„Im Herbst fahren wir nach Paris“
Das habe ich während des Sommers meiner kleinen Tochter versprochen. Die Tage
vergehen, und aus Tagen wird eine Woche und aus Wochen werden Monate…
Bis mir siedend heiß einfällt; die Herbstferien sind ja
schon in der nächsten Woche. Drei Tage Paris, das lassen der Etat und die
Kunden zu. Drei volle Tage sollen es aber schon sein. Am Montagvormittag habe
ich noch im KVR zu tun. Am Nachmittag dann noch ein Auftrag. Freitagmittag
wollen wir wieder in München sein. Wir sind spät dran und die Flüge werden
knapp. Am Freitagvormittag kann ich noch Air France Flüge am Montagabend von
München nach Paris und am Freitag früh zurück von Paris nach München buchen.
Soweit so gut! Jetzt noch das Hotel. Ich wähle aus dem Angebot
im Internet aus, zeige die Bilder meiner kleinen Tochter, wir wägen ab und
buchen. Es klappt alles Ein Drei-Bett-Zimmer ist auch frei, Preis, Lage und
Ausstattung passt auch – jetzt nur noch der endgültige Klick zur
Buchungsbestätigung und es kommt die Anzeige das Hotel sei belegt.
Also wieder von vorne. Wir suchen ein neues Hotel. Die Zeit
drängt. Ich muss zu meinem nächsten Termin. Ich will zuhause buchen. Da habe
ich die Familie als Mitentscheider und einen Drucker zum Ausdrucken der Buchungsbestätigung. Also ein zweites
Hotel ist gefunden. Wieder das gleiche, kurz vor der endgültigen Buchung kommt
die Nachricht, dass das Hotel zu dieser
Zeit belegt sei. Jetzt habe ich keine Geduld mehr. In einem Hotelbuchungsportal
lasse ich mir die Hotels nach Preis und Nähe zum Stadtzentrum anzeigen. Das
erste Freie wird genommen.
So landen wir im Hotel de Roi René 2,2
Kilometer vom Arc
de Triomphe am Place du Dr. Felix
Lobligeois. Die -> Bewertungen des Hotels auf tripadvisor negiere ich, ich bin
froh ein Hotel gefunden zu haben.
Vier Stunden nach der Buchung bekomme ich eine
E-Mail von Air France; das Kabinenpersonal der Fluggesellschaft befindet sich
bis zum 2. November im Streik. In der E-Mail ist ein Link der auf eine
Air-France-Seite führt auf der aktuell
alle gestrichenen Flüge angezeigt werden. Mit Spannung verfolge ich,
dass täglich ein Flug von München nach Paris gestrichen wird. Am Abflugtag habe
ich endlich Gewissheit – wir fliegen heute Abend um 20.35 Uhr in die Hauptstadt
Frankreichs.
Nach einer guten Stunde landen wir am Charles de Gaulle Airport. Die letzten Male war ich
hier beim Umsteigen bei den Flügen zwischen München und Havanna. Heute gibt es
günstige Direktflüge zwischen München und Havanna. Bei einer solchen
Gelegenheit kaufte ich eine Flasche Champagner. Damit wollte ich einer von mir
angebeteten Frau beeindrucken. Alleine die Tatsache dass wir jetzt als Ehepaar, das neunjährige Ergebnis unserer
Liebe an der Hand, nebeneinander am
Gepäckband stehen, zeigt, dass mein damaliges Werben erfolgreich war.
Über dem Gepäckband ist auch gleich ein ziemlich eindeutiges Hinweisschild wo den die lizenzierten Taxis zu finden seien. Keine fünf Meter weiter werden
wir auch schon umworben. Junge Männer bieten uns mit den Worten;
„Nice car, nice car, …”
ihre Fahrdienste an. Das habe ich in keiner westeuropäischen
Stadt erwartet. Ich bin mit Familie unterwegs, wir sind müde, ich habe keine
Lust auf Verhandlungen, ich lebe seit über 20 Jahren vom Taxifahren. Ich werfe
uns vertrauensvoll in die Hände eines richtigen Taxifahrers. Den bekommen wir
auch, nachdem eine Einweiserin mit
gelber Warnweste in ihr Funkgerät genuschelt hat. Sekunden später kam ein
Peugeot aus dem Untergrund hochgefahren und blieb vor uns stehen. Der Fahrer,
ein Asiate, so um die 55, steigt sofort aus und lädt unser Gepäck ein. Er
akzeptiert auch meine Kreditkarte. Den Namen und die Adresse des Hotels habe
ich vorsorglich groß auf ein Blatt Papier geschrieben, das er während der Fahrt
behalten kann. Wir drängen uns zu dritt auf die enge Rückbank des Taxis. Früher
hatte so mancher französische Taxifahrer in Paris zur Sicherheit einen Hund im
Fußraum des Beifahrers sitzen. Heute habe ich dort keine Hunde mehr gesehen.
