Samstag, 3. März 2012

Adult Pop


In den Gebäuden des ehemaligen Industriegebietes an der Balanstraße 73 haben viele Existenzgründer einen Platz für ihren Start up gefunden.
Ich befahre das Gelände wenn ich einen Parkplatz während meines Aufenthaltes an der -> Currywurstbude brauche. Mit Fahrgästen findet man mich auch auf dem weitläufigem Gelände. Dann irren wir zwischen den Hallen, auf der Suche nach Haus A, B, C, oder, oder, oder – dabei habe ich eine interessante Entdeckung gemacht. Ich nenne sie Begriffswand. Auf ihr finden sich Begriffe wie sauber, proper, in klarer Schrift, alphabetisch geordnet aufgemalt.
Die Begriffe wecken mein Interesse. Mit vielen kann ich nichts anfangen. Ich will herausfinden was die einzelnen Begriffe bedeuten und was sie mit München zu tun haben. Heute fange ich an. Mit dem Begriff der alphabetisch der Erste ist und wie es sich gehört an der Wand oben links steht:
adult pop

Begriffswand in der Balanstraße 73


Erwachsene Popmusik, oder doch eher Popmusik für Erwachsene. Das fällt mir zunächst ein ohne zu googeln. Das wäre also Musik für Menschen in meiner Altersklasse 40+. Was habe ich, oder besser wir, meine Generation, gehört?

Neue deutsche Welle, Kim Wilde, Nena, Hardrock, Metal, Depeche Mode, Billy Idol, Flashdance, Rap, Naugty By Nature, Breakdance, Ideal, Extrabreit, Boy George, Kraftwerk  … bis zu den Ton Steine Scherben und Sex Pistols – das alles habe ich einfach so  braingestormt in die Tastatur gehackt.

Die NDW, die Neue Deutsche Welle, war einfach Spaß. Markus brachte es auf den Punkt mit seinem “Ich geb Gas, ich will Spaß“. Die Texte waren auf deutsch, verständlich und eingängig. Nena hat uns mit ihren 99 Luftballons ein klein wenig in unser friedfertiges Gewissen gesungen. Kim Wilde war einfach nur geil in den 80ern mit ihrer blonden Föhnfrisur und Lederkluft. Hardrocker  und Metler war ich nie, aber ich kann mich an meine frühen Freunde erinnern, die versucht haben mich in den Hardrock einzuführen. In Freising, im Lindenkeller, haben sie es mir gezeigt;

“So muast as macha. So wia i. Voi flippn muast!“

brüllt er mir ins Ohr und schleudert wie die Anderen auf der Tanzfläche seinen Kopf  hin und her. Daß das Headbanging war, habe ich erst Jahre später gelernt. Depeche Mode, jetzt komme ich der Popmusik schon näher, Master And Servant und  People Are People waren ihre ersten Hits. In dem Schallplattencover war ein Booklet. Wir haben die Texte, die darauf abgedruckt waren, übersetzt und kamen zu  dem Schluß, das es genau so ist wie die es singen. Von denen hatte ich die erste bunte Schallplatte – die Platte war grün-weiß marmoriert und alleine deswegen schon eine kleine Sensation.
Der Film Flashdance, er zeigte uns zu einer Zeit in der Musikvideos noch nicht so verbreitet waren, wie eindrucksvoll Bilder  mit Musik kombiniert werden können. Die Umgebung in der der Film spielt, eine Großstadt in Nordamerika, war für uns mehr als interessant. Wir lernten Graffiti und Breakdance kennen. Der erste Rap kam mir zu Ohren. Später musste der Rap dann immer härter werden. Das waren schon Helden für einen Jungen in einem bayerischen Dorf, die Gangster in den Ghettos der East- oder Westcoast, die sich von Niemanden etwas sagen lassen.
Da war da noch Ideal, zwar NDW aber beileibe keine Spaßband. Bei der Musik stellte ich mir vor wie ich alleine oder mit Freundin mein Leben meistern werde. Wie ich in einer Stadt arbeite, wohne und meine Freizeit verbringe. Bei den Titeln fühlte ich mich in Gedanken schon richtig erwachsen.
      
Boy George war ein Paradiesvogel. Geschminkt und feminin haucht er „Do you really want to hurt me?” ins Mikrofon. Der würde es den Spießern bei uns im dorf schon zeigen. So rumzulaufen wie der Boy George das traut sich hier keiner. Ernüchternd war dann was mit ihm weiter passiert ist. Vor drei Jahren war er als DJ in einem Club bei uns im Kunstpark Ost angekündigt so richtig interessiert hat das dann Niemanden mehr so richtig.
Kraftwerk war und ist Kult, manche sehen in der Band die Begründer des Techno. Ich hatte die Original-LP Autobahn von denen. Ein DJ aus dem Nachtcafe, hat zu der Zeit als das Nachtcafe noch eine Disco, und ich noch ein Nachtfahrer war, 400,- DM für die Scheibe geboten.

Punk – die Musik kannte ich von den geliehen Platten eines Kollegen auf der Baustelle. Er war zwar kein Punk, hörte aber die Musik. Meine unstillbare Neugierde brachte mich dann in Bekanntschaft zu der Musik der Sex Pistols und Exploited.
Gespannt lauschte ich neben ihm die Schaufel in der Hand seine Erläuterungen zu den Punks.

“… dann gibt’s dann noch den Lepra. Der ist ein Hardcore-Punk in München oder Berlin.“

München oder Berlin, ich weiß nicht mehr was er genau sagte, aber von meinem Standpunkt aus, zwischen Laderaupen und Bergen von Mutterboden, bis zu den Knöcheln im Dreck, war mir das auch ziemlich gleich. Beides waren für mich einfach nur Riesenstädte, Metropolen, Paradiese nach der Enge des Dorfes.

“Was ist das – ein Hardcore-Punk?“ frage ich zurück.
“Der ist nur Punk, sonst nix.“
“Ja und was arbeitet so ein Hardcore-Punk wie der Lepra?“
“Nix, der arbeitet net. Nix, macht der. Des is a Punk!“

 Für mich begann eine Welt zusammenzustürzen, als mein Kollege mit den schweren Stiefeln  hinter der Raupe davonstapfte. Aber eine neue, bunte, verlockende tat sich auf. Für mich unvorstellbar daß da einer nix arbeitet. So was geht nur in einer Großstadt! Da braucht man sich nicht genieren. Da muß ich hin – in die Stadt!  Später, als ich mit meinem Kollegen  über  Exploited und den Lepra sprach, verriet er mir, daß der vom Schnorren lebt.

Irgendwie ist mir aber schon klar – das kann nicht alles Adult Pop sein. Depeche Mode könnte man vielleicht noch dazu zählen. Was genau Adult Pop ist weiß ich (noch) nicht. Während ich mich mit dem Begriff beschäftigte sind mir in meinem Kopf Bilder aus meiner Jugendzeit wieder hochgekommen.



 Ein aktuelles Bild habe ich auch noch, das nach eigenen Aussagen eines der bedeutendsten Adult Pop Label Deutschlands, die -> Koch-Universal-Music, sind in dem Gebäude in der Ganghoferstraße 66 untergebracht. Davor steht mein Taxi. Damit bin ich wieder in der Gegenwart und in meinem Autoradio dudelt Bayern 3. Ich habe da so einen Verdacht, das was ich da so aus dem Radio höre, das muß es sein – Adult Pop.      

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