Freitag, 13. März 2015

Kran und Schwan



Wenn ich die Befriedigung meiner Neugierde mit meiner Arbeit verbinden kann, weiß ich, warum ich Taxifahrer bin. Für mich bedeutet es Glück, wenn ich zum ersten Mal in eine Gegend erkunden darf. So ging es mir in der letzten Woche mit dem Rheingau. 

Die Fahrt war gebucht. Hin und zurück. Ich würde also nicht leer durch Bayern und Hessen brausen. Die vier Stunden Fahrt von München nach Oestrich-Winkel vergingen wie im Flug. Mein Hotel, das Hotel Schwan, habe ich mir schon am Vortag im Internet gebucht. Wie schon bei meiner Fahrt nach -> Speyer, lege ich auch diesmal Wert darauf vom Hotel aus den Rhein zu sehen. 

Die Strecke führt mich über die mir vertraute A9 an Ingolstadt, Nürnberg, Würzburg, Aschaffenburg, Frankfurt am Main vorbei nach Wiesbaden. In Eltville bekomme ich endlich zu meiner Linken den Rhein zu sehen.

Gleich nach dem Ortseingang Oestrichs sehe ich auf dem Kai einen uralten, hölzernen Kran aus dem 18. Jahrhundert. Den Kran kenne ich ebenfalls schon aus dem Internet. Gleich gegenüber sehe ich mein Hotel. Ich muß aber weiter. Mein Fahrgast hat sein Hotel etwas weiter im Ort.

Bevor er dort aussteigt, lädt er mich noch zum Abendessen ein. Mir bleibt noch etwas Zeit mich in meinem Hotel, das schon seit " 1628 Schutz und Herberge" bietet, einzurichten und auszuruhen. Weit vor der Zeit gehe ich los, ich will den Rhein entlang zu meinem Abendessen.


Rheinkahn vor Reinhold am holden Rhein


Der Rhein, der Deutsche Schicksalsfluß, fließt ruhig, etwas breiter als sonst, in Richtung Westen. Ich beobachte jedes gewaltige, vorbeifahrende Schiff. Die Farben, die Ladung, die Brücke, der Namen, ... alles findet mein Interesse. Auf der Donau, an deren Ufern ich geboren wurde, gibt es bei uns nur Holzkähne und auf der Isar können nur Flöße verkehren. Aber hier am Rhein gibt es richtige Binnenschifffahrt und Taxifahrer die am Ufer stehenbleiben um jeden einzelnen Pott mit den Augen folgend vorbeiziehen lassen.
So komme ich dann doch zu dem Hotel, in dem mein Kunde mit dem Abendessen wartet. Zuerst bestellen wir die Getränke. Schon bei der Abfahrt in München war mir klar, daß ich im Rheingau lokalen Wein trinken werde. Ich trinke sehr, sehr wenig Alkohol. Wein noch viel seltener. Wenn, dann mit meinem Freund Robert, bis jetzt nur Rotwein. Zu unseren Männerabenden kaufen wir uns eine Flasche billigsten, sprudelnden, süßen Rotwein, den, so nehmen wir es uns vor, mit kräftigen Schlucken, uns zuprostend, verschlingen. Wie die richtigen Männer, alte Ritter und Feldherren, wollen wir uns großzügig an dem roten Rebensaft laben und mit großer Geste mit den Ärmeln den Mund abwischen. So waren die Pläne - in der Realität liegen wir dann schnarchend nebeneinander auf dem Sofa. Die Weinflasche, noch halb voll, auf es Tisch.
Nein - hier im Rheingau will ich die Sache kultivierter angehen. Der zuvorkommende Kellner empfiehlt uns einen Riesling von einem Weingut gleich hier am Ort. 

"Trocken oder Halbtrocken?" 

Mein Gastgeber überlässt mir die Entscheidung. Ich will es nicht so gach angehen lassen und entscheide mich für die halbtrockene Variante. Der Kellner bringt den hellen Wein, abgefüllt in kleinen Karaffen an den Tisch und schenkt uns ein. Ich wage einen kleinen Schluck - und wie soll ich es beschreiben? Mein GeschmacksRepertoire hat sich genau in dieser Sekunde erweitert. Köstlich! Säuerlichkeit in seiner angenehmsten Form. Eine leichte Süße rundet den Wein ab und macht ihn interessant. Ich freue mich auf jeden Schluck und mein Gastgeber erfreut sich an meinem sichtlichen Gefallen an dem köstlichen Glas. Mit Vorfreude bestelle ich mir noch ein weiteres Glas. Mein Gastgeber hat noch zu arbeiten und ich mache mich auf den Rückweg. Inzwischen ist es dunkel geworden. Ich nehme einen anderen Rückweg. Ich bleibe Rheinrechtsseitig etwas oberhalb, etwa in dreihundert Meter Entfernung, zum Rhein. Zwischen mir und dem Strom sind Weinberge. Im Mondschein erkenne ich genau die noch kahlen Weinstöcke. Unten fließt ruhig, silberschimmernd der Rhein. Viel zu schnell bin ich in dem anderen Ortsteil. Ich könnte noch eine Stunde langsam gehend träumen.

