Ich hatte jetzt lange keine Lust zu schreiben. Da war erstmal mein Knie – die erste Operation vor zwei Jahren war nicht so erfolgreich. Heuer habe ich mich durchgerungen die zweite Operation anzugehen. Vor so einer Operation gibt es viele Termine wahrzunehmen und ich bin kein Freund der Weißkittel. Erst war es nur die Angst vor den Zahnärzten und jetzt haben mir alle das Kraut ausgeschüttet. Wenn der gesündeste Mensch von Arzt zu Arzt rennt wird früher oder später ein Zipperlein gefunden an dem sich der Patient dann aufhängt. Mit dem frisch operierten Knie war ich zehn Tage an Krücken und Zuhause gebunden. Mir fällt das sehr schwer.
Kaum konnte ich gehen, habe ich mich alleine um das Geschäft gekümmert, draußen fahren, telefonieren, koordinieren und abends noch Büro spielen, bis …
Bis mein Taxi seltsame Geräusche von sich gab. In regelmäßigen Abständen hörte ich ein WAFF, WAFF, WAFF. Am Flughafen steckten dann meine Kollegen ihre Ohren in den Motorraum und vermuteten, dass irgendwo Luft „rausbläst“. Ich wollte so keine Kunden befördern und scherte aus der Reihe aus. In der Werkstatt war die erste Mutmaßung auch der Auspuff. Ich habe mich angesichts der zu erwartenden günstigen Reparatur schon gefreut. Wurde aber herb enttäuscht.
“Jetzt baun mer moi des do vorne ois weg und schaun amoi wos do los is!“
Und los war einiges – die Nockenwelle war eingelaufen, zwei Ventile waren fest, der Zylinderkopf musste erneuert werden. Kurze Rede, das Auto war knapp elf Tage in der Werkstatt. Erst die Zwangspause mit dem Knie und dann das. Uns trifft das ja immer doppelt, zum Einen braucht man Geld um die Reparatur zu bezahlen, zum Anderen kann man nicht arbeiten um Umsatz zu machen. Die armen Mechaniker konnten nichts dafür, auch sie mussten auf die Teile warten. Ich nahm die Aufträge für die nächsten Tage an, weil das Taxi ja fertig sein sollte. Kurzfristig erfuhr ich, dass mein Taxi doch noch nicht fertig wurde, und so musste ich die dringend benötigten Aufträge schnell weiter- oder an die Kollegen zurückgeben.
Dazu noch meine Jägerprüfung. Nach meinem kläglichen Versagen im Juni in der -> Waffenhandhabung wurde ich immer aufgeregter, je näher der Termin für meine zweite Chance kam.
Wo sollte ich denn Waffenhandhabung üben? Wer hat den schon einen Drilling, eine Bockbüchsflinte, eine Bockflinte, einen alten und einen neuen Repetierer? Ich nutzte das Angebot des Herrn Krausser, Inhabers des ->Waffengeschäftes Krausser in München in der Nähe des Ostbahnhofs. Im August organisierte ich einen Sammeltermin mit den Kandidaten für die Prüfung im September. Jeder Anwesende konnte dann während der Geschäftszeiten im Geschäft, manchmal unter Anleitung des Chefs, mit den Waffen hantieren. Ich nutzte das Angebot aus und stand sechsmal vor dem Tresen mit der Büchse in der Hand und übte das Anschlagen, Umschalten und Zielen auf ein Regal, das wir zur sicheren Richtung erklärt hatten. Hundertmal hatte ich die Waffen be- und entladen. Machte mich vertraut mit den verschiedenen Systemen. Prägte mir Merksätze wie sichern – brechen – entstechen , bei Kipplaufwaffen ein. Bei den Repetierern prägte ich mir S – S – L – K , Sicherung – Stecher – Lauf – Kaliber, ein. Jedes Mal bevor ich eine Waffe aufnahm kontrollierte ich die Sicherung, wackelte am Stecher, schaute durch den Lauf überprüfte das Kaliber auf dem Lauf und auf den Patronen.
