Mittwoch, 27. Juli 2011

Nur 15 Minuten

Er geht den Gasteig hinauf. Die Straßenbahn fährt knirschend die Anhöhe herunter zur Ludwigsbrücke. Jetzt um acht Uhr abends ist es während des Novembers schon dunkel in München. Die Laternen des Müller´schen Volksbad hinter ihm erhellen noch die einzelnen Pflastersteine auf der Straße. Schräg geht er über den Rosenheimer Platz, nimmt die drei Stufen am Eingang in einem Sitz. Er öffnet die schwere zweiflügelige Holztüre und steht im Vorraum des Bürgerbräukellers. Er hört schon die Stimmen der Gäste und dass Klirren der Maßkrüge. Er öffnet die zweite Türe, die ist nicht mehr so schwer wie die erste. Zigarrenrauch und Bierdunst schlägt ihm entgegen. Mit festem Tritt geht er an seinem Stammsitzplatz. Die Kellnerinnen begrüßen ihn mit kurzem Kopfnicken. Er hat hier schon nach Arbeit gefragt, der Schorsch aus dem Schwäbischen. Während der letzten Wochen war er auch immer da. Meistens sitzt er allein an einer Ecke seines großen Tisches.


An der freien Fläche zwischen dem Kulturzentrum Gasteig und dem City Hilton Hotel, etwa dort wo heute eine Treppe zum S-Bahnhof führt, war der Eingang zum Bürgerbräukeller.


Georg setzt sich an seinem Platz. Diesen Platz hat er sich schon am ersten Abend ausgesucht. Von hier sieht er den Eingang geradeaus vor sich. Gleich zu seiner Linken ist eine Empore, die den sieben Meter hohen Bierkeller waagerecht teilt. Hinter der Empore ist die Schänke, hier verschwinden die Kellnerinnen mit den leeren Krügen um gleich danach wieder mit schaumgekrönten Maßn aufzutauchen. Zu seiner Rechten, direkt gegenüber der Empore, sind die Toiletten und eine Abstellkammer.
Er nimmt die Zeitung aus seiner braunen ledernen Aktenmappe. Die Mappe stellt er zu seinen Füßen unter den Tisch. Zum hundertsten Mal blickt er auf die Empore. Die Empore geht über die ganze Breite des Bierkellers. Rechts liegt die Empore auf der Wand zu der Schänke. Links ist der Boden der Empore durch die Wand des Bierkellers gestützt. In der Mitte sind zwei mächtige Säulen. Die Säulen tragen die Empore, durchbrechen diese und stützen das Dach des Kellers. Hier etwas vor der Empore, pflegt alljährlich am 8.November der Führer auf einem flachen Podest seine Ansprache vor den alten Kämpfern zu halten. Am 09.November.1923 ging es von hier los. Hier war die letzte Besprechung der Putschisten, bevor sie sich an die Spitze der 2000 Faschisten am Rosenheimer Platz setzten um Richtung Kriegsministerium in der Ludwigstraße zu marschieren.
Bei seiner Ansprache stand Hitler näher an der linken Säule. Georg muss kein Statiker sein um zu wissen, dass eine Säule allein die Empore und das Dach nicht stützen kann. Die linke Säule hat sich Georg seit seinem ersten Besuch in Bürgerbräukeller auserkoren.

Er bestellt sich wie immer Würstl und eine Maß dunkles Bier. Er blickt um sich. Wieviele sind heute da? Drei Kellnerinnen, der Schankkellner vor den zwei großen Holzfässern in der Schänke, in der Küche noch ein Koch, oder waren da nicht zwei? Er blickt in die Zeitung, langsam trinkt er seine Maß aus. Die Gäste werden abkassiert. Jetzt ist seine Zeit gekommen. Er bezahlt und packt seine Zeitung ein. Die drei Kellnerinnen behält er im Blick. Zwei sind jetzt in der Schänke bei der Abrechnung. Die Eine, die noch im Gastraum ist, wendet sich einem Gast zu. Jetzt ist der geeignete Augenblick. Georg öffnet die Tür zur Abstellkammer und verschwindet.
Hier wartet er im Dunkeln. Er lauscht um sich. Die Geräusche aus der Gaststube werden immer leiser. Schließlich knallen die Bänke auf die Tische. Georg weiß; am Abend stellen die Kellnerinnen jeweils zu zweit die Bänke kopfüber auf die Tische. Heute geht es schnell, also müssen jetzt mindestens vier Personen im Gastraum mit Aufräumen beschäftigt sein. Gelächter, Verabschiedung, die große Tür kratzt über den Boden, wird verschlossen. Stille. Georg wartet, er summt leise eine Volksweise auf den Lippen und wippt mit dem Fuß im Takt mit. Noch will er warten. Nachdem er eine halbe Stunde keinen Ton mehr hört. Öffnet er die Tür zur Gaststube. Alles ist finster, seine Augen haben sich in seinem Versteck an die Dunkelheit gewöhnt. Er kennt sich aus, nachts im Bürgerbräu, hier war er schon an die zwanzig Mal. Er geht durch den Gastraum, durch die Schänke, durch die Küche, er kontrolliert die Türen und die Toiletten. Er geht harmlos mimend, heute würde man sagen cool. Er hat sich seine Ausrede schon zurechtgelegt. Würde er ertappt, könnte er sagen er sei versehentlich eingeschlossen worden. Jetzt wolle er wieder heraus, mit dieser Ausrede könnte er sogar das Kontrollieren der Fenster und Türen rechtfertigen. Verschlossene Türen sind wichtig für Georg. Käme jemand auf die Idee nachts den Keller zu kontrollieren, würden ihn die Geräusche beim Aufschließen der Türe verraten. Alles ist sicher, die Türen dicht, niemand ist im Gebäude.

