Samstag, 5. November 2011

Parisien

„Im Herbst fahren wir nach Paris“

Das habe ich während des Sommers  meiner kleinen Tochter versprochen. Die Tage vergehen, und aus Tagen wird eine Woche und aus Wochen werden Monate…

Bis mir siedend heiß einfällt; die Herbstferien sind ja schon in der nächsten Woche. Drei Tage Paris, das lassen der Etat und die Kunden zu. Drei volle Tage sollen es aber schon sein. Am Montagvormittag habe ich noch im KVR zu tun. Am Nachmittag dann noch ein Auftrag. Freitagmittag wollen wir wieder in München sein. Wir sind spät dran und die Flüge werden knapp. Am Freitagvormittag kann ich noch Air France Flüge am Montagabend von München nach Paris und am Freitag früh zurück von Paris nach München buchen.
Soweit so gut! Jetzt noch das Hotel. Ich wähle aus dem Angebot im Internet aus, zeige die Bilder meiner kleinen Tochter, wir wägen ab und buchen. Es klappt alles Ein Drei-Bett-Zimmer ist auch frei, Preis, Lage und Ausstattung passt auch – jetzt nur noch der endgültige Klick zur Buchungsbestätigung und es kommt die Anzeige das Hotel sei belegt.


 Also wieder von vorne. Wir suchen ein neues Hotel. Die Zeit drängt. Ich muss zu meinem nächsten Termin. Ich will zuhause buchen. Da habe ich die Familie als Mitentscheider und einen Drucker zum Ausdrucken  der Buchungsbestätigung. Also ein zweites Hotel ist gefunden. Wieder das gleiche, kurz vor der endgültigen Buchung kommt die Nachricht, dass das Hotel zu  dieser Zeit belegt sei. Jetzt habe ich keine Geduld mehr. In einem Hotelbuchungsportal lasse ich mir die Hotels nach Preis und Nähe zum Stadtzentrum anzeigen. Das erste Freie wird genommen.
So landen wir im Hotel de Roi René 2,2 Kilometer vom Arc de Triomphe am Place du Dr. Felix Lobligeois. Die -> Bewertungen des Hotels auf tripadvisor negiere ich, ich bin froh ein Hotel gefunden zu haben. 
  Vier Stunden nach der Buchung bekomme ich eine E-Mail von Air France; das Kabinenpersonal der Fluggesellschaft befindet sich bis zum 2. November im Streik. In der E-Mail ist ein Link der auf eine Air-France-Seite führt auf der aktuell  alle gestrichenen Flüge angezeigt werden. Mit Spannung verfolge ich, dass täglich ein Flug von München nach Paris gestrichen wird. Am Abflugtag habe ich endlich Gewissheit – wir fliegen heute Abend um 20.35 Uhr in die Hauptstadt Frankreichs.
Nach einer guten Stunde landen wir am Charles  de Gaulle Airport. Die letzten Male war ich hier beim Umsteigen bei den Flügen zwischen München und Havanna. Heute gibt es günstige  Direktflüge zwischen  München und Havanna. Bei einer solchen Gelegenheit kaufte ich eine Flasche Champagner. Damit wollte ich einer von mir angebeteten Frau beeindrucken. Alleine die Tatsache dass wir jetzt  als Ehepaar, das neunjährige Ergebnis unserer Liebe an der Hand,  nebeneinander am Gepäckband stehen, zeigt, dass mein damaliges Werben erfolgreich war.
Über dem Gepäckband ist auch gleich ein  ziemlich eindeutiges  Hinweisschild wo  den die lizenzierten Taxis zu  finden seien. Keine fünf Meter weiter werden wir auch schon umworben. Junge Männer bieten uns mit den Worten;

„Nice car, nice car, …”

