Da sitzt er jetzt in meinem Taxi neben mir. Nennen wir ihn Hasan aus Saudi Arabien. Seine Frau, seine drei Töchter und sein Sohn hinter uns auf den Sitzbänken.
Morgen will er nach:
“Du-weißt-schon-wohin-45-Minuten-von-München-entfernt-es-beginnt-mit-Double-u“.
Er war schon vor einem halben Jahr hier. Hat sich den Namen des Ortes nicht gemerkt und auch nicht aufgeschrieben, ist ihm aber auch egal, weil “ I know the area.“; wie er von sich sagt. Das Rätselraten beginnt. Welche Richtung? Liegt es an einem See?
Ich finde heraus, er meint Bad Wiessee. Wo er denn da hinwolle?
“In ein Krankenhaus“
“In welches denn?“
“Das weiß ich nicht, aber I-know-the-area und das kennt dort jeder!
Also gut am nächsten Tag bin ich zur verabredeten Zeit vor dem Hotel. Die Familie erwartet mich schon und steigt zu. Auf dem mittleren Ring überholen wir einen viertürigen Smart. Hasan schaut interessiert. Das Auto gefällt ihm. Ich kann ihm erklären, dass es eine Gemeinschaftsproduktion von Mercedes und dem Schweizer Uhrenhersteller Swatch ist. Die Kombination Deutschland – Schweiz scheint ihm zu imponieren und er beauftragt mich, mich über den Preis zu erkundigen. Er sagt; 200, 300 … bis 1000 Stück. Er will die in den gesamten Golfstaaten diese Fahrzeuge vertreiben. Dort seien die unbekannt.
“Franchise!“ tönt es zur Erläuterung von hinten aus dem Fahrgastraum. Man darf sich nicht von der Höhe der zu erwartenden Provisionen blenden lassen. Ich kenne einen ehemaligen Taxifahrer der sehr gut mit der Klientel verdient. Er vermittelt medizinische Dienstleistungen in Deutschland. Die Ärzte und die Kliniken bezahlen gut und gerne bis zu 10% bei erfolgreicher Vermittlung einer Operation oder Behandlung. Sein Mercedes ist schon seit Jahren nicht mehr hellelfenbeinweiß.
Oft, nicht immer, ist das in Aussicht gestellte Geschäft nur unreflektiertes Geschwätz. Das ist kein Vorurteil, sondern oftmals bestätigter Usus. Unsere Gäste meinen es nicht mal böse. Aber wer sein Leben lang nicht zielorientiert handeln musste, ist eher dazu geneigt, aus der Hüfte zu schießen.
Nein; beschließe ich. Bevor ich mich im Smartcenter blamiere, muss ich Hasan noch näher kennenlernen. Ich werde dazu noch Gelegenheit bekommen.
Bevor wir Bad Wiessee erreichen müssen wir die Gemeinde Gmund durchqueren. Die Diakonie veranstaltet einen Flohmarkt. Ein kleines Bierzelt ist aufgebaut. Auf einem Grill bruzzeln Bratwürste. Es gibt einen großen Büchertisch, an Kleiderständern ist gebrauchte Kleidung ausgehängt. Wir bleiben stehen. Hasan ist neugierig. Er will sich das Angebot anschauen. Er kauft sich für zwei Euro einen Hut und setzt ihn gleich auf. Alle finden die Farbe des Hutes passt gut zu seiner Jacke. Ein Verkäufer sagt im Keller gäbe es noch weitere Kleidungsstücke. Ich soll den Rest seiner Familie aus dem Taxi holen. Hasan will hier etwas trinken. Ich finde Hasan im Keller der Diakonie. Das ist das Interessante an unserem Job. Ich hätte vor zwei Stunden nicht im Traum daran gedacht, dass ich zwischen Heizungsrohren im Keller einer katholischen Einrichtung am Tegernsee mit einem Araber Trachtenjanker inspiziere. Hasan kauft keinen Trachtenjanker, obwohl der genauso gut zu seinem neuen Hut gepasst hätte, wie seine Jacke, die er jetzt anhat.
