Dienstag, 21. Februar 2012

AR TI EL


Gestern vormittag sitzen wir wieder bei unserer Kaffeerunde in der Hotellobby. Ein Hotelgast geht an unserem Tisch vorbei und begrüßt uns mit;

“Good morning!“

Zwei meiner Kollegen kennen den Mann mit dem dunkelblauen Mantel schon als Fahrgast. Amerikaner sei er, hätte irgendwas mit Medien zu tun. Ganz ein Schlauer! Der weiß schon wie gerne wir zum Flughafen fahren. Beiden Taxifahrern hat er das gleiche Angebot gemacht. Sie sollen ihn von Termin zu Termin fahren. Mit dem Taxi immer bereitstehen. Die Fahrten würde er bezahlen, die Wartezeit nicht. Dazu lockt er mit einer Fahrt zum Flughafen am Ende des Tages. Das Gepäck bleibt im Taxi, d.h. man kann dazwischen keinen Auftrag annehmen. Man weiß nicht wann man wieder zurück ist und das fremde Gepäck liegt im Kofferraum. Beide Kollegen haben ihm eine Tagespauschale angeboten, worauf er aber nicht einging und so blieb es bei den Fahrten vom Hotel zu den Fahrzielen in der Stadt.

Eine Stunde später, ich bin Erster, fragt mich der Blaubemantelte, ob ich American Express akzeptiere. Ich akzeptiere und die Fahrt geht los. Wir fahren nach Unterföhring in das alte Agrob-Gelände. Dort halte ich vor Sport 1. Der gast zückt seine Kreditkarte und bezahlt damit 17,10 € Fahrpreis ohne einen Cent Trinkgeld. Vom Norden her kommend stelle ich mich gleich wieder vor das Hotel. Die Kollegen wollen gleich wissen wohin die Fahrt ging. Als ich berichte, bestätigen sie mir;

„Typisch“

Damit meinen sie dreierlei, das Fahrziel (ein Medienunternehmen) , das Trinkgeld (null, was eigentlich untypisch für Amerikaner ist) und die Zahlweise (mit American Express, das wiederum ist typisch für Amerikaner)

Heute gleicher Platz, gleiche Anwesende. Als ich ankomme sehe ich meine Kollegen bedrückt und wortlos neben unserem Taxistand stehen. Die Gesichter verraten mir, das etwas Schlimmes passiert sein muß.

“Ist etwas passiert?“

frage ich gleich. Als Antwort erhalte ich eine schlimme Nachricht über den Freitod eines Kollegen, der am Sonntag noch inmitten unseres Kaffeekränzchens saß. Das traurige Ereignis beschäftigt uns den ganzen Vormittag am Standplatz.

Der Kollege, der Erster am Standplatz ist, holt mich aus dem Hotel. Er nimmt keine Kreditkarten an, und so hätte er einen Fahrgast für mich. Ich gehe raus zu meinem Taxi. Da steht schon der Blaumantel mit Gepäck neben meinem VW – Bus. Wir erkennen uns. Es erübrigt sich so die Frage ob ich Kreditkarten annehme. Fahrziel nach Grünwald zu RTL II. Er spricht es AR-TI-EL aus. Heute wieder ein Medienunternehmen. Er hätte dort eine Besprechung, die würde eine, eineinhalb, “maybe“ zwei Stunden dauern. Ob ich warten wolle, um ihn anschließend zum Flughafen zu fahren. Aha, da ist er also der Köder. Zwei Stunden für eine Fahrt von Grünwald zum Flughafen wäre in Ordnung. Ginge der ganze Nachmittag flöten, wäre das nicht mehr akzeptabel. Ich stände dann mit dem Gepäck im Kofferraum stundenlang ohne Bezahlung vor dem Büro, hoffend mein Fahrgast möge erscheinen.

RTL II Gebäude in Grünwald   Nahe den Bavaria Studios


„Zwei Stunden.“ und dabei zeige ich ihm zwei Finger.“Wenn du dann nicht da bist, stelle ich das Gepäck beim Pförtner ein und belaste deine Kreditkarte mit 24,- € pro Stunde Wartezeit. Wenn du mit mir pünktlich zum Flughafen fährst können wir Beide gewinnen und wir haben unseren Tag gemacht.“

Die Sprüche (Win-Win-Situation, Make my day) habe ich mir im Fernsehen abgeschaut und sie müssen funktionieren, denn er willigt ein. Jetzt stehe ich vor RTL in Grünwald, veröffentliche diesen Beitrag. 20 Minuten hat er noch, mein amerikanischer Freund.

    


2 Kommentare:

  1. Und was ist nach den 20 Minuten passiert? :-)

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  2. Er ist 13 Minuten vorher wieder herausgekommen. Darum konnte ich den Post erst am Flughafen hochladen. Bezahlt hat er dann am Flughafen wie gewohnt mit Kreditkarte und ohne Trinkgeld. Trotzdem haben sich die zwei Stunden in Grünwald für 73,10 € gelohnt.

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