Samstag, 12. November 2011

Gurkensalat


Essen in Paris ist eine teuere aber gute Angelegenheit. Die Sitzplätze in den  wirklich guten Restaurants sind schon zehn Tage vorher zu bestellen. Ich bin froh, dass ich im Internet ein bekanntes Restaurant fand, bei dem nicht vorbestellt werden muss. Jawohl, ich gehöre zu den Leuten, die bevor sie in unbekannte Gefilde fahren, sich vorher über die Restaurants informieren. Leider sieht man mir das auch an ;-). 


 Mein Fundstück in Paris ist das Bouillon Chartier in 7 rue de Faubourg Montmarte. Gleich am Abend unseres ersten Tages in Paris, nach dem Besuch der -> Cité , kann ich meine Neugierde nicht mehr im Zaum halten und bringe uns ins Chartier. In der Metrostation habe ich mich verlaufen, den falschen Ausgang benützt. Es regnete den ganzen Tag, ich bin pudelnass und schön langsam habe ich die Nase voll. Plötzlich in einer Seitenstraße sehe ich die grelle Leuchtreklame des Restaurants. Nun kann mich nichts mehr bremsen. Frau und Kind im Schlepptau gehe ich mit großen Schritten durch die Pfützen der Pariser Straße. Die Leuchtreklame zeigt auf einen Durchgang. In dem Durchgang sind Bänder gespannt, die sonst immer da sind wo  Warteschlangen geordnet werden müssen. Jetzt  ist aber niemand da. Wir stehen jetzt allein im Hinterhof und ich erhasche den ersten Blick auf die Drehtüre in der Front der Bouillon.

Seit ich weiß, daß ich nach Paris komme, studiere ich im Internet die -> täglich wechselnde Karte. Zwei Favoriten habe ich mir schon ausgesucht; den Gurkensalt als Vorspeise und etwas mit grüner Pfeffersoße. 

Wozu sind diese Schubladen in der Wand?
Kaum lasse ich die Drehtür hinter mir, betreten wir ein Paradies. Draußen, im Dunkeln, prasselt der Regen. Drinnen beleuchten unzählige gelbliche Kugellampen eine Belle-Epoque-Kulisse. Ein Kellner, so wie er sein muss, in schwarzer Weste und langer weißer Schürze, begrüßt uns und bringt uns durch den Speisesaal an unseren Tisch. An der Wand neben uns sind viele kleine Schubfächer. Die einzelnen Schubläden sind nummeriert. So ähnlich wie bei uns in Deutschland die Fächer der Sparvereine. Wir können uns den Zweck dieser kleinen Schubfächer nicht erklären. 


 Ich entdecke Salade de concombre, meinen Gurkensalat, auf der gedruckten Tageskarte. Sofort bestelle ich die ersehnte Vorspeise. Der Kellner enttäuscht mich; er streicht den Salat aus dem Menü. Als Ersatzvorspeise wähle ich Salade d´endives roquefort und als Hauptgericht Steack hache sauce poivre vert frites . So bekomme ich meine grüne Pfeffersoße. Der Kellner, ich weiß von meiner Frau, daß man den in Frankreich immer mit „Monsieur“ anspricht, kritzelt unsere Bestellung auf die Papiertischdecke. Meine Frau nimmt ein Steak und meine Tochter entscheidet sich für das Hühnchen.

Das Bouillon Chartier wurde 1896 als Restaurant für die Arbeiter und Angestellten von zwei  Brüdern mit eben jenem Namen Chartier gegründet. Nach eigenen Angaben bemüht sich das Team darum, und jetzt habe ich meine Übersetzungskünste bemüht, eine Mahlzeit, die den Namen verdient, für bescheidenes Geld anzubieten. Und ich kann bestätigen, dass ihnen das gelungen ist. Zumindest bei meinem Menü. Meine Vorspeise bestand nicht nur wie der Name verrät, aus Endiviensalat und Roquefortkäse, das Ganze war noch mit einer äußerst feinen Senfsoße angerichtet. Mein Hacksteak war noch fast roh, aber genauso mag ich es. Die Pfeffersoße war, wie erwartet, alleine schon die Reise nach Paris wert. Die Sauce war ausgesprochen mild. Der Koch verwendet frischen, grünen Pfeffer. In Karthago rupfte ich frischen Pfeffer von einem Strauch und kostete mit spitzer Zunge – davon kenne ich den Geschmack, den ich jetzt wieder erleben darf.  Das unverwechselbare, unerwartet feine Aroma von Pfeffer, ganz ohne Schärfe. Es bedarf eines gewissen kulinarischen Könnens diesen Geschmack auf den Teller zu bringen. Ich bin wieder mal froh vor sieben Monaten das Rauchen aufgehört zu haben, sonst hätte ich diese Feinheiten nicht geschmeckt. Frau und Kind hatten mit ihrem Menü nicht soviel Glück. Das Steak war meiner froh zu roh. Das ist eine Eigenheit der französischen Küche; bei Fleisch ist der Teller immer blutig. Die Frage des Monsieurs, wie das Fleisch zubereitet werden soll, ist eher als Freundlichkeit zu verstehen. Well done bedeutet halb roh. 

