Sonntag, 9. November 2014

Geduld - Spiele



Das ist also der Donnerstag, der erste Tag des Bahnstreiks. Vesna hat der Streik vier Auswärtsfahrten beschert. Mir bleibt das Taxi, und nachdem ich einen Geschäftsmann von der Parkstadt zum Flughafen gebracht hatte, bleibt mir dort viel Zeit in der langen Taxischlange.

Im August erst habe ich von einem -> Investmentbanker als Fahrgast geschrieben. Er ist mir in Schwabing ins Taxi geschneit und hat mir ein ganz klein wenig Einblick in sein Berufsleben gegeben. Am Ende des Posts kam ich zu dem Schluß, daß durch Arbeit niemand reich wird. Nach der Erkenntnis kommt der Reichtum – gemäß unserer Erkenntnis vor 25 Jahren nach nächtelangen, philosophischen Erörterungen in der FINA – Tankstelle und Taxigarage der Marsstraße. Damals wollten wir alle nach der Erleuchtung Taxiunternehmer werden.  

Als Handelsplattform für meine (wieder) ersten Investitionen in Aktien wähle ich ein Depotkonto bei der DAB Bank. Die Bank berechnet für eine Order nur 4,90 €. Ich will in die Lanxess AG investieren. Die AG war am Vortag der größte Flop im Dax. Bei meinen ersten Dax – Auswertungen bin ich auf sie gestoßen. Es ist Deutschlands neuntgrößter Chemiekonzern und weltweit der größte Hersteller von synthetischem Kunststoff. Das Unternehmen wurde von der bekannten Bayer AG ausgegliedert und ist erst seit 2012 im Dax gelistet. Und wenn es so weitergeht, bleiben die auch nicht mehr lange dort. Interessant ist der Firmenname, ein Kunstwort, zusammengesetzt aus dem französischen lancer(vgl. dt. Lancieren) und dem englischen success.
Inzwischen bin ich oben am Terminal angekommen, dort kaufe ich 25 Stück Inhaberaktien zu einem Kurs von 39,57 €. 

06.11.2014 - hätte ich doch mit dem Kaufen gewartet

Meine erste Fahrt geht nach Schwaig. Eine Dame hatte keine Geduld mehr auf den Shuttlebus zum Holiday Inn Express zu warten. Nach Schwaig ist es nur eine kurze Strecke. Ich ziehe meine Karte durch den Kurzstreckenautomat um mich bei meiner Ankunft wieder vorne einreihen zu dürfen.
Meine zweite Chance führt mich nach Erding, auch nicht das Gelbe vom Ei. Der junge Gast aus Italien will zum BEST WESTERN Park Hotel, direkt am Bahnhofsplatz. Der Italiener steigt ein, jetzt erst bemerke ich auf der Rückbank einen schwarzen Regenhut. Den muß die Dame, die ich zuvor nach Schwaig brachte, vergessen haben. 

Inzwischen ist es spät geworden. In Erding habe ich mich schon mit meinem Los abgefunden heute nichts mehr zu reißen. Von hier bliebe mir als nächster Stand nur der Flughafen und ob ich von dort heute noch eine Fahrt bekomme ist sehr fraglich. Schicksalsergeben fahre ich auf dem Rückweg in Schwaig vorbei um an der Rezeption des Holiday Inn Express den Regenhut abzugeben. 

Von hier muß ich auf dem Nachhauseweg direkt durch den Flughafen. Die Anzeige auf meinem Navi scheint voller roter Autos, die stockenden Verkehr anzeigen. Angesichts des zu erwartenden Staus, entschließe ich mich doch noch schnell mich am Flughafen einzureihen. 

