Dienstag, 31. März 2015

Robotertora



Das ist jetzt der letzte Artikel von unserm Ausflug mit dem Taxi in Berlin. Ich wollte ihn nicht auch noch mit in den April nehmen, zudem ich ihn schon mit meinem iPad -> verloren  glaubte.

Wir parken in der Alten Jakobstraße. Hinter dem Jüdischen Museum. Klaus hat uns noch davon erzählt. Wir müssten uns das unbedingt anschauen.
Bei der Umrundung des Museums bekommen wir einen ersten Blich auf die außergewöhnliche Architektur des neuen Teils des Museums. Das Gebäude, von außen ziemlich grau in grau, hat einen vielzackigen Grundriss. Die Fenster, oder wie man die verglasten schmalen Öffnungen auch nennen mag, sind kreuz und quer über die Fassade verteilt. Das Gelände ist umzäunt. Auf weißen Metallmasten erkennen wir zahlreiche kleine Scheinwerfer und Kameras. Auf den ersten Blick wirkt  das Gebäude verwirrend. Vorne an der Lindenstraße, am Haupteingang und an der Anschrift des Museums, parkt ein Streifenwagen. Die zwei Polizisten suchen in einer der tausend Ecken Schutz vor dem Wind. Ich möchte gerne wissen, wie viele Lindenstraßen es in Berlin gibt. 

Schreibt Tag und Nacht ohne Pause


Der Eingang zum Museum liegt in einem älteren Gebäude, erbaut spätestens Mitte des 19.Jahrhunderts. Bevor wir unsere Eintrittskarten kaufen müssen wir eine Sicherheitssperre wie am Flughafen passieren. Alle Metallteile werden in einem Plastikkörbchen durch ein Röntgengerät gezogen. Wir selbst gehen einzeln durch einen Metalldetektor. Danach kaufen wir unsere Eintrittskarten. In dem alten Gebäude ist nichts als der Zugangsbereich, die Garderobe, ein Shop und ein Kaffee, die Ausstellungen sind nur in dem neuen Gebäude. 

Die beiden Gebäude, das alte und das neue sind nur durch einen unterirdischen Gang verbunden. Bevor wir die Treppe hinabsteigen, werden unsere Eintrittskarten kontrolliert. Alle Angestellten des Museums sind an einem weiß-roten Tuch zu erkennen. Es ist das einzige Erkennungszeichen. jeder trägt das Tuch auf eine andere Weise. Um den Bauch geschlungen, über die Schulter als Stola, als Halstuch oder sogar ins Haar gebunden. Drunten im unterirdischen Bereich sind die drei Achsen. Lange Gänge mit schiefen Böden. Die Achse des Holocausts, des Exils und der Kontinuität. Von hier kommen wir nach draußen in den Garten des Exils. Die Betonsteelen sind ähnlich wie die Betonblöcke in dem Holocaust-Denkmal vor der amerikanischen Botschaft. Nur hir ist es noch schlimmer. Die einzelnen Blöcke stehen nicht senkrecht. Ein Gang durch den Betonwald lässt uns schwindlig werden. Das soll auch das Ziel sein. Dieser Zustand soll die Verwirrung der jüdischen Exilanten vermitteln. Auf dem Rückweg durch die schiefen Eben der drei Achsen wird mir richtig übel.

Ich bin froh, dass wir in den drei überirdischen Etagen des Museums eine klassische Ausstellung in geraden, senkrechten und ebenen Räumen finden. Hier finden sich Kultgegenstände, Fotos, Schriftstücke und auch Gebrauchsgegenstände des jüdischen Lebens in Deutschland seit dem Mittelalter.
In einem leeren Raum der als Durchgang dient, steht ein Industrieroboter der Firma KUKA aus Augsburg. Ich habe mit dem Taxi vor Jahren Mitarbeiter vom Flughafen zu den KUKA Werken nach Augsburg gebracht. Üblicherweise werden diese Roboter in den Fertigungsstraßen der Autohersteller eingesetzt. Aber der hier führt eine Feder. Aus einem durchsichtigen Vorratstank fließt die schwarze Tinte in das mechanische Schreibgerät und schreibt Buchstabe nach Buchstabe auf eine endlos scheinende Papierrolle. Der Roboter KUKA KR 16-2 schreibt die Tora. Die Künstlergruppe robotlab hat das Gerät so programmiert, daß es in etwa mit der gleichen Geschwindigkeit wie ein Mensch schreibt.
Obwohl Mensch und Roboter ziemlich gleich nach einem Jahr mit der Tora fertig wären und die Maschine die geforderte Präzision eines Sofer (Toraschreibers) übererfüllen würde, könnte ihre Torarolle nie in der Liturgie eingesetzt werden. 

 Der Schreiber muss jeden Buchstaben exakt auf eine Linie setzen, jeder Buchstabe wird bedächtig gemalt, der Abstand zwischen den Buchstaben und den einzelnen Wörtern ist regelmäßig gleich. Das könnte der Blechfreund mit dem Chiphirn wahrscheinlich besser als der Kollege aus Fleisch und Blut. ABER es fehlt die Hingabe. Jedesmal bevor der Schreiber mit seiner Arbeit beginnt muß er sich körperlich und geistig reinigen. Eine Meditation leitet seine Konzentration ein. Der Name Gottes wird nur nach einem Gebet geschrieben. Es gibt strenge Vorschriften aus welchem Material die Tora bestehen darf. Das Papier auf das der Roboter schreibt, schaut nicht so aus, als das es die Anforderungen erfüllen würde. Geschrieben wird, wie erwähnt, mit einer Feder. Die hebräischen Buchstaben fordern, daß man feine und dicke Striche anwendet. Das kann durch eine Feder (od. Füller) bewerkstelligt werden. Der Roboter schreibt mit einer Metallfeder. Aus Metall werden Waffen gefertigt, eine Metallfeder wäre zum Schreiben der Tora nicht erlaubt. Der Sofer benutzt einen Gänsekiel.
Die Mühe des Schreibers und die Qualität des Pergaments bestimmen den materiellen Wert der Tora. Der liegt leicht bei dem Wert eines Mercedes E-Klasse Taxis oder darüber.
Die letzten zwölf Buchstaben der Tora werden im Rahmen eines Festes, der Sijum Hatora, geschrieben. Es ist eine Ehre für den Spender, dem Rabbi oder einem Gemeindemitglied die letzten Buchstaben auf das Pergament zu bringen und damit die Tora zu beenden. Wer wohl die Robotertora vervollständigen wird?

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen