Dienstag, 3. Januar 2012

Strecke

Ich habe mich schon vorbereitet auf meine erste Treibjagd. Der Wetterbericht verheißt nichts Gutes. Zwei Tage nach den Weihnachtsfeiertagen war noch sonniges Wetter. Für den Donnerstag aber war Schnee und Schneeregen angekündigt.

Zwischen zwei Taxifahrten kaufte ich mir lange Unterhosen. Lange Unterhosen habe ich seit meiner Bundeswehrzeit nicht mehr getragen, aber angesichts des Wetterberichts und der Vorstellung daß ich den ganzen Tag im kalten Schneeregen stehe habe ich dann doch kalte Füße bekommen.
Ich konnte meine neue Flinte noch nicht einmal ausprobieren. Das Paket mit dem 2,4 mm Schrot für die Tontauben liegt noch  immer unangetastet im Waffenschrank. Ein Kollege, der schon seit Jahrzehnten jagt, empfiehlt mir ich solle, wenn es im Winter auf Hasen geht, wegen des dichteren Balgs, das stärkere Schrot verwenden. In meinen Unterlagen steht; auf Hasen soll man 3 oder 3,5 mm Schrot verwenden. Ich muß also auch noch bei meinen Waffenhändler vorbei und passende Patronen kaufen. Der hat das 3,5 mm Schrot nicht vorrätig und ich entscheide mich dann gleich euphorisch für drei 10er Packungen Schrotpatronen von Rottweil 12/70 3,7 mm.

Bei der Gelegenheit gestehe ich dem Waffenhändler, daß ich die Winchester-Flinte nicht einmal ausprobiert habe. Er schlägt mir vor ich solle vor der Jagd noch ein paar Anschlagübungen machen.
Abends dann im Wohnzimmer stehe ich mit meinem dicken Mantel vor dem Sofa und reiße immer wieder die Schrotflinte hoch. Meine Frau amüsiert sich köstlich. Ich steige auf den Spaß ein und mache mit der Waffe locker in der Hand ein doofes, harmloses Gesicht. Wie von der Tarantel gestochen reiße ich die Flinte hoch visiere ins Nichts und mache dabei ein grimmiges Gesicht. Den Mantel habe ich übergezogen, weil ich den Anschlag möglichst authentisch üben will. Und bei der Treibjagd werde ich den Mantel anhaben. Das Wohnzimmer ist hell erleuchtet, draußen ist stockfinstere Nacht. Bevor ein Beobachter unsere Spiele falsch interpretiert und die Polizei verständigt, schließen wir lieber die Vorhänge.



Gestern dann, am Tag der Jagd, habe ich noch morgens eine Flughafenfahrt. Nach der Fahrt ziehe ich mich um packe Flinte und Schrot und fahre mit dem Taxi zum Treffpunkt. Wir sind ziemlich früh da. Ein Geländeauto nach dem anderen trifft ein. Es werden immer mehr Jäger. Ich Anfänger mache genau das was die Mehrheit meiner Jagdkameraden macht. Jeder Neuankömmling wird mit Handschlag begrüßt. Dabei lupfen wir unsere Hüte. Ein Ritual, das ich als jahrelanger Nichthutträger beinahe vergessen hätte. Inzwischen sind wir ca. 30 Jäger und 10 Hunde. Das Jagdhorn bläst zur Begrüßung. Stille tritt ein und der Jagdherr gibt seine Einweisung. Wir beginnen die Jagd ein paar Kilometer von unserem Treffpunkt entfernt. Wir verteilen uns auf die Fahrzeuge. In meinem Taxibus sitzen jetzt wo vor noch knapp zwei Stunden meine Fahrgäste saßen, Jäger mit Hüten und Flinten auf den Knien. Solche Fahrgäste hatte ich noch nicht und auch die Jäger bestätigten mir, daß sie das erste Mal mit einem Taxi über die Feldflur auf die Treibjagd fahren.