Zwischen den Fachwerkhäusern, ich muß schon in der Nähe meines Hotels sein, überkommt mich als frisch Getaufter, aufgenommen in die Gemeinde der Weintrinker, unbändige Lust nach Riesling. Hier finde ich aber nur verschlossene Fensterläden und dunkle Wirtshäuser.
Ein kleines beleuchtetes Schild Ambtskeller erregt meine Aufmerksamkeit. Es gibt kein Fenster durch das ich einen Blick Wagen könnte. Ich muß schon die paar Stufen runter in den Keller um in das Lokal zu kommen. 

Am Tresen stehen ein Gast, dahinter Zory, die Wirtin. Auf der zweiten Treppe, die nach oben führt, steht ihr Mann und bedient die Musikanlage. Ich setzte mich auf den Barhocker an den Ausschank und bleibe bei Weißwein. Neben mir läuft ein Fernsehgerät. Es wird Fußball übertragen. Der Ton ist ausgestellt. Nachdem wir uns beschnuppert haben, frage ich nach dem Getränk, das Thomas, der gerade noch auf der Treppe für den musikalischen Background gesorgt hat, trinkt. Apfelwein sei es. Ich denke bei vergorenen Apfelsaft an Most. Zory belehrt mich, das sei etwas ganz anderes. Schon habe ich ein Glas von dem goldgelben Getränk vor mir. Vor dem Servieren schüttet sie noch einen Schuß Mineralwasser in den Wein.
Ich bleibe lieber bei dem Weißwein. Ansonsten sind die Fremden in dem Lokal die EBSler, so werden die Schüler der nahen European Business School, genannt. So wie ich es einschätzen kann, bin ich der erste Münchner Taxifahrer im -> Ambtskeller

Das B im Namen Ambtskeller ist wichtig. Ansonsten stößt der Suchende auf einen der hundert anderen Amtskeller im deutschsprachigen Raum. Das wäre Schade, sonst würde man die neue Homepage des Kellers nicht finden. Gleich auf der ersten Seite bei den Öffnungszeiten ist als Schlußzeit einfach Ende angegeben. Wenn Schluß ist, ist Schluß

Inzwischen kommt Pablo in den Keller. Als erstes schmeißt er eine Lokalrunde. Er bestellt Jacky. Zory füllt fünf Gläser aus der Jack Daniels Whiskeyflasche die an der Wand, neben den anderen Spirituosen, hängt. Wir unterhalten uns angeregt über die EBS hier am Ort, über meine Arbeit, über das Hotel Schwan, über das Grubenunglück in der Ukraine, von dem im Fernsehen berichtet wird, über den zukünftigen Namen des Maskottchens. 

Noch namenlos im Ambtskeller
Jemand hat an die Rückseite des Zapfhahns eine schwarze Totenkopfmaske angebracht. Auf dem Kopf trägt die gruselige Dekoration eine Cap und darüber ein Stirnband mit ACDC - Aufdruck. Irgendwann hat jemand damit angefangen der Götze ein Brandopfer zu bringen und ihm eine Zigarette zwischen die Zähne gesteckt. Da die Zigaretten nicht angezündet werden, zumindest nicht so lange sie sich im Mund des schwarzen Gesellen befinden, werden die Glimmstängel mehr. Inzwischen stecken schon neun Zigaretten zwischen den Kiefern des noch Namenlosen.
Die nächste Runde Jacky geht auf mich. Ich genieße noch die letzten Minuten, muß mich verabschieden. Morgen früh um 8:15 Uhr soll ich wieder vor dem andern Hotel meinen Kunden abholen. Der Abschied fällt mir nicht leicht. Nur schwer verlasse ich die gesellige Runde.
Ein kleiner Trost bleibt mir. Ich habe Aussicht, das mich meine Wege während des Sommers wieder nach Oestrich-Winkel führen. Hoffentlich bekomme ich dann ein Zimmer im Schwan, nahe dem Oestricher Kran, der seit über 300 Jahren Schutz und Herberge bietet. 

Kommentare:

  1. Ein lieber Gruß aus Oestrich nach München,vom "Gast an der Theke"! ;-)
    Thomas

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    1. Danke. Gruß zurück vom Taxifahrer, der jetzt wieder brav am Taxistand steht. Ich habe heute schon über die Isar geschaut aber keinen großen Kahn entdeckt.

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    2. Da gibt`s nur stellenweise Wakeboarder

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