich weiß, das wir seinen Sohn im Landheim abholen. Das ist ein Landheim - ich brauche aber die Adresse. Das ist die Adresse - beharrt der Inder. Während der Fahrt über die Berliner Straße befrage ich Google, und tatsächlich, die Inder sollen Recht behalten. Die Adresse der Schule ist; Schondorf, Landheim 1. 

Eine Stunde später lasse ich die Eltern auf dem Schulhof aussteigen. Wir verabreden uns hier um ein Uhr. Zur Sicherheit tauschen wir unsere Telefonnummern aus. Den größten Teil der Wartezeit verbringe ich in einem Wirtshaus, beim Wast'l, das mir schon bei der Anfahrt ins Auge gefallen ist. Ein wirklich empfehlenswertes, bayerisches Wirtshaus. Wann habe ich zuletzt eine aufgeschmalzene Brotsuppn gegessen?!
Ein Schondorfer setzt sich zu mir an den Tisch. Wir sprechen über unsere Kinder, das Wirtshaus, den Ammersee, ... Dabei stellen wir fest, das wir vor Jahrzehnten den gleichen Beruf erlernt haben. Er ist wie ich Landschaftsgärtner, wir waren auch in der gleichen Berufsschule am Reinmarplatz in München. Genauso wie ich hat er seinen erlernten Beruf aufgegeben. Inzwischen ist er Viehhändler, hat wenig Zeit, schätzt, daß hier im Gasthaus die Speisen so schnell serviert werden. Laut ihm wird Schondorf und das ganze Westufer des Ammersees gerade von den Reichen entdeckt. Die Grundstückspreise explodieren jetzt auch hier in Schondorf. Wir können unser Gespräch nicht mehr vertiefen. Beide müssen wieder zu unserer Arbeit. Ich will auf dem Schulhof auf meine Inder warten. Um Viertel vor Eins ist der Platz leer, ich kann ein Foto mit dem Taxischild im Vordergrund und dem Haupthaus mit der hübschen Lüftlmalerei im Hintergrund machen. Das alte Schlagwerk der Schuluhr schlägt vier Mal hell, die volle Stunde und einmal dumpf ein Uhr. Zwanzig Sekunden später stürmen die Schüler über die Treppe auf den Hof und stehen um mein Taxi. Vorsichtig, langsam, immer um mich blickend, rolle ich rückwärts auf die andere Seite des Hofs unter die Kastanienbäume, unter denen schon zwei weitere Autos stehen. 

Im Schulhof (noch ruhig)


Von hier sehe ich einen etwa 16jährigen mit einem schweren Koffer auf mich zukommen. Ich frage auf Englisch, er antwortet auf Deutsch. Es ist der Sohn der abgeholt wird. Seine Eltern sind noch im Schulgebäude. Zwei Minuten später stehen sie mit einer Lehrerin neben dem Taxi. Die Lehrerin fragt ob er denn seine Eltern schon dem Herrn XXX vorgestellt hätte. Hat er nicht. Das solle er aber unbedingt noch machen. Man kann es dem Jüngling ansehen, daß es ihm etwas peinlich ist, von seinen Eltern mit dem Taxi abgeholt zu werden. Schnell springt er die Treppen vor Lehrerin und Eltern die Treppen hoch, verschwindet im Gebäude. 

Es dauert nicht lange und wir fahren, schwer beladen vom Schulhof. Unterwegs berichtet er seiner Mutter auf der auf der Rückbank seine Eindrücke während der letzten Monate in Bayern. Sie waren mit der Klasse in der Allianz... , in der BMW-Welt und im Schloß Neuschwanstein. Während des Schloßbesuches waren sie in einem Restaurant, dessen Namen nur schwer zu pronauncen ist. Allgäuer Stüberl, so heißt das Lokal. Jetzt sollen ihm Mama und Papa nachsprechen. Er macht es vor; O-L-G-I-A-R S-T-J-U-B-A-L. Try it, try it ... Animiert er lachend seine Eltern ihm nachzusprechen. Seht ihr! So schwer ist German! 

Ihm hat auch gefallen, daß das legal age of drinking hier 16 Jahre ist. Auf seinem Handy zeigt er Fotos von seinen Klassenkameraden. Das ist Felix aus Germany, Mäximilian also from Germany. Die meisten sind Deutsche, oder kommen sogar aus dem Ort. Es gibt auch ein paar wenige Exoten unter den Schülern. Das ist Albudi aus Dubai, das ist Feng aus China. Unter dem Strich scheint es ihm in Schondorf sehr gefallen zu haben. Sein Deutsch ist auch ganz passabel, kein Wunder, wenn er sich während der letzten Wochen genauso angeregt unterhalten hat wie jetzt bei mir im Taxi.

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