Montag, 23. Januar 2012

Krumpenhofweg

Ich brause über die Autobahn A9 zum Flughafen. Unser Kunde, eine Firma, hat mich beauftragt eine Familie aus Brasilien am Flughafen abzuholen. Die Brasilianer bleiben erfahrungsgemäß die nächsten drei Jahre in München, und reisen mit Kind und Kegel, riesigen Koffern und Reisetaschen an. Die Maschinen aus Übersee landen oft vor der planmäßig angekündigten Zeit. Meine Maschine landet nur eine Viertelstunde früher.

Die Familie muß in den Krumpenhofweg. Krumpenhofweg? Nie gehört. Während der Fahrt zum Flughafen gebe ich die Adresse in das Navigationsgerätes unseres Datenfunkes ein. Auch Fehlanzeige. Vesna hilft mir von zuhause und nennt mir am Computer, vor Google Map, sitzend, die am Krumpenhofweg anliegenden Strassen; Engasserbogen, Eisnergutbogen, Schloßschmidstraße, … alles böhmische Dörfer für mich.

Am Flughafen finde ich Zeit mich selbst über das iPhone bei Google Maps über die Lage des Krumpenhofweges zu informieren. Ich finde ihn als kleines nach Norden abgehendes Anhängsel des Eisnergutbogens. Alle diese mir bis dahin unbekannten Straßen sind in dem bislang nicht bebauten Areal zwischen Arnulfstrasse, Gleiskörper und Hirschgarten. In der Nähe der Reitknechtstraße die ich -> schon mal gesucht habe.

Aber jetzt stehe ich mit meinem Schildchen vor der großen Anzeigetafel im Terminal 2 des Flughafens. Ich beobachte die Zeile mit meiner LH 505 aus Sao Paulo. Die Maschine ist jetzt doch nicht früher, sondern pünktlich um 8 Uhr gelandet. Nach einer halben Stunde wechselt die Anzeige endlich von gelandet auf Gepäck. Ich erwarte eine Familie mit zwei Kindern, wovon das Jüngste acht Monate alt ist. Jeder Familie die in Frage kommt, halte ich mein Abholschildchen unter die Nase. Keine Reaktion. Ich stehe mir die Beine in den Bauch. Inzwischen ist die Maschine nach einer Stunde von der Anzeigetafel verschwunden. Ich lasse die Gäste ausrufen. Ich rufe die Firma an, ob sie Informationen über unsere Gäste, oder eine Telefonnummer haben. Ergebnislos. Ich lasse nun die Gäste zum zweiten Mal ausrufen. Als sich nach zehn Minuten niemand an der Information meldet mache ich mich auf dem Heimweg. Ich habe mich schon damit abgefunden zwei Stunden, 70 Leerkilometer und 3,50 € Parkgebühr für nichts verschwendet zu haben als mich auf der Autobahn der Anruf der Firma erreicht. Die Gäste sind jetzt da. Es gingen zwei Koffer verloren, deshalb waren sie so lange im Raum mit den Gepäckbändern. Ich kann nicht verstehen, wieso sich niemand meldet. Wenn ich doch weiß, daß ich erwartet werde und mich über eine Stunde verspäte, rufe ich doch an!

Bei der nächsten Ausfahrt Freising verlasse ich die Autobahn, die ich über eine Brück überquere und fahre wieder Richtung Flughafen zurück. Dort erwarten mich die Gäste schon vor der Bäckerei. Der Familienvater war gar nicht bei seiner Familie im Flugzeug. Er war bereits in München und wollte seine ankommende Restfamilie am Flughafen abholen. Er war dazu mit seinem Privatauto aus der Stadt zum Flughafen gekommen. Ich sollte mit meinem Taxi nur das viele Gepäck fahren. Da er auch vergeblich vor der Tafel gewartet hatte, hat er solange bei  der Lufthansa gebettelt, bis sie ihn bis zum Zoll in die Halle gelassen haben. Nachdem er seine Familie gefunden, und festgestellt hatte, daß zwei Koffer fehlten, hat er es wieder nicht für nötig befunden seine Firma oder wenigstens den Fahrdienst über seinen Verbleib zu informieren.

Endlich bin ich wieder auf der Autobahn, ohne Fahrgäste, aber mit Gepäck. Wir wollen uns im Krumpenhofweg vor seiner Haustüre treffen. An dem Klingelbrett vor der angegebenen Adresse fehlt der Namen meines Kunden. Ich warte, warte und warte – nach 25 Minuten erscheint der Fahrgast und ich werde das Gepäck los.

Birketweg, im Hintergrund die Friedenheimer Brücke



In dem Neubaugebiet schwelge ich in Erinnerungen. Dort wo jetzt eine Baugrube klafft und die Kräne stehen, im Birketweg, gab es eine Autoverwertung. Wir nahen die Dienste der Sunji – Autoverwertung öfter in Anspruch. Unsere 400DM-noch-ein-Jahr-TÜV-Autos haben wir dort entsorgt. Das Basteln an den schrottreifen Autos war eine beliebte Beschäftigung auf dem Hof unserer Taxigarage. Ein Jugendlicher, der damals dabei war, machte dann den Taxischein und fuhr bei uns Taxi. Inzwischen ist er Unternehmer und ich treffe ihn noch ab und zu am Taxistand.

Einen Riesenspaß hatten wir bei dem Schrotten der Fahrzeuge bei uns auf dem Hof. Mit dem Hammer wurde in blinder Zerstörungswut zerdeppert was zu zerschlagen geht. Wichtig war nur, daß die Autos rollbereit blieben. Mit dem Taxi, heruntergekurbelten Scheiben und lauter Musik, schleiften wir die Wracks zum Inder. Wir genossen die empörten Blicke der anderen Autofahrer. Es gab immer genug Freiwillige wenn es galt ein Auto zum Inder zu bringen. Dort nahm dann gleich ein Gabelstapler das Wrack in Empfang und hob es über den Kopf des Mechanikers. Als Erstes schlug der mit einem großen Fäustling und Meißel ein Loch in den Tank. Den herausquellenden Kraftstoff fing er mit einem aufgeschnittenen Plastikkanister auf.

Später kam dann der Verwerternachweis auf. Die Autoverwertungen wurden immer spießiger und langweiliger. Jetzt werden sogar die Ruinen unserer Erinnerung von Neubauten überdeckt. Ich bleibe am Rand der Baugrube stehen und gedenke ein paar Minuten an Sandor, meinem kürzlich verstorbenen Geschäftspartner und Freund, der bei den Sunji-Aktionen immer dabei war.

Der sechsjährige Sohn meines Kunden holt mich wieder zurück in die Jetzzeit. Er tollt aufgeregt durch den Schnee. Sein Vater hat mir gesagt, es sei das erste Mal, daß er Schnee sieht.
Altes begraben und Neues entdecken – ein Stück dahautes, buntes, spannendes München geht. Ich hoffe daß das Neue genauso interessant wird.  

    


   

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