Gestern vormittag sitzen wir wieder bei unserer Kaffeerunde
in der Hotellobby. Ein Hotelgast geht an unserem Tisch vorbei und begrüßt uns
mit;
“Good morning!“
Zwei meiner Kollegen kennen den Mann mit dem dunkelblauen
Mantel schon als Fahrgast. Amerikaner sei er, hätte irgendwas mit Medien zu
tun. Ganz ein Schlauer! Der weiß schon wie gerne wir zum Flughafen fahren.
Beiden Taxifahrern hat er das gleiche Angebot gemacht. Sie sollen ihn von
Termin zu Termin fahren. Mit dem Taxi immer bereitstehen. Die Fahrten würde er
bezahlen, die Wartezeit nicht. Dazu lockt er mit einer Fahrt zum Flughafen am
Ende des Tages. Das Gepäck bleibt im Taxi, d.h. man kann dazwischen keinen
Auftrag annehmen. Man weiß nicht wann man wieder zurück ist und das fremde
Gepäck liegt im Kofferraum. Beide Kollegen haben ihm eine Tagespauschale
angeboten, worauf er aber nicht einging und so blieb es bei den Fahrten vom
Hotel zu den Fahrzielen in der Stadt.
Eine Stunde später, ich bin Erster, fragt mich der
Blaubemantelte, ob ich American Express akzeptiere. Ich akzeptiere und die
Fahrt geht los. Wir fahren nach Unterföhring in das alte Agrob-Gelände. Dort
halte ich vor Sport 1. Der gast zückt seine Kreditkarte und
bezahlt damit 17,10 € Fahrpreis ohne einen Cent Trinkgeld. Vom Norden her
kommend stelle ich mich gleich wieder vor das Hotel. Die Kollegen wollen gleich
wissen wohin die Fahrt ging. Als ich berichte, bestätigen sie mir;
„Typisch“
Damit meinen sie dreierlei, das Fahrziel (ein
Medienunternehmen) , das Trinkgeld (null, was eigentlich
untypisch für Amerikaner ist) und die Zahlweise (mit
American Express, das wiederum ist typisch für Amerikaner)
Heute gleicher Platz, gleiche Anwesende. Als ich ankomme
sehe ich meine Kollegen bedrückt und wortlos neben unserem Taxistand stehen.
Die Gesichter verraten mir, das etwas Schlimmes passiert sein muß.
“Ist etwas passiert?“
frage ich gleich. Als Antwort erhalte ich eine schlimme
Nachricht über den Freitod eines Kollegen, der am Sonntag noch inmitten unseres
Kaffeekränzchens saß. Das traurige Ereignis beschäftigt uns den ganzen
Vormittag am Standplatz.
Der Kollege, der Erster am Standplatz ist, holt mich aus dem
Hotel. Er nimmt keine Kreditkarten an, und so hätte er einen Fahrgast für mich.
Ich gehe raus zu meinem Taxi. Da steht schon der Blaumantel mit Gepäck neben
meinem VW – Bus. Wir erkennen uns. Es erübrigt sich so die Frage ob ich
Kreditkarten annehme. Fahrziel nach Grünwald zu RTL II. Er spricht es AR-TI-EL
aus. Heute wieder ein Medienunternehmen. Er hätte dort eine Besprechung, die
würde eine, eineinhalb, “maybe“ zwei Stunden dauern. Ob ich
warten wolle, um ihn anschließend zum Flughafen zu fahren. Aha, da ist er also
der Köder. Zwei Stunden für eine Fahrt von Grünwald zum Flughafen wäre in
Ordnung. Ginge der ganze Nachmittag flöten, wäre das nicht mehr akzeptabel. Ich
stände dann mit dem Gepäck im Kofferraum stundenlang ohne Bezahlung vor dem
Büro, hoffend mein Fahrgast möge erscheinen.
| RTL II Gebäude in Grünwald Nahe den Bavaria Studios |
„Zwei Stunden.“ und dabei zeige ich ihm
zwei Finger.“Wenn du dann nicht da bist, stelle ich das Gepäck beim
Pförtner ein und belaste deine Kreditkarte mit 24,- € pro Stunde Wartezeit.
Wenn du mit mir pünktlich zum Flughafen fährst können wir Beide gewinnen und
wir haben unseren Tag gemacht.“
Die Sprüche (Win-Win-Situation, Make my
day) habe ich mir im Fernsehen abgeschaut und sie müssen
funktionieren, denn er willigt ein. Jetzt stehe ich vor RTL in Grünwald,
veröffentliche diesen Beitrag. 20 Minuten hat er noch, mein amerikanischer
Freund.
Und was ist nach den 20 Minuten passiert? :-)
AntwortenLöschenEr ist 13 Minuten vorher wieder herausgekommen. Darum konnte ich den Post erst am Flughafen hochladen. Bezahlt hat er dann am Flughafen wie gewohnt mit Kreditkarte und ohne Trinkgeld. Trotzdem haben sich die zwei Stunden in Grünwald für 73,10 € gelohnt.
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