Eine glückliche Entscheidung, denn nach nur eineinhalb Stunden war ich der Erste. Eine Dame aus Japan will in das hinterste Pasing. Ein kurzer Blick auf meine Navi; auf der A 92 und der A 99 rot, rot und noch einmal rot. Die sich anbietende Route über die Westumfahrung, durch den Allacher Tunnel verwerfe ich sofort. Auf der A9 einwärts werden mir nur vereinzelt gelbe Autos angezeigt. Kurz nach der Allianz-Arena erwischt uns die Realität. 
Wir kommen in einen Stau, aus dem wir die nächste Stunde nicht mehr herauskommen. Im Stopp und Go mühen wir uns über den Georg-Brauchle-Ring und die Landshuter Allee. Wunschgemäß biege ich nach der Donnersberger Brücke in die Landsberger Straße ab. Ein Fehler hier blicken wir in die hunderte von roten Rücklichtern der Leidensgenossen vor uns. Im Radio hören wir einen Autofahrer der über Telefon meldet, daß er seit einer Stunde in dem Stau in der Verdistraße auswärts steht.
Ich weiche auf die Agnes-Bernauer-Straße aus. Aber das Pech scheint uns zu verfolgen. Die Agnes-Bernauer auswärts ist ab dem Willibaldplatz gesperrt. Unsere Geduld wird auf die Probe gestellt. Noch einmal weiche ich aus. Schließlich lande ich in der Kapruner-, Mitterfeld-, Fischer-von-Erlach-Straße. Endlich, endlich landen wir, nach über einer Stunde Fahrzeit über die Gräf- und Institutstraße in dem Teil Pasings, den wir erreichen wollten. Der Fahrpreis auf dem Taxameter ist einem frischgebackenen Investor der chemischen Industrie angemessen. 

Obwohl wegen des Bahnstreiks an allen Ecken und Enden Taxis gebraucht werden, will ich nur noch nach Hause. Es hätte keinen Sinn. Ich würde kaum zu den Kunden kommen. Wenn die dann anschließend bei laufendem Taxameter im stehenden Taxi sitzen, sind sie gestresst und ich genervt. Lieber setze ich mich am späten Abend an unsere Homepage, der wir bahnstreikbedingt nicht nur Verkehrschaos, sondern auch weite Auswärtsfahrten, zu verdanken haben. 

Am nächsten Morgen, es ist Freitag, schaue ich immer wieder auf den Kurs von Lansexx. Die blaue Linie fällt steil nach unten. Bei der 38,- € Marke erfährt der Kurs eine kleine Erholung. Wahrscheinlich war das ein Kaufsignal für die Anleger. Nach der kleinen Erholung rauscht der Kurs aber wieder weiter abwärts, durchbricht die 38,- € Marke nach unten. Bei 37,50 wieder eine kleine, kaum merkbare Erholung. Mein Spieltrieb ist erwacht. Erst um 13 Uhr flacht die Kurve ab und bewegt sich eine Stunde vor Börsenschluß sogar leicht nach oben. Der Kurs geht mit 37,64 ins Taximessenwochenende.

Im Kongreßsaal der Messe in Köln sitzen an diesem Wochenende Taxiunternehmer und lauschen der vom BZP veranstalteten Podiumsdiskussion. Der Hauptgrund für ihr Erscheinen mag die Tombola sein. Der neue 100% myTaxi-Eigner hat den Hauptpreis spendiert. Ein Auto, ein richtiges Taxi, natürlich ein Mercedes. In den Facebook Meldungen von der Messe erfährt man nichts über die Inhalte, die auf der Bühne besprochen wurden. Wohl aber über die Losnummern, die Gewinne und die Gewinnerin, diesmal aus Dortmund, des Hauptpreises. Nach der Tombola zerstreuen sich die Taxiunternehmer schnell wieder in alle Himmelsrichtungen. Natürlich ist die Verlosung am Ende der Veranstaltung. Bis dahin müssen sich meine Kollegen in Geduld üben. 
 Mich erinnert das an meine Kindheit. Auch ich bekam ein Auto, nur ein kleines Matchbox-Model – aber zuerst musste ich den Zahnarzt über mich ergehen lassen. Wie in Köln gab es das Auto erst nach der Sitzung. So war gesichert, daß ich geduldig auf dem heißen Behandlungsstuhl ausharrte. 

Der Bahnstreik ist vorerst vorbei.  Morgen früh  ist wieder Montag. Die Berater shutteln zum und vom Flughafen, um 9 Uhr öffnet die Börse – meine Geduldsprobe hat ein Ende.  

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