Sonntag, 28. Dezember 2014

So richtig



Noch während ich gestern den Post am Taxistand schrieb, die Münchner Taxifahrer haben es schon am Foto erkannt, es ist der Taxistand Domagkstraße in der -> Parkstadt Schwabing, beobachtete ich eine Familie. Die Vier, offensichtlich Vater, Mutter und zwei Kinder kamen aus dem Rilano Hotel und tollten im frischen Schnee. Ja sie tollten! Selbst der circa 50jährige Vater kickte mit seinen Schuhspitzen in die Schneedecke und freute sich sichtlich wenn der Schnee aufstob. Sie setzten sich auf die verschneite Mauer neben dem Taxistand und begonnen den Schnee von ihren Fingern zu schlecken. Alle Vier! Jetzt folgte eine kurze, kleine Schneeballschlacht und bevor sie wieder im Hotel verschwanden, fotografierten sie sich gegenseitig mit ihren Handys.

Nach 20 Minuten tauchen sie sauber und trocken wieder auf. Der Junge hat sich einen rot-weißen Plüsch-Wickingerhelm mit Hörnern aufgesetzt. Langsam ganz vorsichtig kommen sie auf mich zu. Der Junge, er spricht am besten Englisch, beugt sich zum Beifahrerfenster und erkundigt sich nach dem Preis zur Allianz-Arena. Die anderen Drei halten sich mit gespitzten Ohren im Hintergrund und lugen ihrem Sprecher über die Schulter. Der Preis scheint zu passen. Sie steigen zu. Im ersten Moment kann ich die Sprache in der sie sich unterhalten nicht identifizieren. Darum frage ich gleich auf der Brücke über die A9;

"Es ist eine Freude euch zu sehen! Woher kommt ihr denn?" Das mit der Freude war in diesem Fall alles andere als eine Floskel. Selten war die Begrüßung so wahr gemeint. 

"Wir kommen aus Brasilien. Es ist das erste Mal, daß wir Schnee sehen. Vom Fernsehen kennen wir das schon, aber so richtig, so live ... Es ist so weich und nass und überhaupt nicht kalt."

Nach ihrer Antwort prasseln jetzt die Fragen auf mich ein.
"Habt ihr im Winter andere Reifen als im Sommer? Wie kalt wird es hier? Was macht ihr damit der Kraftstoff nicht einfriert?" 

Inzwischen fahren wir auf die A9 auf. Wir stoßen auf einen orangen LKW der ein großes Räumschild vor sich her schiebt. Es liegt kaum Schnee auf der Autobahn. Zweimal kratzt das Schild über den Asphalt, es fliegen Funken. Auf dem Dach und der Ladefläche des Lastwagens drehen sich drei Rundumleuchten. Ich bemerke das Interesse meiner Fahrgäste und fahre seitlich versetzt hinter dem Monstrum. Das Streugut prasselt an den Kotflügel des Taxis. Wieder zücken meine Gäste ihre Handies und fotografieren beeindruckt den Lastwagen der Autobahndirektion. 

Bei der Zufahrt zur Allianz-Arena fragen sie mich ob das Spiel Brasilien gegen Deutschland während der Weltmeisterschaft gesehen hätte. Ich habe es gesehen und natürlich ist es mir in den Sinn gekommen wenn ich schon mal mit Brasilianern auf dem Weg zum Fußballstadion bin. Aus Taktgefühl wollte ich das Spiel nicht erwähnen. Aber wenn die schon damit anfangen, kann ich mit meinem äußerst bescheidenen Fußballwissen aufwarten: 

"Sechs Spieler der Deutschen Nationalmannschaft waren von diesem Team." Dabei deute ich auf die neue rote Kugel bei der Zufahrt zum Parkplatz Nord mit dem Logo des FC Bayern. Das ist gleich die passende Vorlage zu meiner nächsten Erklärung.  

"Wenn die Nationalmannschaft spielt, leuchtet die Arena weiß, beim FC Bayern rot und bei 1860 blau."  Ich will die Löwen nicht unerwähnt lassen. 

Allianz - Arena Nordseite


Direkt am Zugang zur Arena ist die Fahrt zu Ende. Leider. Meine Gäste bedanken sich, bezahlen und steigen aus. Schon wieder werden die Handies gezückt und fotografiert. Mein Taxi, mich, mein Tachofeld, die Arena, abwechselnd, gegenseitig, Selfies mit dem Stadion im Hintergrund. Ich knipse zurück. Auf meinem Foto könnt ihr den weiß-roten Helm mit Hörnern und Zöpfen auf dem Kopf meines Fahrgastes erkennen.  Für mich war das eine mehr als angenehme Fahrt. Solche begeisterungsfähigen Gäste möchte ich öfter kutschieren. 

Auf dem Rückweg über Freimann male ich mir aus, wie ich schauen würde, wenn ich in Brasilien zum ersten Mal einen Pfeilgiftfrosch, eine Bananenspinne, einen Piranha, eine Anakonda oder einen Jaguar sehen würde. Vom Fernsehen her kenne ich das schon, aber so richtig, so live ... Ich glaube ich würde nicht mehr mein Handy für ein Foto zücken. Ich wäre froh um einen brasilianischen Taxifahrer, der mir sagt was jetzt zu tun wäre.  

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