Mittwoch, 20. Mai 2015

China in der Flasche



Am Rosenheimer Platz habe ich einen Parkplatz bekommen. Ich will etwas essen und im Motorrama, der kleinen Ladenpassage am Gasteig wird sich doch was finden. Ich entscheide mich für Kam Yi, das asiatische Restaurant, das ich von früheren Besorgungsfahrten mit dem Taxi kenne. Der Klassiker, das Schweinefleisch süß-sauer, schmeckt tatsächlich gut und ist nicht so ein frittiertes Etwas, das man oft wo anders neben dem Reis, zwischen den Ananasstücken auf den Teller bekommt. 

Ganz beseelt vom Chinesischen Geist, stolpere ich auf dem Weg zum Taxi in den China-Markt im Zwischengeschoß zur S-Bahn-Station Rosenheimer Platz im Motorrama. Es ist keiner von diesen Chinesen an der Ecke, bei dem man im Vorbeigehen schnell noch einen Koffer oder einen Glitzerlippenstift kauft. Es ist schon ein richtiger kleiner Supermarkt mit einem breiten Sortiment exotischer Lebensmittel. Mich zieht es zu den Regalen mit den Getränken, genauer zu den Alkoholika. Ich will mir mit meiner Frau heute Abend am Küchentisch nach einem langen Tag mit vielen Fahrten einen Schluck Erlesenes gönnen.  Hier, im Schnappsregal finde ich schön in bunte Pappschachteln verpackte Flaschen Reis- und Pflaumenwein. Gerade in dem Moment als ich eine pinke, bedruckt mit lila Blumenranken, Schachtel aus dem Regal ziehen will, fällt mein Auge auf eine Besonderheit. Ganz am Ende des Regalbretts stehen verlassen und verstaubt vier Flaschen. Der rote Inhalt macht mich neugierig. Auf einem Aufkleber an der Stirnseite steht neben dem winzigen Preis;  Reisschnapps. Sofort stecke ich die bunte Schachtel zurück und angle mir eine Flasche von der Kostbarkeit. Ich komme mir vor wie ein Schatzjäger, wie ein Grabräuber der sich an der uralten Chinesischen Kultur bedient. Liebevoll wische ich den Staub von der Flasche. Auf dem Weg zur Kasse nehme ich nur noch ein Stück Jasminseife mit. 


Die Flasche bringe ich stolz zum Taxi. Sollen sie mich jetzt alle sehen. Die ganzen Schickimicki-Münchner. Die bewussten Mamas, die ihre Kinder wechselweise mit dem SUV oder dem orange-bewimpelten Fahradanhänger in die Kindertagesstätte bringen.
"Do schaugs't ! Geh!?" möchte ich ihnen entgegenrufen. Ich, der wahre Kulturbotschafter, der Kenner, der Weltmann aus dem Taxi. Das schlichte Etikett auf meiner Reisschnappsflasche unterstreicht noch meine Kenntnisse der für die anderen fremde Welt.

Vorsichtig lege ich die Flasche bis zum nächsten Kunden auf den Beifahrersitz. Ich stelle mir vor wie die Chinesischen Reisbauern, nach getaner Arbeit im knietiefen Wasser der volkseigenen Reisfelder, sich mit der untergehenden Sonne im Rücken, mit dem Reisschnapps meiner Marke zuprosten.
Endlich zu Hause, ich kann es kaum erwarten, habe ich zwei kleine, dickwandige Gläser auf den Tisch, und meine Frau an den Tisch, gestellt. Mit einem leichten klirren öffne ich den Schraubverschluß aus billigem Blech. Eine erste vorsichtige Geruchsprope ergibt kein Ergebnis. Der Schnapps entwickelt kaum Geruch. Ich fülle nur wenig in die Gläser, erhebe das Glas auf die strebsamen, fleißigen Volksgenossen und nippe an meinem Glas.

WAS UM ALLLES IN DER WELT IST DAS!? WER HAT DAS IN DIE FLASCHE GEFÜLLT?! 

Obwohl ich überall meinen Schnabel hineinhänge, aber so etwas habe ich noch nicht getrunken. Mein erster Blick fällt auf meine Frau. Sie hat die Ihre Mundwinkel bis hinter die Ohren gezogen und die Augen zu Schlitzen verengt. Nicht das es so hochprozentig schmeckt, nein, überhaupt nicht, es schmeckt irgendwie schal, wie abgestandenes öliges Wasser. Lange war ich auf der Suche nach Wörtern, die den Geschmack beschreiben können - parfümiertes, mit Wasser verdünntes Lampenöl - ist mir bis jetzt eingefallen.
Das Getränk in den Händen des Klassenfeindes wird zu einer Waffe. Mit dieser Errungenschaft der Volksrepublik gewinnen die Imperialisten jede Propagandaschlacht im Eilmarsch. Um das zu vermeiden schließe ich das Getränk in den Waffenschrank. Dabei kommt es neben dem -> Ballistol zu stehen. Das seit 1904 produzierte Waffenöl gilt als Allheilmittel. Damit kann man nicht nur sein Gewehr und seine Pistole ölen, sondern auch Holz und Leder pflegen, es hilft auch bei Mückenstichen und Zeckenbissen, auf Metall wirkt es als Rostschutz und mir bringt es die Lösung um den Geschmack zu beschreiben. Genau so schmeckt er, der Reisschnapps!  

Kommentare:

  1. Muß ja köstlich gemundet haben ... ;)

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    1. Ich kann mir beim besten Willen nicht vortellen wer das trinkt. Andererseits ist es interessant wie verschieden die Geschmäcker sein können.

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  2. so hatte die Staubschicht auf den Flaschen wohl ihren Grund... kaufen nicht mal die, die *wissen*, was da drin ist! ;-)

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    1. Das wird selten gekauft. Die Kassiererin hat sich wahrscheinlich noch gewundert, daß die Flasche von einem Weißen gekauftt wird.

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