Sonntag, 4. Dezember 2011

Feinschmecker


Den ganzen Tag freue ich mich schon auf das beste Hirschgulasch in München. Wie es schmeckt, das weiß ich von der letztjährigen Adventsfeier der Waidmannsgilde . Im letzten Jahr saß ich noch mit meinen Klassenkameraden am Jagdschülertisch. Heute werde ich mit sechs meiner ehemaligen Mitstreiter auf der Bühne stehen. Wir haben uns entschieden Mitglied bei der Deutschen Waidmannsgilde zu sein. Die feierliche Aufnahme erfolgt traditionell während der Adventsfeier.

Aber noch sitze ich im Taxi. Den ganzen Nachmittag vertreibe ich mir mit mehr oder wenigen kurze Fahrten. Ich muss heute sowieso früher aufhören. Bevor ich zur  Adventsfeier kann, muß ich noch an unserer Vereinsmeisterschaft teilnehmen. Ja ich muß. Nach dem neuen  Waffengesetz muß ich als Sportschütze während des Jahres mindestens an einen Wettbewerb teilnehmen, damit mein Bedürfnis  für den Waffenbesitz aufrecht erhalten bleibt. Heuer hatte ich mit meinen Terminen kein Glück. Die Jagdtermine wurden dreimal hintereinander genau auf die Tage gelegt, an denen wir unsere Vereinsmeisterschaft abhielten. Am ersten Tag der Meisterschaft trafen wir uns als frischgebackene Jungjäger im Jagdschhlößl in Harlaching, am zweiten Freitag war die Lossprechungsfeier beim Forstwirt in Harthausen, und heute wieder 14 Tage später, die Adventsfeier. Miene Sportschützen haben Verständnis und lassen mich vor. Ich kann als erster alle Durchgänge schießen und kann dann zum nächsten Termin abhauen. Dabei muß ich immer vorher und nachher bei mir Zuhause vorbeifahren und die Waffe abholen und später wieder zurückbringen.
Die Strecken heute sind kurz, alle so um die 10,- €. Am späten Nachmittag stelle ich mich an unseren Taxistand im Tal an um mir die letzte kurze Fahrt abzuholen.
Neben mich setzt sich ein Einsteiger;

“ Erstmal zur Bank am Kurfürstenplatz bitte.“

Kurfürstenplatz – das passt. Ich habe dann nicht mehr weit nach Hause, kann schnell meine Sachen abholen, zum Schießstand fahren, schießen, wieder nach Hause, umziehen, Frau abholen und dann unter Druck aber pünktlich in der Münchener Haupt  zur Adventsfeier erscheinen. Das Wort Erstmal hinterlässt bei mir ein großes Fragezeichen. Was wird das nächste Fahrziel sein? Vielleicht näher bei mir zuhause?
Nach 15 Minuten stehe ich vor der Bank in der Kurfürstenstraße und warte auf meinen Fahrgast der sich an einem Geldautomaten bedient. Jetzt kommt er raus und ich sperre meine Ohren auf;

“Jetzt fahren wir in den Billardclub Aidenbach-, Ecke Kistlerhofstraße.“

Die Adresse liegt im Südwesten Münchens, ich muß nach Norden. Meine Chance auf einen gelungenen Abend schmilzt wie Eis in der Sonne. Ich werde nie pünktlich sein. Im dichten Freitagnachmittagverkehr von Schwabing runter in die Aidenbach, dann rauf in die Sudetendeutsche, dann nach Dachau, wieder zurück in die Sudetendeutsche – und dann sollen wir pünktlich zum Jagdhornsignal in Obersendling sein. Wir haben eine große Fahrt abgegeben. Meine Frau putzt sich nach einer letzten Flughafenfahrt nett heraus, und jetzt soll alles scheitern. Wir sind schon fast wieder am Bahnhof, plötzlich mein Fahrgast;

“Woast wos? Jetzt  fahren wir doch nach Hause!“

Ich warte gespannt auf die Ansage wo denn das sei, sein Zuhause. Aber angesichts der Alternative bis in die Aidenbachstraße zu fahren kann das neue Ziel nur günstiger für mich sein.

“Aber vorher fahren wir noch beim Feinschmecker vorbei.“

Der Feinschmecker ist mir bekannt, das ist ein kleines Tagesrestaurant bei dem man auch Kleinigkeiten zum essen mitnehmen kann. Der Feinschmecker ist gleich am Taxistand Kurfürstenplatz. Wir versorgen uns dort oft mit einem Imbiss oder einem Kaffee für die Wartezeit am Standplatz.
25 Minuten später stehe ich also wieder in der Kurfürstenstraße 25 Meter weiter stadtauswärts. Diesmal blicke ich durch die Glasscheiben nicht in den Vorraum einer Bank sondern auf die Theke eines Restaurants. Ich beobachte bis mein Fahrgast an die Reihe kommt und ihm seine Tüten über den Tresen gereicht werden. Dabei läuft meine Zeit und natürlich auch auf dem Taxameter. Die abgepackten Spezereien und die Limonade sind hinter mir unter der Rückbank sicher verstaut und ich erfahre das letzte Ziel dieser Tour. Es ist eine Adresse in der Maxvorstadt. Während der Schaukelfahrt haben wir uns angenehm über Schwarzwild, meine bevorstehende Adventsfeier und über den unübertroffenen Mandarinenquark beim Feinschmecker unterhalten. Er hat versucht den Quark nachzumachen, ist ihm aber nicht gelungen. Er meint, es liege daran, daß die beim Feinschmecker echten Topfen verwenden. Beim Aussteigen rundet mein Fahrgast die 28,70 € auf dem Taxameter großzügig auf 35,- € auf.

