Es ist zu viel, wenn ich sage, dass ich vor Medizinern Respekt habe. Ich habe gesehen, wie die feinen Herren Mediziner mit Handschellen aus der Herzklinik abgeführt wurden. Das war vor Jahren ein kleiner Skandal bei uns in der Nachbarschaft. Aus meiner Zeit als Privatversicherter kann ich auch von Rechnungen berichten, die nicht korrekt waren. Viele Ärzte mögen schon das Wohl des Patienten im Auge haben, aber es gibt darunter auch einige Strolche.
Es ist zu wenig, wenn ich sage, dass ich vor Ärzten Angst habe. Denn das wäre ja ein klares Verhältnis. Bin ich beim Arzt, besonders bei meiner Zahnärztin, passiert mit meinem Körper seltsames. Schon der Geruch des Desinfektionsmittels lässt meine Nackenhaare gerade stehen. Der Magen wird schwer und warm, mein Blutdruck steigt und auf meiner kühlen Stirn bildet sich die eine oder andere Schweißperle. Meine Gefühlsgehirnhälfte orientiert sich an der Evolution und wechselt im Sekundentakt zwischen Flucht und Angriff. Die andere, die rationale Hälfte, zwingt mich zum Stillhalten. Sie weiß; es passiert mir ja nur Gutes. Passiert mir wirklich nur Gutes?; zweifelt selbst meine rationale Seite und ich sperre die meine Augen auf, recke den Kopf um nicht zu verpassen was mit mir geschieht. Beim Zahnarzt ist das natürlich nur eingeschränkt möglich. Dort liege ich steif wie ein Brett mit gespreiztem Mund ausgeliefert auf dem Behandlungsstuhl. Meine Fersen und mein Hinterkopf sind die einzigen Körperteile die mit dem Stuhl in Kontakt sind.
Kurz – ich bin nicht gerne bei Ärzten! Erst wenn der Schmerz die Angst besiegt, übergebe ich mich den Weißkitteln. Mein linkes Knie wurde schon vor zwei Jahren operiert - der Meniskus. Mein Übergewicht hat selbstverständlich sein Scherflein dazu beigetragen. Nach der Operation und den zahllosen Terminen bei der Krankengymnastik ging das mit meinem Knie ein Jahr lang gut und dann fing der Schmerz, und damit das Hinken wieder an.
Mit den meinen Zähnen war ich letztes Jahr in der Notfallklinik. Feig wie ich bin, habe ich den meiner Zahnärztin fest versprochenen Nachschautermin nicht wahrgenommen. Das leichte Stechen unter meiner rechten Backe habe ich ignoriert. Die Schmerzen wurden größer, aus dem Stechen entwickelte sich ein schmerzhaftes Druckgefühl das immer schlimmer wurde. Um den Gang zum Zahnarzt zu vermeiden, badete ich meine Wange in heißem Wasser. Das brachte nur kurz Linderung. In der letzten Stufe, die Schwellung war schon von außen zu sehen, kaute ich die ganze Nacht auf meiner Zahnbürste. Meine Zahnbürste sah aus, als hätte ein Hund daran geknabbert. Jetzt, und erst jetzt, war ich reif für den Zahnarzt. Meine Frau brachte mich zu meiner Zahnärztin. Die war im Urlaub. Wir sind gleich weiter zur Notfallzahnklinik in die Goethestrasse. Die besahen sich das Malheur. Ich hörte wie sie beratschlagten wie sie mit der Eiterbeule in meinem rechten Kiefer verfahren wollten. Es gab zwei Möglichkeiten: Den Zahn zu durchbohren und so den Eiter abfließen zu lassen oder einfach von innen in die Wange zu schneiden um das gleiche Ergebnis zu erreichen. Minutenlang ging es hin und her. Bohren – Schneiden – Bohren – Schneiden - . Ich beteiligte mich prustend an der Diskussion. Ich lag auf dem Stuhl, den Mund voll Klammern und Watte, und versuchte zu rufen:
“Schneimmpfen – Schpfeiden – Schnppeiden – „
Die Zahnärzte zeigten sich unbeeindruckt von meinem laienhaften medizinischen Rat, und entschieden sich für - Bohren!
Ich habe es überlebt. Ich muss gestehen; es war eine Wohltat als der Druck von einer Sekunde auf die andere vorbei war. Das Loch wurde provisorisch verschlossen. Ich sollte den Zahn aber noch bei meinem Zahnarzt spülen und nachversorgen lassen.