Georg breitet seine Zeitung auf den Boden neben der Säule aus. Aus seiner Aktenmappe holt er eine Kerze und zündet sie an. Geschickt entfernt er das quer oben liegende Brett der Holzverkleidung an der Säule. Er ist Schreiner, das kommt ihm jetzt zugute. Er entfernt noch fünf senkrechte Bretter der Verkleidung und legt sie neben der Säule ab. Zum Vorschein kommt auf ca. 1,20 Meter Höhe ein Hohlraum. Er öffnet seine Zeitung und deckt mit den einzelnen Seiten den Boden um die Säule ab. Den Rest der Zeitung rollt er zusammen um sich darauf zu knien. In dem Hohlraum liegt ein kleiner Spitzmeißel und ein kleiner Hammer. Georg greift noch mal in seine Mappe und bringt einen in einem Tuch eingewickelten Flachmeißel hervor. Behutsam stichelt, kratzt und schabt er an der Lücke. Das Loch wird immer größer. Alleine der Zündmechanismus ist über 20 cm hoch.

Georg Elser wohnt in einem Zimmer als Untermieter bei der Familie Lehmann in der Münchner Türkenstraße. Er hat sich als Konstrukteur und Erfinder ausgegeben. Tagsüber bastelt er an seinem Zündmechanismus. In Konstanz arbeitete Georg unter anderem in einer Uhrenfabrik, dort eignete er sich seine feinmechanischen Fähigkeiten an. Der Bürgerbräukeller unterlag in den Tagen vor dem 08.November der Polizei, sondern die SS Leibstandarte Adolf Hitler war für die Sicherung des Kellers und der Veranstaltung zuständig. Am Tag vor der Gedenkveranstaltung wäre es unmöglich einen Sprengsatz zu platzieren. Georg suchte eine Lösung. Im Gegensatz zu heute waren die technischen Mittel 1939 sehr begrenzt. Eine Fernzündung schied aus. Es blieb nur die Mechanik. Georg experimentierte mit Uhrwerken aus handelsüblichen Uhren. Ein solches Uhrwerk allein konnte nur 12 Stunden vor der Zündung eingestellt werden. Erst die Kombination zweier Uhrwerke erlaubte es die Zündung Tage vorher einzustellen. Der Mechanismus löst einen kleinen Hacken, eine Feder schnellt vor, ein Schlitten mit drei Nägeln stößt auf drei Zündplättchen. Die Zündplättchen stammten aus Patronen von Gewehrmunition. Gewehrmunition war leicht zu beschaffen. Die Zünd- und Sprengkapseln zu besorgen waren auch für Georg keine leichte Aufgabe. Er heuerte in einem Steinbruch in Königsbronn an. In Königsbronn war er aufgewachsen. Der Steinbruchbesitzer kannte Georg und gab ihm unter anderen die Aufgabe mit dem Sprengmeister einzelne Steinblöcke aus dem Bruch zu sprengen. Bei dieser Gelegenheit kam Georg zu seinen brisanten Zutaten – den Spreng- und Zündkapseln.
Nach vier Stunden Arbeit auf den Knien fügte der Schreiner die Bretter der Holzverkleidung der Säule wieder ineinander. Zum Abschluss befestigte er wieder das wagrechte Brett auf der Vertäfelung. Sein Werkzeug blieb bis zur nächsten Nacht in dem Hohlraum. Er faltete die ausgebreitete Zeitung mit den Ziegel- und Mörtelresten vorsichtig zusammen und packte den Schutt in seine Mappe. Er bläst die Kerze aus und verschwindet durch ein Fenster in der Küche, das er mit einer Drahtschlinge von außen zuzieht.

