Sonntag, 9. Oktober 2011

Traurig

Am Morgen war ich aus Dresden zurückgekehrt. Wäre da nicht ein trauriger Termin, wäre ich bestimmt noch nicht in München.
Vor sechs Wochen rief mich einer unserer ehemaligen Fahrer an und informierte mich darüber, dass die Polizei bei ihm gewesen sei und ihm gesagt hätte das mein ehemaliger Freund und Geschäftspartner Sandor in Kambodscha gestorben sei.
Dabei habe ich ihn noch zuletzt eine Woche vor seinem Tod bei uns im MIRA, einem Einkaufszentrum an der Schleißheimer Straße, zufällig getroffen. Ich saß mit Robert auf der Terrasse des Sofra, wir trinken Tee. Da kommt Sandor die Straße entlang, er und wir haben auch noch Zeit, er setzt sich zu uns. Begeistert erzählt er mir von seiner Reise in die Schweiz. Welche Leute er kennenlernen durfte und welche bahnbrechenden Erfahrungen er gemacht hätte. Richtig froh war er, er wirkte entspannt und glücklich. Körperlich fit, sein Fitness Training sah man ihm an. Nach dem Gespräch verabschiedeten wir uns, wenn ich nur gewusst hätte, dass das das letzte Mal war!
Mit Sandor hatte ich über Jahre die Siegel-Borell oHG. Wir betrieben fünf Taxis und einen Mietwagen, zuerst in der Theresien- und später in der Schleißheimer Straße. Sandor war ein kleiner Chaot, aber er hatte Charaktereigenschaften die heute selten wie Diamanten sind. Absolut ehrlich und aufrichtig. Ich konnte mich 100% auf ihn verlassen und das spornte mich dazu an, dass er sich auf mich auch 100 % verlassen konnte. Zeitweise waren wir in unserer Firma 16 Fahrer. Jede Schicht wurde mit Bargeld abgewickelt. Es fehlte nie ein Pfennig. Wir waren beide etwas verrückt mit unseren Ideen und Anschaffungen. Harmlos war da der vergoldete Pizzaschneider oder ein bunter Papagei aus Plastik mit Bewegungsmelder, der Jeden der vorbeiging mit Geschrei begrüßte. Etwas ausgefallener war die Idee den 40. Geburtstags eines Fahrers auszurichten, der dann für ihn, mir und zwei weiteren Firmenangehörigen in London endete.
Sandor war begeistert von Fahrzeugen. Zuletzt hatte er privat einen M5 und ein japanisches Motorrad mit 1800 Kubik. Als Geschäftsführer unserer oHG kaufte er sich einen BMW 850. Für mich gab es kein sinnloseres Auto, man konnte keine Gäste befördern, man konnte nichts zuladen, aber Sandor kaufte es. BMW wollte dass auch ich als der andere Geschäftsführer den Kauf- und Finanzierungsvertrag unterschrieb. Ich unterschrieb und war mithaftbar wenn ein 23!-jähriger die Raten für ein sündhaft teueres und gefährlich schnelles Auto nicht bezahlen konnte. Heute gibt es den 850er nicht mehr, nach einem Unfall, an dem Sandor nicht schuld war, wurde der BMW, nachdem er sich bei Wolfsburg neben der Autobahn mehrmals überschlagen hatte, verschrottet.
2000 war ich einen Monat in Havanna. Heute kann ich mir das alleine wegen der Stammgäste nicht mehr leisten. Damals, mit sechs Fahrzeugen, ging das. Ich war beruhigt, denn Sandor war in München und hielt mir den Rücken frei.
Seit dem 26.August gibt es Sandor Borell nicht mehr. Ich habe das Fax des Bundeskriminalamtes gesehen. Ganz knapp und formell steht da neben Todesursache; unbekannt und neben nähere Umstände; tot aufgefunden in Phnom Penh / Kambodscha.
Am Freitag war die Trauerfeier im Nordfriedhof. Markus, sein langjähriger Freund, hielt die gut recherchierte und tief bewegende Trauerrede. Bei der Trauerfeier nach der Urnenbeisetzung, die Freunde organisiert hatten, wurden mit einem Beamer Bilder mit Sandor an die Wand projiziert, so war er dann doch noch dabei.
Sandor, ich danke dir für die Jahre mit dir. Ich bin auch ein verrückter Hund, aber du hast noch eins draufgesetzt. Du hast meine bunte Welt schriller gemacht! Und eines hast du mich gelehrt: Jetzt muss man leben – später, später ist es zu spät.
Jetzt sitze ich im Taxi und schreibe diesen Post, ich weine und schäme mich nicht.

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4 Kommentare:

  1. Seltsam. Wenn da einer "tot aufgefunden" wird, gibt es dann keine Autopsie oder ähnliches? R.I.P.

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  2. Sandor, wir werden dich nie vergessen.

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  3. Mein aufrichtiges Beileid!
    Jetzt Leben, genau das was ich dir schon lange Predige. Ich bin nicht mehr so Arbeitswütig wie früher. Wenn gar nichts geht dann mach ich halt Feierabend. Ich habe es selbst 2010 erlebt wie schnell es gehen kann.

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