Das Schießen mit der Büchse übte ich nur noch auf dem Schießstand in Unterdill. Ich versuchte immer möglichst nah an der Prüfung zu bleiben. Ich holte mir einen Stutzen Kaliber .222, die passende Munition und eine Rehscheibe. Beim zweiten Mal bekam ich ein anderes Gewehr, auch Kaliber .222 - aber diesmal mit einem französischen Stecher. Beim nächsten Schießen hatte die Büchse ein Zielfernrohr mit einem anderen Absehen. Ich habe mit zwei Absehen, dem Absehen 1 (Zielstachel) und dem Absehen 4 (Fadenkreuz) geübt. Tage vor der Prüfung habe ich erfahren, dass wir uns aussuchen können mit welchem Absehen wir in der Prüfung schießen. Dann hieß es wieder es gäbe bei der Prüfung nur das Absehen 4, das mir, seit ich es kenne auch besser liegt. Der dicke Zielstachel des Absehens 1 verdeckt mir zuviel vom Ziel. Ich finde das Fadenkreuz feiner und präziser.
Endlich ist er da, der Tag der Prüfung. Am Abend davor muss ich noch zweimal mit dem Taxi Gäste vom Oktoberfest abholen. Dafür gönne ich mir am Prüfungstag, die Prüfung beginnt um 11.00 Uhr, Ruhe vom Aufstehen an. Am Schießstand Unterdill treffe ich auf meine Kurskameraden von der Waidmannsgilde. Ich kann die Aufregung spüren. Wir sitzen im Nebenzimmer des griechischen Lokals am Schießstand. Die Tür geht auf – ein Prüfer holt einen nach dem anderen zur Waffenhandhabung. Ich bin der Letzte. Einsam gehe ich auf und ab und zwinge mich ruhig zu werden. In der Türe steht plötzlich ein Prüfer und führt mich in den Prüfungsraum. Dort sitzt an dem Tisch eine weitere Prüferin. Beide stellen sich vor. Ich soll mich mit den Waffen am Tisch vertraut machen. Als sichere Richtung gelten eine Vitrine, ein Fenster und eine aufgestellte Rehscheibe.
Ich beuge mich über den Tisch. Die Hände halte ich verkrampft auf dem Rücken. Laut sage ich was vor meiner Nasenspitze liegt. Da ist eine Walther PP, da ist ein Revolver Smith & Wesson, da liegt ein alter Repetierer System 98, daneben ein neuer – ein Sauer Sicherheitsrepetierer, dort liegt eine Bockbüchsflinte, dann kommt der Drilling und schließlich, ganz am Ende des Tisches liegt noch eine Bockflinte.
“Fertig!“ melde ich mich.
Wir gehen zurück, zum Anfang des Tisches, zu den Kurzwaffen. Der Prüfer überlässt mir die Wahl mit welcher Waffe ich beginnen will.
“Revolver oder Pistole?“
Mutig wähle ich gleich die Waffe die mir vor drei Monaten das Genick gebrochen hat – die Pistole. Neben der Pistole liegen ein Magazin und zwei Patronen. Der Hahn ist gespannt. Ich weiß, das geht nur wenn die PP entsichert ist. Bei allen Übungen mit der Pistole haben wir bisher immer nur mit zwei Pufferpatronen trainiert. Die Prüfer scheinen das zu wissen. Das leere Magazin und die beiden Patronen daneben lassen im ersten Moment den Eindruck entstehen, die Pistole wäre leer. Der Signalstift zeigt mir an das eine etwas im Patronenlager ist. Ich kann die Sicherung nicht sehen, gehe aber davon aus, dass die Pistole entsichert ist. Vorsichtig nehme ich die Walther auf; betone
“ Ich bleibe in der sicheren Richtung!“
Den Zeigefinger meiner rechten Hand lasse ich demonstrativ gestreckt neben dem Schlitten liegen. Mit meinem rechten Daumen halte ich den Hahn gespannt. Mit spitzen Fingern der linken Hand sichere ich die Pistole. Der Hahn löst sich, der Daumen verhindert, daß er nach vorne schlägt und den Schlagbolzen auslöst (Der wäre jetzt durch die Sicherung blockiert, aber ich will in der Prüfung in keinen Fall den Hahn nach vorne schnellen lassen) . Die Waffe ist jetzt abgeschlagen. Ich ziehe den Schlitten nach hinten. Der Verschluss öffnet sich. In dem Moment springt mir die dritte Pufferpatrone entgegen. Sie war im Patronenlager! „Schärfer“ kann man eine Waffe nicht ablegen.