“Ja, sicher mach ich das. Gleich in der nächsten Woche. Sobald ich von Frankfurt zurück bin. Sie haben vollkommen recht, dass kann man so nicht lassen!“
So sprach ich und vergaß es in dem Moment als ich fluchtartig über Treppen der Notfallklinik auf die Goethestrasse sprang. Der Schmerz und somit das Versprechen war Geschichte.
Drei Wochen lang – jetzt fing es wieder an. Ich saß reuig in der Zahnklinik. Die gleiche Geschichte. Wieder lag ich auf dem Stuhl. Diesmal entschieden sich die Ärzte zum Schneiden.
Genäht wurde nicht. In die Wunde wurde Zellstoff gestopft, der sich mit der Zeit auflöst. Wieder wurde mir das Versprechen abgenommen, zum Zahnarzt zu gehen. Der Schmerz war weg, und somit auch … Der Zahnarzt sah mich wieder nicht in seiner Praxis.
Ein Jahr lang ging das gut. Auf dem Nachhauseweg vom Lehrrevier fiel mir vor Monaten eine große Plombe mit Stücken vom Zahn aus dem Mund. Zum Glück ohne Schmerz und Zahnarzt. Und jetzt bricht mir noch ein kleines Stück von einem anderen Zahn ab. Dazu kommt noch das Knie, das Maß ist jetzt selbst für mich voll, ich entschließe mich - ich werde mich der Medizin ausliefern.
Mit dem Schlimmsten fange ich an. Ich gehe zu der Zahnärztin die auch meine Frau und Kinder behandelt. Zuerst wird mein ganzes Gebiss, Zahn um Zahn, geröntgt. Diese Zahnärztin gefällt mir besser als meine letzte. Diese hier erledigt viel mehr in einem Aufwasch. Das kommt mir sehr entgegen, lieber weniger Termine bei denen jeweils mehr erledigt wird, als die umständlichen vielen kleinen. Bei meinem zweiten Termin erkennt die Ärztin meinen nur notfallmäßig versorgten Zahn. Auf dem Röntgenbild erkennt sie einen Schatten, den sie als Zyste interpretiert. Das war die Ursache für meine Schmerzen, die mich in die Zahnklinik geführt haben. Diese muss ausgeschabt werden. Sie sagt, ich müsste zeitnah zum Kieferchirurgen. Kieferchirurg? Da war ich noch nie. Alleine das Wort lässt mir das Blut in den Adern gefrieren. Zeitnah? OK, nächste Woche …
“ Ich habe schon einen Termin für Sie vereinbart. Sind Sie bitte heute Nachmittag um 14.15 Uhr in der Praxis bei Herrn Dr. … „
Das sind ja nur zwei Stunden Gnadenfrist. Von der Gabelsbergerstraße nach Hause fahren und dann wieder in die Stadt, das lohnt sich nicht. Der Kieferchirurg hat seine Praxis direkt am Viktualienmarkt. Wie ein geschlagener Hund schleiche ich die Gabelsbergerstrasse entlang. Ich komme an der Alten Pinakothek vorbei. Der geeignete Ort um mich die nächste Zeit abzulenken. Zu der Eintrittskarte gibt es eine Klammer, die man sich sichtbar an die Kleidung heften kann. Jetzt weiß jeder; der darf hier rein. Zum ersten Mal versuche ich mich auch mit den Audioguides, die kostenlos an der Hauptkasse im Mittelteil ausgehändigt werden. Unter manchen Gemälden ist ein Symbol mit einer Nummer angebracht. Ich kann plan- und ziellos durch die Pinakothek schlendern, vor einem beliebigen Gemälde stehenbleiben und den Ausführungen eines Kunstprofessors lauschen.
Auf den Sitzgruppen liegen Kataloge zu den Bildern der jeweiligen Ausstellung. Ich blättere auch in den Katalogen. Ich hätte nicht gedacht, dass es so interessant ist, zu erfahren, was hinter den Gemälden und den Malern steckt. Die Kataloge müsste man sich an der Hauptkasse kaufen, zuhause aufmerksam durchlesen, und dann wiederkommen. Es sollte ausgenützt werden, wenn Rembrandt, Rubens oder Dürer im Original in der Stadt hängen. Die Ablenkung gelingt mir, ich hätte beinahe (oder nur zu gerne) meinen Termin beim Kieferchirurgen übersehen.