Es ist nicht mehr weit nach Bad Wiessee. Als wir durch die Ortschaft fahren, kann sich Mister-I-know-the-area nicht mehr erinnern wo das Krankenhaus ist. Ich schaue in meinem Telefon. Es gibt hier in der Nähe fünf Kliniken oder Medical-Center. Ich fahre zu dem, das am nächsten liegt. 10 Minuten später stehen wir vor dem Komplex. Hasan weiß nicht mehr ob es das ist, das er meint. Ob es noch einen anderen Eingang gibt? Gibt es nicht. Ich kann ihn trösten, wir haben nur noch vier Adressen. Die zweite ist es dann auch. Das St. – Hubertus Medical Center. Hasan kommt nach einer halben Stunde wieder heraus und hat Zettel mit drei unvollständigen Adressen in der Hand. Einmal fehlt die Hausnummer, einmal der Ort … Die Schrift auf den Zettel ist flüssig und geübt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Hasan die lateinischen Buchstaben in dieser Art geschrieben hat. Also kann ich ins Krankenhaus gehen, den Autor des Zettels ausfindig machen und die Adressen ergänzen. Hasan meint, das wäre typisch deutsch und nicht nötig, weil er ja die Area kennt, und im Übrigen schon mal da war.
Bevor wir die erste Adresse aufsuchen, rufe ich an um uns zu avisieren. Wir können kommen. Ich fahre durch ein Wohngebiet in der Nachbarortschaft. Auf der Suche nach der Hausnummer fahre ich die Straße rauf und runter, immer an einem bestimmten Haus vorbei. Diesmal fahre ich ganz langsam und achte auf jede noch so versteckte Hausnummer. Ich fahre fast an dem Haus vorbei. Setze zurück und fahre durch das Tor. Als wir über die Einfahrt fahren, meint Hasan:
„Hier ist es!“
Von dort geht es dann zu einer Zahnarztpraxis. Davor stellen wir fest, was ich schon auf der Fahrt dorthin erwähnt habe. Es ist niemand da am Samstagnachmittag. Ich werde am Montag versuchen einen Termin für Hasan zu bekommen und ihn dann hierher bringen. Ich werde mir für solche Fälle in Zukunft Adressen von geneigten Zahnärzten, Ärzten, Immobilienverkäufern … zurechtlegen. Hasan beschließt jetzt zu Essen. Wir wollen in ein Restaurant gehen, dass er von seinem letzten Aufenthalt im Winter kennt. Er kennt weder Adresse noch Namen, aber kein Problem, denn “ I-know-the-area und das kennt hier jeder!“. Einen Anhaltspunkt haben wir: Es soll ein Spezialitätenrestaurant für Ente und Gazelle sein. Gazelle? Gazelle, ganz sicher!? Ja, Gazelle! Ich lasse mir den Namen des Tieres, das er meint auf englisch aufschreiben, lasse es mir mit LeoDictionary übersetzen. Vergewissere mich noch mal; das Tier in Afrika? Ich zeige ihm ein Video auf dem man mich mit einem Reh sieht. Nein, das meint er nicht. Gazelle soll es sein, und ich muss es unbedingt probieren. Nun gut, wenn er glaubt ich würde es nicht kennen und er so darauf besteht machen wir uns auf die Suche. Es gibt ja Spezialitätenrestaurants aus aller Herren Länder. Ich kenne alleine in München aus dem Stehgreif vier afrikanische Restaurants. Könnte ja sein, dass es in Bad Wiessee auch so ein Lokal gibt. Das Internet verrät nichts. Soll aber kein Problem sein, den Hasan kennt ja die Area. Wir fahren die Hauptstrasse entlang und wieder zurück. Ich soll fragen, schließlich kennt das hier jeder. Ich schäme mich. Trotzdem frage ich in anderen Gaststätten, Zeitungsladen und Cafés. Eine Kellnerin verweist mich auf den Seegarten. Obwohl sie sich nicht vorstellen kann, dass dort jemals Gazelle auf der Karte stand. Von einem Zeitungshändler erfahre ich, dass der Wirt XXX, der bis zum 1.Januar das Lokal XXX hatte in Afrika