Die Drehtüre im Hinterhof


Die Dreifaltigkeit des französischen Desserts; Käse, Süßes und Obst, setze ich wie folgt um:
Fromage blanc de campagne, Mousse chocolat und Ananas. Alles Drei mehr als zufriedenstellend. Der Käse auf den Punkt gereift, das Mousse in der richtigen Konsistenz und nicht zu süß. Süß war die Ananas – und so ist es richtig.
Der Kellner macht die Rechnung, indem er alles auf der Papiertischdecke addiert. Wir bezahlen für drei Personen und eine Flasche Vin du moment mit Trinkgeld 72,- €. Das ist mehr als günstig.

Als wir nach draußen gehen, sind wir ganz überrascht. In dem Durchgang stehen vor dem Regen geschützt ca. 70 Gäste und warten auf Einlass. Bei mir stellt sich die Frage; was ist dieses Bouillon Chartier eigentlich? Für einen Gourmettempel, besonders in Paris, ist es nicht gut genug. Der Preis ist sehr gut – aber sich dafür anstellen? Das Flair ist sehr von Touristen geprägt, die nehmen viel von dem Pariser Gefühl im Restaurant…
William Lesourd, ein französischer Bloger, schreibt in seinem -> Périblog über das Chartier. Er bedauert, daß Paris immer mehr und mehr zu einem Ausstellungsstück wird. Daß immer mehr Touristen alleine durch ihre Anwesenheit den Pariser Esprit verwässern. Beim Bouillon Chartier allerdings schaffen es nicht mal die Américains mit ihrem Geschrei (genau so schreibt Lesourd) die authenticité zu vernichten. Die geschichtsträchtige Bouillon sei  zu sehr mit den Wurzeln Paris verstrickt. Ich glaube William Lesourd kann nur zu gut verstehen wie mir beim Oktoberfest zumute ist.

Ich stelle fest; solange das Chartier so bleibt wie es ist komme ich wieder. Und keine 48  Stunden später stehen wir wieder vor der Türe. Diesmal kommen wir vom Louvre. Wieder bekommen wir einen Platz ohne warten. Wieder steht der Vin du moment auf dem Tisch. Wieder halte ich die Speisekarte in der Hand. Diesmal wähle ich das Steak. Ich denke, ich brauche nicht zu schreiben welche Soße ich dazu  will! Nur diesmal hat sich das Schicksal gedreht. Der Ober hat diesmal gleich als er uns die Karte überreichte den Gurkensalat gestrichen. Bis auf zwei  Bissen bin ich mit meinem Fleisch nicht zufrieden. Zufrieden macht mich allerdings meine Ehefrau. Es ist mir eine Freude mit welchem Genuß sie ihr Confit de canard pommes grenailles verzehrt.

Köstliches Vanilledessert

Heute ist nicht mein Tag. Beim Dessert greife ich wieder daneben. Meine Creme de marron entpuppt sich als zuckersüße Pampe. Vesna hat mit ihrem Vanillesouffle die eindeutig bessere Wahl getroffen. Für unsere kleine Tochter hat der Kellner eigens ein Apfeleis gebracht, das nicht auf der Karte stand.

Leider, leider werden  sicherlich mehr als 48 Stunden vergehen bis ich wieder in Paris bin und das Chartier genießen kann. Meinen Gust können mir die Touristen nicht rauben, sind wir doch selbst welche.
Lesourd hat auch beschrieben welchen Zweck die kleinen Schubfächer an den Wänden haben. In ihnen wurden die Servietten der Stammgäste verstaut.  

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2 Kommentare:

  1. Paris scheint eine Reise wert zu sein, v.a. wenn man das von der Gourmetseite aus betrachtet...
    Wie war eigentlich der Louvre?! ;)

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  2. Der Louvre kommt noch. Am ersten Tag waren wir zwar im Innenhof. Da war das Museum geschlossen – aber uns ging es nur um das Datum und die Pyramide. Das Museum wird einer der nächsten Posts.

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