Schnell gehe ich Richtung Taxistand in der Barer Straße. Ein Taxi steht da. Ich habe eine 12,- € Fahrt. Soll ich den Kollegen deswegen vom Standplatz scheuchen, oder doch lieber ein vorbeifahrendes Taxi aufhalten? Wie ich so hin und her überlege, steigt eine Familie in das am Taxistand wartende Taxi und nimmt mir die Entscheidung ab.
Ich blicke in die Barer Straße nach Norden. Von dort sollte ein Taxi kommen, dass in meine Richtung fährt. Es dauert keine fünf Minuten, ein Taxi bremst vor mir ab. Ich steige zu und nenne mein Fahrziel. Der Kollege kennt mich, ich klage ihm mein Leid. Er war auch schon mal bei einem Kieferchirurgen und als guter Taxifahrer hat er auch gleich einen Tipp für mich parat:
„Du darfst die Augen nicht aufmachen. Niemals! Du kriegst eine Spritze, wenn du deine Augen nicht öffnest, bekommst du gar nichts mit.“
Mit dem Ratschlag ausgestattet betrete ich zum ersten Mal die Praxis eines Kieferchirurgen. Schön beim Röntgen bemerke ich einen Unterschied zum Zahnarzt. Hier beiße ich in eine Art Halter. Zwei Schienen, jeweils eine an den Schläfen, fixieren meinen Kopf. Beim Röntgen dreht sich dann eine Vorrichtung um meinen Kopf. Aus den Augenwinkeln kann ich beobachten, wie sich in Echtzeit mein Schädel samt Kiefer und Gebiss auf einen Monitor abbildet. Die weitere Prozedur ist ähnlich wie beim Zahnarzt. Es beginnt mit den drei Betäubungsspritzen. Eine davon geht in den Rachen. Als ich kein Bohren, Kratzen oder Schaben mehr spüre, siegt meine Neugierde und ich öffne die Augen. Ich sehe wie eine Hand in einem blutigem Latexhandschuh eine Nadel hält und von meinem Kopf wegführt. Der dazugehörige Faden kommt direkt aus meinem Mund. Hätte ich nur den Rat des Taxifahrers befolgt!
Parallel dazu läuft ja noch die Geschichte mit meinem Knie, oder besser sie läuft nicht. Mein Hausarzt überwies mich an einen Orthopäden. Es ist nicht der, bei dem ich vor zwei Jahren war. Bevor ich mit dem Arzt gesprochen habe, schickt mich die Sprechstundenhilfe schon ins Röntgenzimmer. Früher gab es Röntgenpässe. Wurde während des letzten Jahres geröntgt, war es schon bedenklich. Jetzt fällt mir auf, dass die teueren Maschinen in den Praxen ausgenützt werden sollen. Als freiwillig AOK – Versicherter habe ich keinen Einblick mehr in die Abrechnungen der Ärzte. Mich würde brennend interessieren, was für Röntgenbilder finanziell so bringen. Die Röntgenbilder habe ich bis heute nicht gesehen. Bei der anschließenden Besprechung mit dem Orthopäden lagen die Bilder auch nicht vor. Vielmehr sollte ich die Kernspinbilder von vor zwei Jahren zum nächsten Termin mitbringen. Jetzt habe ich schon drei bunte Umschläge mit Befunden unter dem Arm. In der linken Hemdtasche steckt zwischen den Geldscheinen meine AOK –Karte, die sonst ihr dunkles Schicksal in einem Karton über dem Schreibtisch fristet. Irgendwie komme ich mir alt vor, wenn ich so ausstaffiert durch München hinke.
Im Mund habe ich noch die Fäden von der Naht des Kieferchirurgen. Eine Woche, fünf Stiche, es war kein richtiger Faden, eher ein starker, schwarzer Zwirn. Es beißt und pickt. Das Zahnfleisch ist schon wund gescheuert. Alle drei Minuten fahre ich mit der Zunge über den Zwirn. An dem Tag, an dem die Fäden gezogen werden, bin ich der erste vor der Praxistüre. Heilfroh blicke ich auf die fünf kleinen schwarzen Quälgeister die eine Woche in meinem Mund waren. Das war mein erstes und hoffentlich für lange Zeit mein letztes Abenteuer mit der Kieferchirurgie. Meine Zahnärztin hat bis nächste Woche Urlaub – an der Front herrscht auch Ruhe.
