In den Gebäuden des ehemaligen Industriegebietes an der
Balanstraße 73 haben viele Existenzgründer einen Platz für ihren Start up
gefunden.
Ich befahre das Gelände wenn ich einen Parkplatz während
meines Aufenthaltes an der -> Currywurstbude brauche. Mit Fahrgästen findet
man mich auch auf dem weitläufigem Gelände. Dann irren wir zwischen den Hallen,
auf der Suche nach Haus A, B, C, oder, oder, oder – dabei habe ich eine
interessante Entdeckung gemacht. Ich nenne sie Begriffswand. Auf ihr finden
sich Begriffe wie sauber, proper, in klarer Schrift,
alphabetisch geordnet aufgemalt.
Die Begriffe wecken mein Interesse. Mit vielen kann ich
nichts anfangen. Ich will herausfinden was die einzelnen Begriffe bedeuten und
was sie mit München zu tun haben. Heute fange ich an. Mit dem Begriff der
alphabetisch der Erste ist und wie es sich gehört an der Wand oben links steht:
adult pop
| Begriffswand in der Balanstraße 73 |
Erwachsene Popmusik, oder doch eher Popmusik für Erwachsene.
Das fällt mir zunächst ein ohne zu googeln. Das wäre also Musik für Menschen in
meiner Altersklasse 40+. Was habe ich, oder besser wir, meine Generation,
gehört?
Neue deutsche Welle, Kim Wilde, Nena, Hardrock, Metal, Depeche
Mode, Billy Idol, Flashdance, Rap, Naugty By Nature, Breakdance, Ideal,
Extrabreit, Boy George, Kraftwerk … bis
zu den Ton Steine Scherben und Sex Pistols – das alles habe ich einfach so braingestormt in die Tastatur gehackt.
Die NDW, die Neue Deutsche Welle, war einfach Spaß. Markus
brachte es auf den Punkt mit seinem “Ich geb Gas, ich will Spaß“.
Die Texte waren auf deutsch, verständlich und eingängig. Nena hat uns mit ihren
99 Luftballons ein klein wenig in unser friedfertiges Gewissen gesungen. Kim
Wilde war einfach nur geil in den 80ern mit ihrer blonden Föhnfrisur und
Lederkluft. Hardrocker und Metler war
ich nie, aber ich kann mich an meine frühen Freunde erinnern, die versucht
haben mich in den Hardrock einzuführen. In Freising, im Lindenkeller, haben sie
es mir gezeigt;
“So
muast as macha. So wia i. Voi flippn muast!“
brüllt er mir ins Ohr und schleudert wie die Anderen auf der
Tanzfläche seinen Kopf hin und her. Daß
das Headbanging war, habe ich erst Jahre später gelernt. Depeche Mode, jetzt
komme ich der Popmusik schon näher, Master And Servant
und People Are
People waren ihre ersten Hits. In dem Schallplattencover war ein
Booklet. Wir haben die Texte, die darauf abgedruckt waren, übersetzt und kamen
zu dem Schluß, das es genau so ist wie
die es singen. Von denen hatte ich die erste bunte Schallplatte – die Platte
war grün-weiß marmoriert und alleine deswegen schon eine kleine Sensation.
Der Film Flashdance, er zeigte uns zu einer Zeit in der
Musikvideos noch nicht so verbreitet waren, wie eindrucksvoll Bilder mit Musik kombiniert werden können. Die Umgebung
in der der Film spielt, eine Großstadt in Nordamerika, war für uns mehr als
interessant. Wir lernten Graffiti und Breakdance kennen. Der erste Rap kam mir
zu Ohren. Später musste der Rap dann immer härter werden. Das waren schon
Helden für einen Jungen in einem bayerischen Dorf, die Gangster in den Ghettos
der East- oder Westcoast, die sich von Niemanden etwas sagen lassen.
Da war da noch Ideal, zwar NDW aber beileibe keine Spaßband.
Bei der Musik stellte ich mir vor wie ich alleine oder mit Freundin mein Leben
meistern werde. Wie ich in einer Stadt arbeite, wohne und meine Freizeit
verbringe. Bei den Titeln fühlte ich mich in Gedanken schon richtig erwachsen.
Boy George war ein Paradiesvogel. Geschminkt und feminin
haucht er „Do you really want to hurt me?” ins Mikrofon.
Der würde es den Spießern bei uns im dorf schon zeigen. So rumzulaufen wie der
Boy George das traut sich hier keiner. Ernüchternd war dann was mit ihm weiter
passiert ist. Vor drei Jahren war er als DJ in einem Club bei uns im Kunstpark
Ost angekündigt so richtig interessiert hat das dann Niemanden mehr so richtig.
Kraftwerk war und ist Kult, manche sehen in der Band die
Begründer des Techno. Ich hatte die Original-LP Autobahn von
denen. Ein DJ aus dem Nachtcafe, hat zu der Zeit als das Nachtcafe noch eine
Disco, und ich noch ein Nachtfahrer war, 400,- DM für die Scheibe geboten.
Punk – die Musik kannte ich von den geliehen Platten eines
Kollegen auf der Baustelle. Er war zwar kein Punk, hörte aber die Musik. Meine
unstillbare Neugierde brachte mich dann in Bekanntschaft zu der Musik der
Sex Pistols und Exploited.
Gespannt lauschte ich neben ihm die Schaufel in der Hand
seine Erläuterungen zu den Punks.
“… dann gibt’s dann noch den Lepra. Der ist ein
Hardcore-Punk in München oder Berlin.“
München oder Berlin, ich weiß nicht mehr was er genau sagte,
aber von meinem Standpunkt aus, zwischen Laderaupen und Bergen von Mutterboden,
bis zu den Knöcheln im Dreck, war mir das auch ziemlich gleich. Beides waren
für mich einfach nur Riesenstädte, Metropolen, Paradiese nach der Enge des
Dorfes.
“Was ist das – ein Hardcore-Punk?“ frage
ich zurück.
“Der ist nur Punk, sonst nix.“
“Ja und was arbeitet so ein Hardcore-Punk wie der
Lepra?“
“Nix, der arbeitet net. Nix, macht der. Des is a Punk!“
Für
mich begann eine Welt zusammenzustürzen, als mein Kollege mit den schweren
Stiefeln hinter der Raupe davonstapfte.
Aber eine neue, bunte, verlockende tat sich auf. Für mich unvorstellbar daß da
einer nix arbeitet. So was geht nur in einer Großstadt! Da braucht man sich
nicht genieren. Da muß ich hin – in die Stadt!
Später, als ich mit meinem Kollegen
über Exploited
und den Lepra sprach, verriet er mir, daß der vom Schnorren lebt.
Irgendwie ist mir aber schon klar – das kann nicht alles
Adult Pop sein. Depeche Mode könnte man vielleicht noch dazu zählen. Was genau
Adult Pop ist weiß ich (noch) nicht. Während ich mich mit dem Begriff
beschäftigte sind mir in meinem Kopf Bilder aus meiner Jugendzeit wieder
hochgekommen.
Ein aktuelles Bild
habe ich auch noch, das nach eigenen Aussagen eines der bedeutendsten Adult Pop Label Deutschlands, die
-> Koch-Universal-Music, sind in dem Gebäude in der Ganghoferstraße 66 untergebracht. Davor steht mein Taxi. Damit
bin ich wieder in der Gegenwart und in meinem Autoradio dudelt Bayern 3. Ich
habe da so einen Verdacht, das was ich da so aus dem Radio höre, das muß es
sein – Adult Pop.
Tolle Story!
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