Samstag, 10. Januar 2015

System



Parlament! Zurrrückbleiben - die Türen schließen sich!


Vom Reichstag benutzen wir die U-Bahn um wieder zurück in unseren Kiez zu kommen. Auf der ganzen Linie gibt es nur drei Stationen. Zwischen den Endpunkten Hauptbahnhof und Brandenburger Tor gibt es nur die Station Bundestag, an der wir zusteigen. Nach nur einer Station kommen wir zu dem neuen Berliner Hauptbahnhof. Ein Kollege, der Berlin auch etwas kennt, hat gestern Abend beim Kaffee an der ESSO, den Bahnhof als Konsumtempel mit Gleisanschluß, bezeichnet. Wie recht er hat! Läden, Läden, Läden auf verschiedenen Ebenen. Alles nur Filialen von großen Ketten. Ganz anders als bei uns in München sind hier die Gleise der Fernzüge der Deutschen Bahn ganz unten, dazwischen die U-Bahn, mit der wir vom Reichstag kamen, und die S-Bahn, die in München am Bahnhof unterirdisch ist, finden wir in Berlin ganz oben. Einfach ein anderes System. Wir können beim Umherirren auf der Suche nach der Verbindung zur U-Bahn Station Bülowstraße nichts Besonderes entdecken. Wir brauchen die S-Bahn zum Bahnhof Zoologischer Garten. Von dort gibt es eine Verbindung zu unserer U2.

In der S-Bahn verfolge ich unseren Weg auf GoogleMaps. Dabei entdecke ich, daß es einen Englischen Garten nicht nur in München gibt. Am Bahnhof Zoologischer Garten kommt uns ein kurzer Gedanke an den Film; Christiane F. Wir Kinder vom Bahnhof Zoo. Eine Verfilmung eines Buches das zwei Journalisten auf Grund von Aussagen der echten Christiane geschrieben haben. Das Buch war Anfang der 80er Pflichtlektüre an vielen BRD-Schulen. Auf die Schnelle versuche ich ein paar Blicke auf die Gebäudeteile zu erhaschen, die ich von dem Film her kenne. Unsere U2 hat auch zwei Endstationen. Ruhleben und Pankow. Wir müssen In die östliche Richtung, Richtung Pankow. Wenn jemand von euch etwas mit dem Oberindianer zu klären hat, geht hier der -> Sonderzug nach Pankow ab. Wir sind der blaue Punkt auf dem grauen Gleis höhe Levetzowstraße.

Englischer Garten auch in Berlin

Der Revolutionsladen und Gemischtwarenhandel M99 in Kreuzberg hat bis um 22 Uhr geöffnet. Robert wollte sich dort das Sortiment anschauen. Über das Gleisdreieck, bei dem wir die Linie wechseln, kommen wir zum Bahnhof Görlitz in Kreuzberg. Es ist Freitag. Gleich neben dem Bahnhof ist eine Moschee. Drei Kinder passen auf eine Menge Kinderwägen auf, die in einem Lastenaufzug abgestellt sind, der mit geöffneten Türen auf der Straßenebene angehalten wurde. Vor dem Gebäude, offensichtlich ein ehemaliger Bürokomplex, stehen diskutierend junge Männer in langen, weißen Gewändern. Auf dem Dach erkennen wir zwei nachträglich angebaute, beleuchtete Kuppeln und ein Minarett. In einem Sektor der angehaltenen Drehtüre stehen zwei Jugendliche hinter einem kleinen Tisch und bieten Süßigkeiten an.
Wir suchen die Hausnummer 99 in der Manteufelstraße und stellen dabei fest, daß das Hausnummernsystem in Berlin von dem Münchner abweicht. Während der Suche in Kreuzberg erinnern wir uns gegenseitig an Stellen und Orte, an denen wir vor fünf Jahren mit Klaus in unserem VW-Bus Taxi fahrend, passiert haben und jetzt wiedererkennen. Bei unserer ersten Berlin-Tour ist Robert der Revolutionsladen ins Auge gestochen, vor dem wir jetzt stehen und vorsichtig durch die geöffnete Türe lugen. 

Drinnen ist es ziemlich vollgestellt mit Bücherregalen und Literatur. Auf dem Boden stehen Stapel von alternativen, oder was die Bürger links nennen, Zeitungen und Magazinen. Der Besitzer des Ladens sitzt auf einer Schachtel hinter der zweiten Regalreihe und unterhält sich mit einem weiteren Mann. Er fragt uns, ob wir etwas Bestimmtes wollen. Unsere Nachfrage nach Äufnähern beantwortet er damit, daß die da seien, wo er jetzt sitze und erst umräumen müssen. Aber eigentlich wolle er sich auf das Gespräch mit seinem Partner konzentrieren. Es gehe um die Zwangsräumung seiner Wohnung und/oder des Ladens. Seine nächsten Sätze sind gespickt mit den Wörtern "ich" und "meine". Wir sollen morgen wiederkommen. Da hätte er Zeit. Der Laden hat ja bis um 10 Uhr geöffnet, auch am Feiertag. Enttäuscht gehen wir wieder nach draußen. Vor dem Laden stehen schiefe  Metallkörbchen mit allerlei Tand. Zwischen der unsortierten Wäsche liegen zwei bunte Kunststoffflaschen. Eine ist noch halb voller Sonnenmilch. Sonnenmilch in Berlin, im Januar. Wir sind uns noch nicht ganz sicher ob der Laden der Revolution dienlich ist oder nicht. Rätselnd über der Gretchenfrage; systemerhaltend oder systemzerstörend, spricht uns ein junger Mann an.

"Wisst ihr wo es hier eine Pianobar gibt? Da hinten ist eine Bar mit einem Klavier drin. Das ist aber nur ein Möbelstück. Ich bin Pianospieler. Ich suche einen Platz an dem ich Piano spielen kann. Gestern war ich da vorne. Da steht ein Klavier! Aber ich kam nicht rein. Wisst ihr was?"

"Wir kommen aus München." stoppen wir seinen Redeschwall.

"Aus München?! Ich komme aus Hamburg. Na dann gucke ich wieder mal da vorne. Vielleicht komme ich heute da rein"

Angesteckt von so viel Spontanität folgen wir dem Hamburger drei Häuser weiter zu seinem potentiellen neuen Engagement. Die Bar, die er sich ausgesucht hat, entspricht nicht ganz unseren Geschmack. Ganz entgegen unserer sonstigen Gewohnheit sind wir tagsüber beim Bier geblieben und wollen das am Abend weiterführen. Schon seit dem ersten Abend wissen wir von einer weiteren typisch Berlinerischen Kneipe. Im wahrsten Sinne bei uns um's Eck. Wir wollen zurück zu unserem Kietz. Die Kupferkanne wartet auf ihre Entdeckung. 

1 Kommentar:

  1. Wobei Fernzüge oben und unten halten (genauso wie Regionalzüge). Kommt halt drauf an, aus welcher Richtung sie kommen bzw. weiterfahren (Nord-Süd unten, Ost-West oben).

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