ihre Fahrdienste an. Das habe ich in keiner westeuropäischen Stadt erwartet. Ich bin mit Familie unterwegs, wir sind müde, ich habe keine Lust auf Verhandlungen, ich lebe seit über 20 Jahren vom Taxifahren. Ich werfe uns vertrauensvoll in die Hände eines richtigen Taxifahrers. Den bekommen wir auch, nachdem  eine Einweiserin mit gelber Warnweste in ihr Funkgerät genuschelt hat. Sekunden später kam ein Peugeot aus dem Untergrund hochgefahren und blieb vor uns stehen. Der Fahrer, ein Asiate, so um die 55, steigt sofort aus und lädt unser Gepäck ein. Er akzeptiert auch meine Kreditkarte. Den Namen und die Adresse des Hotels habe ich vorsorglich groß auf ein Blatt Papier geschrieben, das er während der Fahrt behalten kann. Wir drängen uns zu dritt auf die enge Rückbank des Taxis. Früher hatte so mancher französische Taxifahrer in Paris zur Sicherheit einen Hund im Fußraum des Beifahrers sitzen. Heute habe ich dort keine Hunde mehr gesehen. Auf dem Beifahrersitz eines jeden Taxis  stapeln sich Zeitungen, eine Jacke, ein kleines Fernsehgerät, eine Flasche Wasser, ein Laptop, CD, Bücher, Plastikboxen, allerlei Utensilien… In französischen Städten ist es nicht üblich neben dem Fahrer zu sitzen. Wir bleiben um diese Zeit bleiben von dem berüchtigten Pariser Verkehr verschont. Wir drei kauderwelschen auf der Rückbank. Der Fahrer schnappt wohl mal einen deutschen, spanischen oder serbischen Sprachfetzen auf, kann aber mit uns drei nichts anfangen. Nachdem er die Adresse unseres Hotels in sein Navigationsgerät eingegeben hat, fixiert er uns im Rückspiegel. Dort treffen sich unsere Blicke. Die Neugierde siegt.

“Where are you from?“

Aus Deutschland, aus München, antworten wir ihm. Wir offenbaren uns als Kollegen. Sofort ist das Thema gefunden. Wie weit ist der Flughafen München von der Stadt entfernt, wie lange wartest du da, welches Auto fährst du, wie läuft das Geschäft? Ich genieße den Rollenwechsel. Nach einer halben Stunde bleiben wir vor unserem kleinen Hotel stehen. Ich zücke meine Kreditkarte. Als der Fahrer sein Kreditkartengerät heraussucht, hupt der Fahrer hinter uns, den wir in der engen Gasse blockieren. Unser Taxifahrer lässt sofort von seinem Vorhaben ab, steigt aus dreht sich nach hinten, fixiert den gegnerischen Fahrer, fängt an zu schimpfen und zu fluchen. Der blockierte Fahrer antwortet mit weiterem Gehupe.
Es ist Mitternacht, wir sind in einer Wohngegend, ich will nicht, dass der ganze Straßenzug von unserer Ankunft erfährt. Ich bedeute dem Fahrer, dass er uns auch an der nächsten Kreuzung aussteigen lassen kann, es ist für uns kein Problem die 20 Meter zum Hotel zurückzugehen. Zu dem Fahrpreis von 45,-€, den ich mit Kreditkarte bezahle, stecke ich ihm noch fünf Euro Trinkgeld in bar zu und verabschiede mich.

Im Hotel müssen wir feststellen, dass die Bewertungen stimmen. In unser enges Zweibettzimmer wurde noch ein drittes Bett gestellt. Die Türe zum Bad (von der Größe her eher ein Badeschrank) kann nicht mehr geschlossen werden. Die Tapete löst sich von den Wänden. Es ist laut. Wie in einem amerikanischen Klischeefilm über Paris! 



Nach der ersten Nacht, in aller Frühe, muss ich sofort auf die Straße. Die Gegend erkunden. Ich liebe das, überall wenn ich neu ankomme, wird sofort beim ersten Tageslicht die Gegend erkundet. Meine Tochter begleitet mich. Spielerisch weise ich sie in die „Nahaufklärung“ ein, dabei entdecken wir den absoluten Pluspunkt  unseres Hotels – die Lage. Wir liegen zentral, doch fernab von den Touristen, hier in der Gegend wohnen nur Einheimische, um uns herum ein Bäcker, ein Metzger, eine Trafik, … Für den Abend gibt es Bars jeder Couleur. Die Metrostation Brochant ist zehn Gehminuten von uns entfernt. Dort liegt auch der Taxistand. Die Bushaltestelle ist eine Minute vom Hotel  entfernt. Wir haben den Bus beim An- und Abfahren beobachtet. Die Namen an den Klingelschildern überflogen. Welche Zeitung am meisten gelesen wird… 

Obwohl es nicht regnet, fließt Wasser durch die Rinnsteine auf der Straße. Ich erinnere mich daran, dass Paris jeden Morgen gespült wird. Wir suchen und finden die Wasserquelle. Aus einem Bordstein quellen zwei armdicke Wasserstrahlen. Das ist genau wie unser Viertel für die nächsten drei Tage – typisch Paris.

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