Sonntag, 5. April 2015

Brennen



Die zwei jungen Männer sind in München um am Abend ein Konzert zu besuchen. Jetzt ist es Mittag und sie treten nicht gerade voller Tatendrang vor ihr Hotel. Der Nachmittag muß überbrückt werden und da es einer der ersten sonnigen Nachmittage in München ist, fällt ihnen ein, die Stunden in einem Biergarten zu verbringen. Ob ich den einen wüsste, wollen sie wissen. Ich kenne gleich zwei, einen in Poing, der wäre 20 Kilometer entfernt, oder den beim Chinesischen Turm im Englischen Garten, der wäre zwei Kilometer entfernt und in zehn zu Minuten erreichen. Für diese Wahl gestellt war das Ziel gleich gewählt. Unterwegs rufe ich meinen Freund Roberto an, ob er mit einem seiner Stände im Englischen Garten ist. Bei diesem schönen Wetter ist er natürlich da. 

In seinem -> Karussell kann ich ihn diesmal nicht finden. Seine Tochter zeigt mir den Standort seines Mandelstandes. 

Genau in dem Moment, in dem ich an den Stand komme, kann ich durch die geöffnete Türe erkennen wie er eine neue Ladung an Mandeln brennt. Sekunden später steigt mir schon der süße Duft in die Nase.
Ich besuche ihn nicht das erste Mal an seinem Stand, bei meinem letzten Besuch hat er mich zum Teil in die Geheimnisse des richtigen Mandelbrandes eingeweiht.

"Das verrät dir kein Schausteller. Das musst du selbst herausfinden." 

Ich verstehe seinen Hinweis. Das Geheimnis ist bei mir gut bewahrt. Die Eingeweihten des Mandelbrennergeheimnisses sind eine verschworene Gesellschaft. So geheim wie die Lehren in der 9. Shaolin - Kammer, in der man lernt wie man dem Gegner das pochende Herz aus der Brust reißt - mindestens. 

Ein Kunde bemerkt, daß die Oberfläche von Robertos gebrannten Mandeln nicht glatt wären, wie er es sonst kenne. Ich als Mandelbrenner-Zögling stehe mit gespitzten Ohren hinter dem silbernen Kessel und spitze die Ohren. Natürlich kennt der Meister die Antwort; der Kunde käme wohl aus dem Norden. Nachdem der Kunde das bestätigt, nickt Roberto verständig. Dort werden die Mandeln anders gebrannt, selbstredend kann er die Mandeln auch glatt brennen, aber die Bayern und Österreicher genießen die gebrannten Mandeln lieber mit  rauher Oberfläche.
Die rauhe Oberfläche führt auch dazu, daß sich der süße, leicht zimtige Geschmack beim Lutschen schneller entfaltet. 

Inzwischen stehe ich schon wieder eine Stunde neben dem heißen Mandeltopf. Die erste Tüte ist schon verschlungen. Auf dem Chinesischen Turm spielt die Blasmusik. Die Gäste sitzen in der Sonne an den Biertischen. Wir hören entfernt die Gespräche und das Klirren der Maßkrüge. Ich kann meinem Gust nach einer frischen Maß nicht mehr unterdrücken. Mein Taxi steht auf dem Parkplatz hinter der Orangerie. Ich muß mich mit alkoholfreiem Bier begnügen. Das herbe Bier gibt einen interessanten Kontrast zu der Süße der Mandeln.
Der Englischen Garten ist der internationalste unter den Münchner Biergärten. Hierher kommen Geschäftsleute aus den nahen Hotels, Wochenendausflügler aus Europa, Neumünchner aus Übersee und natürlich die Araber, die während des Sommers inzwischen zum Münchner Stadtbild gehören. Viele kennen die deutsch - österreichische Spezialität nicht. Für sie bietet Roberto in einem weißen Schälchen eine Kostprobe an. 
Herb und süß im Englischen Garten


Es kommt ein junger Mann auf uns zu. Im Schlepptau hat er eine ganze arabische Familie, mitsamt Opa im Rollstuhl, im Schlepptau. Er scheint der Anführer zu sein. Er hält jedem Familienmitglied die weiße Schüssel vor. Mit spitzen Fingern beißen sie in die einzelnen Mandeln. Nachdem sie freundlich und beifällig in unsere fragenden Gesichter nickten, kauften sie sich gleich ein paar Tüten.
Ich entdecke Parallelen in der guten Küche und der Mandelbrennerei. Es darf nicht überfrachtet sein. Gut ist nicht viele Zutaten. Die Kunst besteht darin, aus wenig, aber hochwertigen Zutaten, mit Know-how, einen kulinarischen Genuß zu zaubern. Mit einer noch warmen, weiß-roten Papiertüte in der Hand, kann man sich kaum vorstellen, daß sie nur mit Mandeln, Zucker und Zimt gefällt ist. Wie daraus die Köstlichkeit entsteht, ist Können und ein klein wenig geheim.

Wenn die Taxifahrer Münchens am Standplatz warten, dann brennen sie, oder ham an Brand higlegt
. Hört man aus dem Mund eines Taxifahrers;

"Und nachat hob i a Stund am Kurfürsten brennt."

bedeutet, es nicht daß er dort Feuer gefangen hat, sondern daß er solange auf einen Fahrgast gewartet hat.
Roberto brennt heute noch am Ostersonntag und noch Morgen im Englischen Garten. Den aktuellen Standort kann ich am Ende dieses Posts anfügen.
Ich, für meinen Teil, werde das Mandelbrennergeheimnis nicht verraten, und soll ich noch solange brennen - am Taxistand.

Kommentare:

  1. ...sagt ein Taxifahrer das deswegen, weil sein Dachschild, auch "Fackel" genannt, dabei leuchtet ("brennt") während er auf eine Tour wartet?

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich glaube mal das "brennen" am Taxistand könnte daher kommen, das man gleich wie brennend sehnlichst ein Ende herbeisehnt. Im Feuer steht.
      In München wird das Wort Fackel für das Dachzeichen umgangssprachlich nicht benutzt. In Hamburg hab ich das mal gehört. Hier sagen wir zu unseren Dachzeichen Reklame.

      Löschen
    2. Man nennt es anderswo auch "Vogel".

      Löschen