Jetzt da die Pistole entladen ist, bleibt noch den Schlitten zuerst nach hinten und dann nach vorne abzuziehen. Die Verriegelung löse ich indem ich den Abzugsbügel nach unten ziehe und etwas nach links verschiebe. Das ist nötig damit ich den Lauf überprüfen kann. Getreu dem Merksatz S – S – L – K (Der Stecher fällt bei den Kurzwaffen weg.) vergleiche ich die Kaliberangaben auf der linken Seite des Schlittens, auf dem Magazin und auf den Hülsenboden der Patronen. Überall ist passend 7,65 eingeprägt.
Ich soll die Pistole mit nur einer Patrone laden. Wir spielen die Situation „Ein Schuss am Schießstand mit Unterbrechung“. Schließlich komme ich zum Schuss. Der Prüfer fragt mich in welchem Zustand jetzt die Pistole wäre, hätte sich der Schuss gelöst. Die richtige Frage für einen langjährigen Pistolenschütze. Der Schlitten wäre in diesem Fall hinten geblieben, der Verschluss wäre geöffnet – das leere Magazin funktioniert wie ein Schlittenfanghebel.
„Gut. Jetzt legen Sie die Pistole ab!“
Aha, auch das haben wir durchgespielt. In diesem Fall kann ich die Pistole sichern und ablegen. Sie ist ja dann in tischfertigem Zustand. Ansonsten soll man immer den Prüfer fragen ob man wirklich die Waffe in dem momentanen Zustand ablegen, oder tischfertig machen soll. Die anderen Waffen – jetzt nicht mehr so ausführlich:
Es folgt der Revolver, ein Smith & Wesson 38 Special. Der Revolver ist die einfachste Waffe, ich komme gut mit ihm zurecht. Nur hier, und wirklich nur bei Revolvern darf ich beim Überprüfen des Laufes von vorne durch den Lauf schauen. Als Spiegel verwende ich den Daumennagel meiner rechten Hand.
Meine dritte Prüfungswaffe darf ich mir auswählen. Den alten oder den neuen Repetierer. Ich wähle wie 90 % der Prüflinge den alten Mauser System 98. Das einfache sichere Schloss war mir schon von Anfang an sympathischer. Der neue Sauer Sicherheitsrepetierer ist etwas komplizierter. Ich kenne Modelle bei denen bei abgeschlagenem Schlagbolzen nicht gesichert werden kann, und Modelle, bei denen die Sicherung immer funktioniert.
Die letzte Waffe ist die Königsdisziplin der Waffenhandhabung - der Drilling. Hier achte ich auf das sichere und richtige Umschalten zwischen den Läufen. Ich erinnere mich auch daran nur bei stehendem Wild den Stecher zu benutzen. Mein vielgeübtes Schrankfertigmachen des Drillings konnte ich nicht mehr zeigen. Nach der vierten Waffe hatte ich die von mir gefürchtete Waffenhandhabung gemeistert.
Mit meinem schon halb ausgefüllten Laufzettel in der Hand und Gehörschutz auf den Ohren erscheine ich halb erlöst am Schießstand. Es regnet in Strömen, ich bin neugierig ob und wie sich das auf das Zielen auswirkt.
Auf dem Schießstand werden keine großen Worte mehr gemacht. Jeder weiß um was es geht. Die Rehscheibe ist 100 Meter entfernt. Als Gewehr habe ich einen Repetierer Kaliber .222. Das Zielfernrohr hat das von mir geliebte 4er Absehen. Ich habe vier Schuss auf die Scheibe. Dabei muss ich mindestens drei Achter schießen. Zwei Schuss sitzend, die Waffe aufgelegt und zwei Schuss stehend angestrichen. Angestrichen bedeutet; die Waffe wird an einen senkrechten Stock angelehnt und mit einer Hand fixiert.
