Dienstag, 4. Oktober 2011

An der Wiesn komm ich nicht vorbei

Jetzt hat es mich doch noch erwischt, das Wiesnfieber. Gerade noch rechtzeitig am letzten Tag. Der letzte Tag hat bei uns so eine Tradition. Als ich mit Sandor meine Taxifirma in der Theresienstraße hatte, haben wir damit angefangen. Bereits im Frühjahr haben wir für den letzten Tag der Wiesn einen Tisch für unsere Fahrer und für uns reserviert.
Während der Wiesn hatten wir richtig Stress. Die Fahrer der Nachtschicht saßen alle aufgeregt im Büro und scheuerten sich die Hintern wund; wann kommt mein Taxi? Wann kommt mein Taxi? Schon Wochen vor dem Oktoberfest fragten Fahrer ob während des Festes ein Taxi frei wäre.
Ich erinnere mich als ich eines Morgens während des Oktoberfestes ins Büro kam und mich um zwei wiesntypische Taxierlebnisse zu kümmern hatte. Das eine war eine Fahrt mit einem unserer Fahrer, Zahlungsschwierigkeiten, es entstand ein Gerangel, Anzeigen wegen Körperverletzung gegen beide Seiten. Das zweite war ähnlich. Der Fahrgast wollte nicht bezahlen, beim Streit geht die Windschutzscheibe des Taxis zu Bruch, Täter geht in eine Disco, Fahrer holt die Polizei, Versicherungsfall, Täter minderjährig … u.s.w. Das alles in einer Schicht. Wo gingen beide Fahrten los? Klar - von der Wiesn!
Oder; die Zentrale ruft an. “Schwerer Unfall am Mittleren Ring. Ein Taxi von euch ist beteiligt.“ Der Mittlere Ring war gesperrt. Sandor und ich fuhren auf dem Fahrradweg an den wartenden Autos vorbei. An der Spitze der Schlange blinkten die Blaulichter der Einsatzfahrzeuge. Wir sehen einen Tieflader und erkennen eines unserer Taxis. In dem Sanitätswagen liegt der Fahrgast, in einem anderen der Fahrgast. Wann ist das passiert? Um 23.00 Uhr zur Wiesnzeit.
Die Fahrer waren fest angestellt. Bezahlt wurde nach einem Prämienlohnsystem. Ein Teil des Umsatzes der auf das Taxameter lief, war der Bruttolohn des Fahrers. Jeden Monat mussten wir unserem Steuerberater, der die Lohnkonten führte, die Löhne mitteilen. Der machte die Lohnabrechnung. Die Sozialversicherungsbeiträge, Arbeitgeber- und Arbeitnehmeranteil, wurden monatlich von unserm Konto an die AOK abgeführt. Den Arbeitnehmeranteil bekamen wir dann in bar von den Fahrern zurück. Während der Wiesn waren Umsätze und damit die Löhne hoch. Unsere Fahrer waren satt und fuhren weniger. Für uns schmolz dann der durchschnittliche Umsatz nach dem Oktoberfest wieder dahin wenn die Taxis verwaist auf dem Hof standen.
Wir hatten als Taxiunternehmer die Wiesn schon im Juli auf dem Schirm als die ersten Gerüste für die Bierzelte aufgestellt wurden und die ersten Fahrer nach einem Taxi fragten. Wenn dann noch die Kollegen am Taxistand im August mit der Wiesn anfingen, konnte ich nur mit den Augen kreisen und den Kop schütteln. Mein einziges Kapital als Dienstleister sind meine Kunden, wenn mich dann ein 16 Tage über das Jahr retten müssen, habe ich etwas falsch gemacht.
Kurz, wir hatten am letzten Wiesntag allen Grund zu feiern. Sandor hat es immer geschafft einen Tisch zu reservieren. Einmal, ich kann mich noch erinnern, waren wir zu spät dran, wir bekamen nur noch einen Platz im Stehbereich im Löwenbräuzelt. Direkt vor der Blasmusik! So was passiert nur einmal. Im folgenden Jahr reservierten wir wieder rechtzeitig im Frühjahr.
Nachdem ich meine Anteile der Siegel-Borell oHG an Sandor verkauft hatte, freuten sich meine Frau und ich jedes Jahr auf Sandors Einladung zum Oktoberfest. Er hat die Tradition des letzten Wiesntages für die Taxifahrer fortgeführt. Diesmal sind Sandor und seine Truppe nicht dabei. Sandor ist am 26.August in Kambodscha verstorben.
Wir haben uns mit Taxikollegen in der U-Bahn verabredet. Wir fahren gemeinsam mit den öffentlichen Verkehrsmitteln auf die Wiesn. Das ist für mich auch das erste Mal. Sonst sind wir nach einem Warm – up im Taxibüro mit zwei Taxibussen chauffieren lassen.
Kaum bin ich auf dem Oktoberfest gibt es für mich gleich noch eine Premiere. Wir gehen auf die Oide Wiesn. Die gibt es erst seit zwei oder drei Jahren. Hier stehen alte Fahrgeschäfte, Schießstände und mechanische Orgeln. Hier gibt es nur zwei kleinere Zelte. Wir suchen keine 10 Minuten und finden eine ganze Bank für uns.
An die Oide Wiesn könnte ich mich gewöhnen. Das Augustiner Bier wurde in Keferlohern serviert. Schon nach meiner ersten Maß trat eine bei mir eine vorher ungeahnte Persönlichkeitsveränderung ein. Die Bestellung meines nächsten Getränks gestallte sich äußerst pragmatisch:

“A Maß, bittschen.“

Mit nur zweieinhalb Wörtern konnte ich ausdrücken was ich neben der Blasmusik zu meiner Glückseligkeit brauchte.
Und noch was die Wiesn und ich sind jetzt beste Spezln – bis zum Juli. Wenn die ersten Zelte wieder aufgebaut werden, für den Landhausfasching, den obaperltn.

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1 Kommentare:

  1. Die Oide Wiesn gibt es seit letzem Jahr, oder je nach Betrachtungsweise in der Form auch erst seit diesem Jahr. Gedacht war das ganze letztes Jahr als eine eigentlich einmalige Aktion, anlässlich des 200. Jubiläums der Wiesn. Zu den Feierlichkeiten schlossen sich auch alle Brauereien zusammen um ein ganz besonderes, nach alter Art gebrautes Wiesn-Bier zu brauen, das ganz fantastisch geschmeckt haben soll (ich war zur Wiesn letztes Jahr gerade nicht im Lande, von daher kenne ich es nur aus Erzählungen).

    Weil diese gemütliche, altertümliche Wiesn-Form großen Anklang gefunden hat, hat man sich entschlossen, ab heuer so etwas jedes Jahr anzubieten, und es kurzerhand "Oide Wiesn" getauft.

    Das ganz besondere, gemeinsam gebraute Jubiläums-Bier wird's wohl leider zumindest in absehbarer Zeit nicht mehr geben, die Rezeptur soll sogar in einem Safe weggesperrt sein. Dafür gibt es trotzdem mit jedem Mal ein neues, besonderes Bier, bei dem sich die Brauereien mit jedem Jahr in dem die Oide Wiesn stattfindet abwechseln.

    Eigentlich hieß es übrigens, dass die Oide Wiesn nur in den Jahren stattfindet, in denen das Zentrale Landwirtschaftsfest nicht stattfinden, eben aus Platzgründen, aber anscheinend ist sie mittlerweile so beliebt, dass das wohl auch etwas ins Wanken gerät: http://www.sueddeutsche.de/muenchen/oktoberfest-landwirtschaftsfest-gefaehrdet-oide-wiesn-1.1155191

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