Ich mache mich sofort auf den weg nach Hause. Die Vereinsmeisterschaft! Ich stelle das Taxi in der falschen Richtung vor dem Haus ab, springe raus, rein in die Wohnung, Tresor auf, Pistole raus, anderen Tresor auf Munition raus, alles wieder in den Koffer sperren, runter rein ins Taxi auf nach Dachau zum Schießstand.
Am Schießstand hat unser Vorstand schon angefangen die  anspruchsvolle Stage  aufzubauen. Er hat sich eine besondere Aufgabe ausgedacht. Es stehen zwei kleine, ca. 60 cm hohe Ziele auf dem Boden, es gilt diese zu treffen. Werden die Ziele getroffen fallen sie um. Die Schwierigkeit dabei ist; vor den beiden Zielen steht ein Non Shoot der die beiden kleineren Ziele dahinter fast überdeckt. Treffe ich den Non Shoot, fällt dieser um und reißt die anderen beiden Ziele mit um. Dabei verliere ich zweimal Punkte. Einmal weil ich in den Non Shoot geschossen habe und ein zweites Mal weil ich auf die richtigen Ziele keine Treffer mehr landen kann.
Es kommen immer mehr Schützen, aber ich bin der Erste. Gestartet wird 20 Meter von den Zielen entfernt. Ich kann von hinten Schießen, was schwieriger ist, oder ich kann nach vorne laufen, bis sieben Meter vor das Ziel, dabei ist das Zielen leichter, aber ich verliere Zeit durch das Laufen. Bei dem zweiten Teil der Übung muss ich sowieso vorne sein und die Zeit wird über beide Teile gemessen, deswegen lauf ich nach vorne. Das einfache Ziel im ersten Teil mag und mag nicht fallen, ich konzentriere mich zuwenig, lasse mich noch zu sehr innerlich hetzten. Überraschenderweise klappt das mit der schwierigen Dreiergruppe ganz leicht. Ich gehe in die Knie, schieße knapp an dem Non Shoot rechts vorbei und das Ziel fällt. Ich springe in die nächste Position und schieße diesmal links vorbei und das zweite Ziel fällt. Während ich meine Magazine für den zweiten Durchgang auflade, schießt mein Vereinskamerad. Jetzt noch schnell den zweiten Durchgang. Nach der Auswertung winke ich in die Runde und verschwinde schleunigst vom Schießstand. Liebe Schützenkameraden, ich verspreche euch auch an dieser Stelle, beim nächsten Aufräumen helfe ich wieder mit.
Jetzt rase ich ein kurzes Stück über die Autobahn. Vesna ist schon fast fertig. Ich haste die Treppen hoch, verschließe Waffe und Munition, streife mir ein frisches weißes Hemd über und wechsele die Hose. Die Weste kann ich später zuknöpfen. Über den Mittleren Ring und die Passauer Straße drängle ich in die Zielstattstraße zur Münchener Haupt. Zum Glück finden wir einen nahen Parkplatz. Wir schreiten zügig die breiten Treppen zum großen Saal hoch. Die Jagdhörnbläser stehen schon bereit,  ich kann gerade noch einen meiner Ausbilder begrüßen. Gleich als wir uns auf unsere Stühle plumpsen lassen, schallt schon Hörnerklang durch den Saal. Die Begrüßung – und wir haben es wieder mal auf die letzte Minute geschafft.
Unser Vorstand begrüßt die Ehrengäste, Jagdhornsignale ergänzen die Ansprachen, Grußworte werden gesprochen bis wir Frischlinge namentlich auf die Bühne gerufen werden. Jeder drängt sich nach hinten bis wir Jungjäger am hinteren Rand der Bühne stehen. Nachdem wir geloben die Natur zu schützen, die Tiere zu hegen und uns immer waidgerechnet zu verhalten, bekommen wir unser Abzeichen ans Revers geheftet. Drei grüne Eichenblätter auf weißem Grund. Es folgen noch weitere Ansprachen und Jagdhornsignale bis alle und uns eingeschlossen, glauben, die bravsten Jäger unter dem heiligen Hubertus zu werden.
 

Wir werden entlassen, gehen an die Tische zurück und freuen uns auf unser Hirschgulasch. Zuerst gibt es noch eine Frittatensuppe und dann kommt es das Hirschgulasch mit Walnuß-Spätzle, Preiselbeeren und Blaukraut. Für die Hungrigen wird noch ein Topf Semmelknödel auf den Tisch gestellt.
Während ich das köstliche Fleisch mit den süßlich-saueren Preiselbeeren an meinem Gaumen zerdrücke, danke ich meinem letzten Fahrgast. Schließlich hat er mir diesen Genuß durch seinen Sinnes- und Fahrtzielwandel beschert. Zum Schlemmen hat er ja auch etwas – er hat sich ja beim Feinschmecker eingedeckt.   

 

2 Kommentare:

  1. Ja Reinhold, jetzt bist du am Ziel deiner Träume und Wünsche. Denke aber immer daran,das Waidwerk auszuüben bedeutet Hege und Pflege des Wildes und der Natur.
    Das es dir geschmeckt hat ist auf dem Bild deutlich zu Erkennen.

    In diesem Sinne: WAIDMANNSHEIL

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  2. Daran erinnert mich täglich dein Geschenk – das steht auf unserem Regal im Wohnzimmer. Jetzt kann ich mich zu Recht dafür bedanken, damals war es mir fast ein wenig peinlich.

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