Ich habe mir ein Ziel gesetzt. Beim Training bemerkte ich, dass wenn man zu lange im Ziel bleibt nur verwackelt. Mit jeder Sekunde wird man unruhiger und das Ziel beginnt im Okular der Zieloptik zu schaukeln. Vom Aufnehmen des Gewehrs bis zum Schuss dürfen nicht mehr als ca. 12 Sekunden vergehen. Komme ich während dieser Zeit nicht zum Schuss, will ich das Gewehr sichern, entstechen, ablegen und von vorne beginnen. Ich bin angespannt das Gewehr habe ich fest an meiner linken Schulter, über das Zielfernrohr fixiere ich die Rehscheibe. Der Prüfer gibt mir ein Magazin mit der Patrone. Ich lade den Repetierer über das Magazin und sichere. Ich blicke durch das Zielfernrohr. Den Regen sehe ich als schmale, weiße, senkrechte Striche – oder bilde ich mir das in der Aufregung nur ein? Ich schiebe den Sicherungshebel nach vorne, die Waffe ist entsichert. Vorsichtig, mit dem Klammergriff, steche ich den französischen Stecher. Der Abzugszüngel ist jetzt höchst empfindlich. Die kleinste Berührung des Abzugs bringt den Schuss zum Brechen. Die nächsten drei Sekunden brauche ich um den richtigen Abstand zwischen meinem Zielauge und dem Okular zu bringen. Am Rand der Linse dürfen sich keine Schatten abzeichnen. Jetzt nur noch ins Ziel gehen. Ich kann die Ringe der Scheibe selbst durch das Zielfernrohr nicht erkennen. Ich weiß aber wo ich anhalten muss. Um das Blatt zu treffen orientiere ich mich an dem Vorderlauf und den Träger des aufgedruckten Rehs. Jetzt glaube ich, bin ich richtig. Ich drücke ab. Mit lautem Knall bricht der Schuss. Der Prüfer lässt die Scheibe an den Stand fahren. Ich versuche auf der herankommenden Scheibe das Loch zu erkennen. Auf dem letzten Meter sehe ich Licht von hinten durch ein kleines Loch scheinen. Eine Zehn! Der Jäger klebt einen durchsichtigen Klebestreifen über den Treffer. Die Scheibe fährt wieder zurück auf die 100 Meter entfernte Einrastung. Der zweite Schuss gelingt mir wie der erste. Es wird wieder eine Zehn.
Jetzt habe ich noch die zwei Schuss im Stehen vor mir. Gelingen mir die genauso wie die sitzend Aufgelegten? Ich wiederhole den Vorgang wie bei den beiden ersten Schüssen. Jetzt gilt es. Die Scheibe kommt heran. Ich warte auf das Ergebnis. Mir fällt sichtlich eine Last von der Schulter. Jetzt ist es ziemlich ein Jahr her, als ich das erste Mal mit der Deutschen Waidmannsgilde im Jagdmuseum saß und mir den Stoff der Jägerausbildung vorgestellt wurde. Ein Jahr mit neuen Bekannten und Freunden. Ein Jahr des Lernens und Übens. Ein Jahr der Ungewissheit; werde ich die Prüfung bestehen? Jetzt hat es sich entschieden in dieser Minute!
Als der Jäger meine dritte Zehn sieht, ergreift er meine Hand und wünscht mir
“Waidmannsheil!“
Und ich? Ich bedanke mich zum ersten Mal wie ein Jäger mit einem
“Waidmannsdank“
.
Absolut bemerkenswert, daß Du es geschafft hast.
AntwortenLöschenWas man dafür alles zu lernen hat, und die Anspannung!
Dir allerherzlichsten Glückwunsch zur bestandenen Prüfung!
Glückwunsch auch von mir! Tom
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