Sonntag, 18. Januar 2015

Aussicht

Am Sonntag Abend geht der Bahnhof gut. Alte Taxifahrerweisheit. Die Münchner kommen zurück von ihren Ausflügen, Bekanntschafts- und Familienbesuchen. An meinem Lieblingsbahnhofsstand, dem Bahnhof Nord, finde ich keinen Platz mehr. Die Taxis stehen schon bis in die Arnulfstraße und behindern dabei die Busse die ebenfalls hier ihre Gäste einsteigen lassen wollen. Eine Ursache dafür sind auch die Privatfahrer, die, besonders am Sonntag Abend, ihre Fahrzeuge an den Bushaltestellen parken. Jeder ist nur ein paar Minuten hier und will seine Oma, Tante, Nichte, Onkel.... abholen. Aber hundertmal "bin gleich wieder weg" ist auch ein ganzer Abend. Da muß ich nicht auch noch mit meinem Taxi verkehrsverdichtend wirken und schleiche mich um die Ecke an den Bahnhofsplatz.
Hier am Bahnhof Mitte finde ich hinten am Taxistand genau noch einen Platz. Bis ich nach einer knappen Stunde vorne bin, stecke ich die Nase in mein Buch. Am Bahnhof Mitte stehen die Taxis in zwei Reihen nebeneinander. Als ich Erster bin, steige ich aus, stelle mich neben das Auto um die Gäste zu empfangen.
Neben dem Stand steht ein junger Mann. Er raucht eine Zigarette.

"Frei?" ; er deutet auf mich und mein Taxi.

"Ja."

Nach meiner Antwort wirft er die erst halb aufgerauchte Zigarette auf den Boden, tritt sie aus und setzt sich auf den Beifahrersitz. Unfreundlichkeit ist nicht die Ursache für das knappe Gespräch, er spricht sehr schlecht Deutsch und kein Englisch, wie ich jetzt feststelle. Er will in die Landsberger Straße 108. Die Straße verstehe ich sofort, um bei der Hausnummer sicher zu gehen, notiere ich die 108 auf einen Zettel und warte auf seine Bestätigung. Die dreistelligen, deutschen Zahlen sind für die nicht Muttersprachler eine kleine Herausforderung. Zuerst wird die erste, dann die letzte und am Ende die mittlere Stelle gesprochen.
Das Ziel ist klar. Die Strecke nur kurz. Am Bahnhofsplatz rechts abbiegen, aus der Bayerstraße wird die Landsberger Straße. Woher er komme, will ich wissen. Aus Griechenland. Es gefällt ihm hier. Zuhause hat er viel gearbeitet und im Monat 360,- € bekommen. Hier arbeitet er auch viel und bekommt dafür über 1.000,-€. Er ist erst sieben Monate hier. Manchmal, so wie jetzt leistet er es sich mit dem Taxi in ein griechisches Restaurant zu fahren. Er freut sich auf seine Landsleute, mit denen er in seiner Muttersprache sprechen kann.
Während unsere Verständigung, Gespräch mag ich es nicht nennen, suche ich die Häuserfronten nach Hausnummern ab. Weit vorne, fast an der Donnersbergerbrücke , erkenne ich in der Dunkelheit ein beleuchtetes Wirtshausschild. Poseidon - das ist es.
Nach dem Bezahlen entlasse ich meinen Fahrgast in sein sonntägliches Vergnügen. Beim Blick auf das Taxameter, das bei mir über dem Rückspiegel angebracht ist, entdecke ich durch das Glasschiebedach ein interessantes Motiv - den 23stöckigen Central Tower München.
7,30€ hat mir die Tour nach einer Stunde, mit Wartezeit am Bahnhof, gebracht. Unseren Mindestlohn habe ich knapp verfehlt.

Central Tower

Ich freue mich über die Aussicht, fahre über die Brücke, die Arnulfstraße wieder zurück zur Nordseite des Bahnhofs. Diesmal habe ich mehr Glück. Vor mir stehen nur vier Taxis. Nach nur fünf Minuten steigt mir eine Dame zu. Sie will in die Fasanerie in den Münchner Norden. Jetzt habe ich ihn auch, meinen Heimatstich.

1 Kommentar:

  1. Was heißt hier "dein" Heimatstich! Fasanerie ist meine Ecke... Na gut - war, zumindest solange mein Rücken noch "richtige" Arbeit vertrug.

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