Freitag, 14. November 2014

Modus



Tschak Tschak!
Das Geräusch läßt mich am Barer- /Schellingstand hochschrecken.
Heute bin ich mal nachts unterwegs. Eine junge Frau schlägt mit der flachen Hand auf das Glasschiebedach meines Taxis. Sie öffnet die Beifahrertüre und beugt sich nach unten um mich anzusprechen; 

“Hallo Herr Taxifahrer!“

Sie wendet sich nach hinten, blickt die Barer Straße entlang in die Dunkelheit und winkt mit großer Geste.

“Heeyyy!“ 

Sie macht ihre Begleiter darauf aufmerksam, daß sie ein Taxi ergattert hat. Ich weiß nicht was jetzt noch auf mich zukommt. Eine Flucht ist nicht mehr möglich, sie steht in der geöffneten Türe und hält sie noch in der Hand. 

Links und rechts fliegen fast gleichzeitig die beiden hinteren Türen des Taxis auf. Auf der rechten Seite fläzt sich ein kräftiger, blonder Mann in den Sitz. 

“Ich will onanieren!“ ist der erste Satz aus seinem Mund.
“In die Müllerstraße zum Sunshine Pub.“ 

Ich frage mich, womit ich diese Fuhre verdient habe, und schalte auf den Nachtfahrermodus um. Den Sunshine Pub kenne ich eben noch aus meiner Zeit als Nachtfahrer. Zwei- oder drei Mal war ich auch als Gast in dem Pub. Das ist aber schon mindestens vor 15 Jahren gewesen.
Nachtfahrermodus  - das bedeutet tolerant sein, aber trotzdem keine Schwäche zeigen, kurz; den Abgeklärten geben.

“In zehn Minuten.“; gebe ich dem Selbstbefriedigungsbedürftigen knapp contra. Es scheint zu wirken. Ich gewinne eine halbe Minute Ruhe an der Rückbankfront.

Zum Glück ist der etwas schwächere, direkt hinter mir sitzende Fahrgast zurückhaltender.
Als meine Beifahrerin bemerkt, daß ich auch Bayer bin, verfällt sie in unseren Dialekt. Sie muß auch vom Land kommen, das bringt ihr schon mal 10 Symphatiepunkte
.
Der bisher Ruhige hat begonnen, die anderen Autoinsassen, die neben uns fahren oder an der Ampel stehen, mit Grimassen zu unterhalten. Zu dem Behuf verwendet er wechselweise mal „sein“ linkes, oder das rechte Fenster. Bei der Verwendung des rechten Fensters, klettert er halb über den blonden Hühnen, der abwechselnd die Jalousien der Seitenfenster oder den Rollo im Heckfenster nach oben oder unten fährt. 

Aufgestellt am Taxistand im Tal - nach der Müllerstraße

Am Altstadtring, in der Sonnenstraße, deutet sie mit ausgestrecktem Daumen nach hinten.
“Der kommt aus Holland – und der aus Aachen, wos soi i macha?“
Während ihrer rhetorischen Pause entdeckt XXL-Wicki die Taste mit der man die Rückenlehne verstellen kann.
“Woana!(weinen) gibt sie sich selbst zur Antwort. Ihr Humor gefällt mir, sie gewinnt weitere 10 Sympathiepunkte. Wir blödeln noch den letzten halben Kilometer. 

Sie fragt mich noch, ob ich noch mit ihnen in den Pub kommen will. Schweren Herzens verneine ich.
Abends fragt mich meine Tochter oft am Mobiltelefon: “Papa, wann kommst du?“. Die erste Fahrt für morgen steht ganz früh in meinem Notizbuch. 

So ganz kann ich doch nicht mehr in den Nachtfahrermodus umschalten, und das ist zum Weinen – aber nur manchmal! 

Kommentare:

  1. Ach lieber Reinhold - nach Deiner Beschreibung des Nachtfahrermodus ist mir klar, warum mir das nachtfahren immer so gut gelegen hat: Frauen, die mit Humor auf ihrer Selbstbestimmung beharren sind wohl ihr ganzes Leben lang im Nachtfahrermodus, auch wenn sie nicht taxifahren.... so gesehen ist das nachtfahren eigentlich eher ein(e) echt weibliche(r) Beruf(ung) ha ha. Gruß an alle Kollegen, Eva

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  2. Ich glaube auch, dass die gemeinhin den Frauen zugeschriebenen Fähigkeiten beim Nachtfahren zielführender sind als Sturheit und Rechthaberei.

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