Ruhe habe ich in einer Stunde auch. Meine Frau fährt mich zu der Tagesklinik, keine 800 Meter von uns zuhause. Um 9.00 Uhr bekomme ich meine Narkose. Nach meiner Operation am Knie werde ich eine Woche an Krücken gehen. Ich bin nicht mehr so dumm wie vor zwei Jahren. Am dritten Tag nach der OP war ich schon am Flughafen. Und weil es nicht gut ankommt die Kunden mit Krücken zu empfangen, habe ich die weggelassen. Arbeiten werde ich in der nächsten Woche vermeiden. Diesmal gönne ich mir eine Woche Ruhe.
.
Na herrlich, jetzt bekommst Du die Quittung fürs frühere Zahnarzt-Meiden mit Zins und Zinseszins.
AntwortenLöschenEs ist wie mit Straßenschäden: Je länger man die fälligen Arbeiten herauszögert, desto schlimmer wird es. Glaub es mir- ich war früher genauso. Heute habe ich eine Zahnersatz-Zusatzversicherung und lege trotzdem jedes zweite Jahr einen hohen dreistelligen Betrag für Zahnkronen auf den Tisch. Die erste Brücke ist auch schon drin, weil ein (mal wurzelbehandelter) Zahn schlicht auseinandergefallen ist, der musste dann gezogen werden.
Auf dem Weg zum Zahnarzt hab ich dann im Ohr "Es gibt immer was zu tun- yappa ya ya yippi yippi yeah..."
Und das alles nur, weil ich die Kontrollbesuche hab schleifen lassen.
hi reinhold, bin erstaunt heute einen eintrag von dir zu lesen. wish you the best. ruf dich morgen an u wenn du lust hast, komm ich auf nen ratsch vorbei. allen die hier reinstolpern ´nen angenehmen tag noch. gruß dibuk
AntwortenLöschenna dann, gute besserung!
AntwortenLöschenHi Reinhold,
AntwortenLöschenauch von mir die besten Wünsche.
Vielen Dank für euere Genesungswünsche!
AntwortenLöschenGestern nach der OP war es mir wegen der Narkose speiübel. Jetzt komme ich gerade vom Arzt der mich operiert hat, er hat mir den Schlauch entfernt, der in meinem Knie zur Drainage war. Heute bin ich wieder bei klarem Verstand.
Der erste Kommentator hat vollkommen recht. Ich denke mal jetzt habe ich es geschnallt. Die nächste Vorsorgeuntersuchung beim Zahnarzt lasse ich nicht verstreichen. So wie es ausschaut habe ich jetzt endlich auch die „richtige“ Zahnärztin gefunden. Bei den Vorgängerinnen waren das immer so viele Termine. Einmal bohren, Provisorium drauf, wiederkommen, richtig verschließen ….
Hi Reinhold! 3 Ärzte, 5 Meinungen. Man weiß immer nicht so wirklich, ob sie es gut meinen oder nur an die dicke Rechnung denken. Laß Dich nicht unterkriegen von den kleinen Alterserscheinungen. ;-) Ich wünsche Dir gute und vor allem schnelle Besserung! Viele Grüße, Tom
AntwortenLöschen@Reinhold: Ein Zahnarzt macht ein Provisorium gewöhnlich nicht ohne guten Grund. Es gibt ne Menge Behandlungen, bei denen man den Zahn nach dem ersten Schritt erst mal "in Ruhe lassen muss" für einige Tage. Bestes Beispiel ist eine Wurzelbehandlung an einem "noch lebenden" Zahn. Du willst nicht, dass man da direkt den Nerv zieht, glaub mir. Da kommt ein Medikament rein das den Nerv abtöten soll, Provisorium drauf, und ein paar Tage später gehts weiter: Pulpa ziehen, Wurzelkanäle ausschaben, zwischendurch evtl. Entzündung bekämpfen (=paar Tage Pause), Wurzelkanäle füllen, Zahn versiegeln.
AntwortenLöschenEin guter Zahnarzt erklärt Dir gern, weswegen er die Behandlung für einige Tage unterbricht. Oft genug ist es auch so, dass sie "am Stück" schlicht zu lange dauern würde. Ein simples "Loch" hingegen ist in einer Sitzung ausgefräst und gefüllt, keine Frage.