Auf dem Weg zurück in die Türkenstraße überdachte er noch mal seinen Fluchtplan. Er wollte in die neutrale Schweiz. Seine Flucht soll ihn über die grüne Grenze bei Konstanz in die Freiheit bringen. Er wäre schon seit Stunden im sicheren Ausland wenn seine Bombe in München im Löwenbräukeller explodiert.
Fünf Tage vor der Veranstaltung versteckt Georg seinen Zündmechanismus in dem Hohlraum. Morgen bringt er die Sprengkapseln aus dem Steinbruch. Er stopft die Ladung in den Hohlraum. Immer wieder lässt er sich im Bürgerbräukeller einschließen und arbeitet heimlich an der Säule.

Am 05.November.1939 öffnet Georg zum letzten Mal die Vertäfelung vor dem Hohlraum. Er nimmt seinen Mechanismus aus der Säule, überprüft zum letzten Mal die Funktion des Schlittens. Er zieht die Uhrwerke noch einmal auf, das leise Ticken beginnt.
In der Türkenstraße packt Georg seine wichtigsten Sachen. Den Plan vom Bürgerbräukeller steckt er in Tasche seines Sakkos. An der Innenseite des Revers hat er sich ein Abzeichen gesteckt. Auf dem Abzeichen ist eine rote nach oben gereckte Faust. Es ist das Abzeichen des Rot-Front-Kämpferbundes der damals wie heute verbotenen KPD. Georg und sein Bruder ist seit Ende der 20iger Jahre Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands. Sein Bruder ist im Konzentrationslager. Georg fährt mit der Bahn nach Konstanz. Irgendwie muss er sich verdächtig verhalten haben. Deutsche Grenzer halten ihn an und durchsuchen ihn. Dabei finden sie die Anstecknadel und den Plan des Bürgerbräukellers. Das reicht um den Schreinergesellen festzusetzen. Obwohl auf dem Plan die präparierte Säule mit einem roten Kreuz markiert ist, schöpft noch Niemand Verdacht und in München geht alles seinen gewohnten Lauf.

Die SS-Leibstandarte Adolf Hitler inspiziert am Nachmittag des 8.November den Bürgerbräukeller. Das leise Ticken hinter der Holzvertäfelung bleibt unbemerkt. Die Posten nehmen Aufstellung. Die ersten alten Kämpfer besetzen die begehrten Plätze gleich bei dem Podest. Bänke und Stühle werden noch in letzter Minute verrückt. Die Veranstaltung läuft. Der letzte Teil ist die Ansprache des Führers. Morgen ist der 9.November, ein wichtiger Tag in der Geschichte der NSDAP. Der Führer muss in Berlin sein. Üblicherweise bleibt Hitler nach seiner Ansprache noch im Bürgerbräukeller im Kreise seiner alten Parteigenossen. In Oberwiesenfeld (heutiger Olympiapark) steht ein Flugzeug bereit, mit dem der Führer noch in der Nacht nach Berlin gebracht werden soll. An diesem Abend, so will es das Schicksal, ist das Wetter schlecht. Es gibt Nebel. Der Flug wird abgesagt.

Die Reichsbahn hält in München und Berlin je einen möblierten Eisenbahnwagon für den Führer und seinen Stab bereit. Der Nachtzug München – Berlin geht planmäßig um 21.31 Uhr vom Münchner Hauptbahnhof ab. Des Führers Salonwagen wird an den Zug angehängt. Um ca. 21.00 Uhr beendet der Führer seine Ansprache. Die Bombe tickt keine drei Meter hinter ihm in ihrem steinernen Versteck. Keiner der Polizisten, in dessen Gewahrsam Georg Elser noch ist, ahnt den Grund für Georgs Unruhe. 21.09 Uhr; Hitler verlässt mit einer handvoll seiner Getreuen den Bürgerbräukeller um mit dem Auto zum Hauptbahnhof zu fahren. Seine Parteifreunde bleiben noch im Bierkeller. 21:20; der Riegel gibt die Feder frei. Der Schlitten mit den Nägeln knallt auf die Zündhütchen. Der Höllenapparat explodiert. Bretter und Holzleisten fliegen durch die Luft. Die Druckwelle zerfetzt die Lungen der am nächsten Stehenden. Die Wucht der Explosion zerreißt mit einem lauten Knall die Säule. Es bleibt nur noch ein Stumpf. Die Empore kracht nach unten. Wie Elser vermutete; die übrigen Säulen können die Decke nicht halten. Der größte Teil der Decke liegt als drei Meter hoher Schuttberg dort wo vor 15 Minuten noch der Führer seine Rede hielt. Die Bilanz: 63 Verletzte, acht Tote. Unter den acht Toten sind sieben ranghohe Parteimitglieder.