Am Ausgangspunkt unserer Jagd angekommen sammeln wir uns noch einmal kurz vor einer Scheune. Dazwischen tollen ein paar Jagdhunde. Ich erkenne eine Bracke, einen Weimaraner, mehrere Deutsch-Kurzhaar und Deutsch-Drahthaar, sogar ein struppiger Griffon ist darunter. Wir ziehen alle unsere gelben Jacken, Hutbänder und Schals über. Die Hunde bekommen gelbe auffällige Leibchen übergestreift. Unsere erste Jagd wird eine böhmische Streife. Die inzwischen Gelb-Grünen verteilen sich auf einer Linie. Beeindruckend welch große Fläche mit soviel Leuten durchstreift werden kann.
Wir sind noch beim Aufstellen, da höre ich schon den ersten Schrei;

“Haas!“

Alle Augen folgen dem Hasen wie er über das abgeerntete Feld flieht. Niemand schießt, dar Hase ist außerhalb der Schrotschußentfernung. Die Flügelmänner sind mit Funkgeräten ausgestattet. Dazwischen verständigen wir uns durch Zurufe und Armzeichen. Wir laden unsere Flinten und gehen im Jagdanschlag. Langsam wälzt  sich die bewaffnete Treiberwehr auf breiter Front über Äcker und Felder. Bevor wir eine Straße erreichen schwenkt die Formation nach links. Jetzt durchstreife ich mit meiner Nebenfrau zur Linken, einer Hundführerin, einen Feldrain der Länge nach. Immer wieder schaue ich nach links und rechts ob ich noch auf mit den anderen auf einer Linie bin. Unsere gelben Westen sind dabei eine große Hilfe. Selbst im dichtesten Gestrüpp erkenne ich einen sich bewegenden gelben Fetzten schon von Weitem. Der Untergrund wird immer feuchter. Mit meinen Gummistiefeln an den Füßen stapfe ich schmatzend immer weiter vorwärts. Das Gewehr halte ich geladen und gesichert vor mir. Plötzlich schreckt der Hund meiner Nachbarin ein Reh auf. Aus nächster Nähe kann ich das flüchtende Reh beobachten. Das Gestrüpp reist mir immer wieder den Hut vom Kopf. Ich bin froh, als wir wieder freies Feld betreten.
Vor uns liegt ein großes flaches Gebiet ohne Baumbestand. Wir ändern die Taktik. Anstelle der Böhmischen Streife kesseln wir. Beim Kesseltreiben gehen zwei ortskundige Jäger jeweils einen großen Halbkreis. Alle 25 Meter folgt ihnen ein Jäger. Wenn sich die beiden Vorgeher treffen haben wir automatisch einen Kreis gebildet. Auf ein Jagdhornsignal setzen sich die Jäger in Bewegung und gehen langsam mit geladener Flinte auf die Mitte des Kreises zu. Bei  einem Kesseltreiben mit Jägern und Treibern würden die Jäger und Treiber wechselweise aufgestellt. Wird der Kreis enger, gehen die Treiber auf das Jagdhornsignal Treiber in den Kessel weiter auf dass Zentrum zu und die Jäger beleiben stehen. Ab jetzt darf natürlich nicht mehr in den Kessel geschossen werden, wo ja die Treiber stehen, sondern nur noch nach außen.
Wir sind aber ausschließlich Jäger und wir gehen alle bis zum Zentrum. Wieder ein Schrei;

“Haaaas!“


Rechts von mir sprintet ein Hase quer durch den Kessel. Paff – ein Schuß, der Hase liegt. Wir hören wie die Schrotkügelchen nicht weit vor uns in die übriggebliebenen Blätter auf dem Feld einschlagen. Wir geben gleich Signal und die Parole; Nicht mehr nach innen schießen, macht die Runde.
Das Kesseln bringt mehr Erfolg. Das übersichtliche, ebene Gelände und die große Zahl der Jägertreiber begünstigen diese Form der Jagd. Beim nächsten Kessel beschließen wir gleich vom Anfang an nur nach Außen zu Schießen. Wir umstellen zwei große Schläge mit Wildbewuchs. Einmal  drei und einmal  fünf Hundeführer drücken mit ihren Hunden durch das kniehohe Dickicht. Die umstehenden Jäger schicken ihre Hunde zusätzlich zum Stöbern in den Bewuchs. Für mich ist es interessant, zum ersten Mal beobachte ich wie eine Meute von Jagdhunden durch das Gebüsch springt. Die Jagdpassion ist den Hunden richtig anzusehen. Mit Feuereifer toben und springen sie durch die vertrockneten Halme. Überall sieht man kurz eine gelbe Schutzdecke eines Hundes aufblitzen. 
Es dauert nicht lange und der erste Fasan steigt ab. Mit dem typischen flapp,flapp,flapp seines Flügelschlages streicht der Vogel über unsere Köpfe.