Auf dem Beifahrersitz eines jeden Taxis
stapeln sich Zeitungen, eine Jacke, ein kleines Fernsehgerät, eine
Flasche Wasser, ein Laptop, CD, Bücher, Plastikboxen, allerlei Utensilien… In
französischen Städten ist es nicht üblich neben dem Fahrer zu sitzen. Wir
bleiben um diese Zeit bleiben von dem berüchtigten Pariser Verkehr verschont.
Wir drei kauderwelschen auf der Rückbank. Der Fahrer schnappt wohl mal einen
deutschen, spanischen oder serbischen Sprachfetzen auf, kann aber mit uns drei
nichts anfangen. Nachdem er die Adresse unseres Hotels in sein Navigationsgerät
eingegeben hat, fixiert er uns im Rückspiegel. Dort treffen sich unsere Blicke.
Die Neugierde siegt.
“Where are you from?“
Aus Deutschland, aus München, antworten wir ihm. Wir
offenbaren uns als Kollegen. Sofort ist das Thema gefunden. Wie weit ist der
Flughafen München von der Stadt entfernt, wie lange wartest du da, welches Auto
fährst du, wie läuft das Geschäft? Ich genieße den Rollenwechsel. Nach einer
halben Stunde bleiben wir vor unserem kleinen Hotel stehen. Ich zücke meine Kreditkarte.
Als der Fahrer sein Kreditkartengerät heraussucht, hupt der Fahrer hinter uns,
den wir in der engen Gasse blockieren. Unser Taxifahrer lässt sofort von seinem
Vorhaben ab, steigt aus dreht sich nach hinten, fixiert den gegnerischen
Fahrer, fängt an zu schimpfen und zu fluchen. Der blockierte Fahrer antwortet
mit weiterem Gehupe.
Es ist Mitternacht, wir sind in einer Wohngegend, ich will
nicht, dass der ganze Straßenzug von unserer Ankunft erfährt. Ich bedeute dem
Fahrer, dass er uns auch an der nächsten Kreuzung aussteigen lassen kann, es
ist für uns kein Problem die 20 Meter zum Hotel zurückzugehen. Zu dem Fahrpreis
von 45,-€, den ich mit Kreditkarte bezahle, stecke ich ihm noch fünf Euro
Trinkgeld in bar zu und verabschiede mich.
Im Hotel müssen wir feststellen, dass die Bewertungen
stimmen. In unser enges Zweibettzimmer wurde noch ein drittes Bett gestellt.
Die Türe zum Bad (von der Größe her eher ein Badeschrank)
kann nicht mehr geschlossen werden. Die Tapete löst sich von den Wänden. Es ist
laut. Wie in einem amerikanischen Klischeefilm über Paris!
Nach der ersten Nacht, in aller Frühe, muss ich sofort auf
die Straße. Die Gegend erkunden. Ich liebe das, überall wenn ich neu ankomme,
wird sofort beim ersten Tageslicht die Gegend erkundet. Meine Tochter begleitet
mich. Spielerisch weise ich sie in die „Nahaufklärung“ ein, dabei entdecken wir
den absoluten Pluspunkt unseres Hotels –
die Lage. Wir liegen zentral, doch fernab von den Touristen, hier in der Gegend
wohnen nur Einheimische, um uns herum ein Bäcker, ein Metzger, eine Trafik, …
Für den Abend gibt es Bars jeder Couleur. Die Metrostation Brochant
ist zehn Gehminuten von uns entfernt. Dort liegt auch der Taxistand.
Die Bushaltestelle ist eine Minute vom Hotel
entfernt. Wir haben den Bus beim An- und Abfahren beobachtet. Die Namen
an den Klingelschildern überflogen. Welche Zeitung am meisten gelesen wird…
Obwohl es nicht regnet, fließt Wasser durch die Rinnsteine
auf der Straße. Ich erinnere mich daran, dass Paris jeden Morgen gespült wird.
Wir suchen und finden die Wasserquelle. Aus einem Bordstein quellen zwei
armdicke Wasserstrahlen. Das ist genau wie unser Viertel für die nächsten drei
Tage – typisch Paris.
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