Der Bürgerbräukeller nach der Explosion. (Bundesarchiv, Bild 183-E12329 / CC-BY-SA)


Niemand glaubt Elsers Beteuerungen, er sei ein Einzeltäter. Die Gestapo will ihm sogar Verbindungen zum englischen Geheimdienst andichten. Zum Beweis seiner Einzeltäterschaft baut muss er in Haft den Zündmechanismus nachbauen. Hitler ist abergläubisch, er sieht eine Verbindung zwischen sich und seinem Beinahe – Mörder. Nach zahlreichen Verhören wird Elser nicht hingerichtet sondern als „besonderer Häftling des Führers“ in das KL Sachsenhausen überstellt. Auf Befehl des Führers fand nie wieder eine Parteiveranstaltung der NSDAP im Bürgerbräukeller statt. Für die folgenden Bierkellerauftritte des Führers und der NSDAP wurde wieder der Hofbräukeller am Max-Weber-Platz zum Schauplatz. Hier hielt der junge Hitler früher auch schon seine ersten Reden. Viele Deutsche sahen nach dem missglückten Elser-Anschlag in Hitler einen von der Vorsehung beschützten Führer.
Es bleibt die Frage; was wäre wenn? In diesem Fall besonders interessant. Die Liste der Opfer zeigt; wäre die Bombe rechtzeitig explodiert, wäre nicht nur Hitler, sondern auch große Teile des NSDAP – Führungsstabs getötet worden. Ich bin überzeugt; die Geschichte wäre nicht so verlaufen wie sie es ist.
Die Bombe explodiert nicht. Georg Elser hätte den Mund gehalten. Irgendwann wäre das Uhrwerk abgelaufen. Wie lange hätte es gedauert bis jemand Elsers Konstruktion in der Säule entdeckt hätte.


Taxistand „City Hilton“ am Rosenheimer Platz vor dem Hotel.


In einem bestätigte sich die Ahnung des Führers. Schicksalsergeben endete das Leben der Beiden nach sechs Kriegsjahren im gleichen Monat mit einer Kugel im Kopf.
Der größte Feldherr erschoss sich selbst tief unter der Erde im Bunker in Berlin. Der Schreiner wurde durch einen Genickschuss des Lagerkommandanten im KL Dachau hingerichtet.


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1 Kommentare:

  1. Hallo Reinhold.

    Das mit Georg Elser ist bitter. Ich habe im Laufe der Jahre viel über das Thema nachgedacht. Um es "bewerten" zu können, ist es meiner Meinung nach unumgänglich, die Sache in Teilaspekte aufzugliedern. Was das Bombenattentat betrifft, hält sich meine persönliche Euphorie in Grenzen, so "spektakulär" und logistisch beeindruckend das gesamte Vorhaben unbestrittener Weise auch sein mag. Selbst ein erfolgreiches Attentat auf Hitler hätte meines Erachtens die Dinge nicht zwangsläufig zum Besseren gewendet. Was ich Elser hoch anrechne, ist die Bereitschaft, persönliche Konsequenzen aus seinen Beobachtungen der Marschierrichtung der Nazis zu ziehen. Doch: Diese Nazis wurden von einem nicht unerklecklichen Teil der damaligen deutschen Bevölkerung in ihrem Tun getragen! Jeder erinnert sich an die fratzenartigen, vor Begeisterung schier durchdrehenden Gesichter der Leute, die den in der Limousine vorbeifahrenden Hitler bejubelten. Bei SEHR vielen dieser Personen war das authentisch. Und mit dieser Besessenheit denunzierten sie dann auch Juden aus ihrer Nachbarschaft, oder die sogenannten "Wehrkraftzersetzer", die es wagten, nicht 100% hinter den Ideen der Faschisten zu stehen. All das hätte eine Bombe nicht kuriert. So etwas geschieht nur durch mühsame, langwierige Wandlung. Wären hingegen all die Deutschen, die schon Jahre zuvor bemerkten, wes Geistes Kind diese Nazis waren (an Indikatoren mangelte es fürwahr nicht) ähnlich konsequent wie Elser gewesen, und hätten sich den Plänen der Nationalsozialisten in den Weg gestellt, wäre es womöglich zu diesen grotesken Auswüchsen gar nicht erst gekommen. In diesem frühen Stadium wären auch Bomben möglicherweise gar nicht notwendig gewesen - das schlichte Aussprechen der Wahrheit hätte unter Umständen schon gereicht. Es ist sehr schade, daß auf dem Kontext der Geschehnisse einer wie Elser in einem Konzentrationslager landet, und ermordet wird. Aber gegen die großen Strömungen der damaligen Zeit hätte er als Kämpfer keine Chance gehabt.

    Gruß, Christian

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