“Henne“

;rufen die Jäger, die einen weiblichen Fasan erkannt haben. Mit dem Ruf warnen sie uns Andere vor einem unüberlegten Schuß. Freigegeben sind nur Gockel, die männlichen Fasane, die Hennen sind zu schonen. Neben einem Schlag stehe ich neben einem erfahrenen Jäger und Landwirt, seinen Deutsch-Drahthaar hat er geschnallt und zum Stöbern in das Dickicht geschickt. Von der gegenüberliegenden Seite des Schlages steigt wieder ein Vogel auf, die Jäger die in seiner Nähe stehen, rufen;

“Gockel!“

Der Vogel kommt genau auf uns zu. Auf einer Höhe von ca. 8 Metern durchdringt er unsere Schützenreihe zwischen mir und dem älteren Jäger. Ich nehme meine Flinte hoch. Ich kann mir bedeutend mehr Zeit nehmen als gestern bei meinem abendlichen Training im Wohnzimmer. Ich sehe den Vogel schon hinter dem Korn an Ende der Visierschiene.
PENG!Mein Nachbar hat abgedrückt eine Sekunde vor mir. Das Tier stürzt zu Boden. Sein Jagdhund apportiert die Beute. Mein Nachbar von der auf der anderen Seite neben mir dachte, ich hätte geschossen.
Nach ein paar Minuten streicht wieder ein aufgestöberter Vogel zwischen uns ab. Ich kann nicht genau erkennen ob es ein Gockel oder eine Henne ist. Neben den Läufen meiner Flinte beobachte ich meinen erfahrenen Nachbarn und den Vogel. Mein Nachbar macht das Gleiche, auch er beobachtet den Vogel  und mich. Niemand schreit. Wir sind die Nächsten. Wir lassen das Tier abstreichen und widmen uns wieder den Hunden im Schlag.
Der Jagdleiter gibt das Zeichen zum Sammeln. Ich gehe auf meinen Nachbarn zu und wünsche zum ersten Mal „Waidmannsheil“. Er bedankt sich mit einem „Waidmannsheil“.

„Bei dem letzten Vogel war ich mir nicht sicher ob es ein Gockel ist.“

Ich bin beruhigt, daß nicht nur ich Anfänger Schwierigkeiten beim Ansprechen des Hühnervogels hatte.
Schließlich machen wir noch zwei große Böhmische Streifen. Bei der letzten Streife läuft mir ein aufgescheuchtes Reh beinahe über die Füße. Ich kann schön beobachten wie das Reh als Schlüpfer durch das Unterholz flüchtet. Mit gesenktem Kopf prescht das Tier durch das Gebüsch. Die Hunde, die dem Reh hinterherhetzen, lassen sich nur schwer von ihrer Jagd abhalten. Widerwillig gehorchen die Hunde und lassen von dem scheuen Tier ab. Es gibt keine geschlossene Schneedecke. Es bleibt noch genug Vegetation als Futter für die Tiere.
Müde und abgekämpft erreichen wir unsere Autos  und fahren zurück. Auf Tannenzweigen legen wir die Strecke. Sieben Hasen und neun Gockel sind die Strecke des heutigen Tages.
Nachdem Verblassen der Strecke laden uns die Revierjäger noch zu einem kleinen Imbiss. Auf einem Grill bruzzelt selbstgemachte Wildwurst.
Ich beende den Tag in der heißen Badewanne und freue mich über meine Erlebnisse. Am nächsten Tag erinnere ich mich beim Putzen meines Taxis an meinen gestrigen Jagdtag. Neun Tiere – dreißig Jäger, ich gehöre zur Mehrheit der Jäger die nichts geschossen haben. Mir klingen noch die Worte unseres Jagdherrns in den Ohren:

“Nicht geschossen ist auch gejagt.“
       

4 Kommentare:

  1. Na, klingt doch trotz der zumindest Dir "fehlenden" Beute spannend und erfüllend. Wie das Auto nach der Durchquerung der Sümpfe innen hernach ausgesehen haben mag, kann ich mir vage vorstellen. Dampfstrahler-Alarm... ;o)

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  2. Dampfstrahler außen. Innen die grobe Bürste für den Teppich und Kunststoffreiniger für den Boden. Zwischendurch staubsaugen. Aber das Erlebnis war es wert!

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  3. Das klingt ja echt mal nach einem Erlebnis. Ich denke mal, bei selbstgejagtem ist es auch schöner, es hinterher zu essen als wenn es aus dem Kühlregal kommt.

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  4. Die Wurst auf dem Grill war selbstgemachte „Emmeringer Reh“ – ein Genuß!

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