war. Jetzt wäre er Chefkoch im Hotel XXX in einem anderen Ort am Tegernsee. Hasan und ich fragen uns durch. Ich beobachte, wie Hasan in den Seegarten geht. Ich frage inzwischen erfolglos in einer Eisdiele. Hasan und ich treffen uns am Taxi. Wir fahren um die Ecke. Nach dem Aussteigen deutet er auf den Seegarten und meint ich solle da fragen. Als ich ihm sage, dass er dort vor 5 Minuten herausgekommen ist, will er mir nicht glauben. Ich will ihn nicht enttäuschen und so fragen wir beide dort ein zweites Mal. Natürlich gibt es dort keine Gazelle. Hasan, der die Area kennt, (ich beginne mich zu fragen, welche?) will zu Fuß suchen wir sollen ihm mit dem Taxi folgen. Langsam habe ich die Faxen dick. Wenn ausgerechnet der, der die Sprache nicht beherrscht und keine Orientierung hat die Führung übernimmt. Die Familie im Taxi hat wohl gespürt, dass hier gleich eine Bombe hochgeht. Wir sollen an den See fahren, Hasan lassen wir laufen. Sie werden es wohl wissen. Wir machen ein paar Fotos und setzen uns ans Ufer. Ich glaube die Frau und die Mädchen mit den Kopftüchern haben mehr (Ver-) Abstand zu dem was hier passiert. Nur wie finden wir jetzt wieder unseren Hasan? Wir stellen uns mit dem Taxi einfach in die Ortsmitte, da wird er uns schon sehen, früher oder später – Inschallah! Diese Ruhe und Gelassenheit möchte ich haben. Ich will Hasan trotzdem suchen. Eine Bäuerin treibt ihre Kühe über die Strasse. Dort vorne steht Hasan auf dem Gehsteig. Ich bleibe neben ihm stehen, er steigt zu. Er präsentiert mir einen Zettel mit Brauereiwerbung. Darauf steht – Seegarten-. Ich frage ihn, ob wir ein drittes Mal dort fragen wollen. Wütend zerknüllt er den Zettel und wirft ihn aus dem Fenster. Er will, dass wir parken und Alle zu Fuß suchen. Ich soll fragen, fragen, fragen. Wir stehen vor dem Seegarten. Seiner Frau entfährt die einzig vernünftige Frage:
“What is wrong with this?”
Nichts! Also rein da, und a Ruah is! Als wir in der Gaststube sitzen, stellt Hasan fest, dass ist genau das Lokal in dem er im Winter war. Ich kann mich kaum zurückhalten meinen Kopf auf die Tischkante zu schlagen. Und die Gazelle war auch keine Gazelle sondern doch ein Reh! Zur Zeit ist aber keine Wildsaison. Beim Jagen ist jetzt Rehzeit, in Deutschland isst man aber gerne Wild erst im Herbst. Hasan muss sich dann mit seiner zweiten Wahl, einer viertel Ente, begnügen. Der Kartoffelknödel und das Blaukraut wird nur gekostet und ansonsten nicht angerührt.
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Ich vermute, der Herr Hasan findet in seiner Heimat jedes Haus wieder. Wenn man erst mal weiß, welche Oase es ist, bleibt nicht mehr viel Auswahl.
AntwortenLöschen... was macht man nicht alles für das liebe Geld ...
AntwortenLöschen:D :D :D
"Das ist das Interessante an unserem Job. Ich hätte vor zwei Stunden nicht im Traum daran gedacht, dass ich zwischen Heizungsrohren im Keller einer katholischen Einrichtung am Tegernsee mit einem Araber Trachtenjanker inspiziere."
AntwortenLöschenAmen dazu. An dem Satz alleine könnte man ein ganzes Buch aufhängen.
@ Bernd
AntwortenLöschenDa kommen dann noch die Zelte dazu. Die stehen diese Woche hier, die nächste Woche dort, dazwischen sind sie weg. Der arme Efendi Hasan wird dann den ganzen Tag zwischen fünf Häusern und acht Zelten umherirren. Die Zeit braucht er auch, wenn er dreimal im gleichen Zelt nachfragt. Mir tut aber dann nur der Taxifahrer / Karawanenführer leid, der dort ein Restaurant suchen muss, dessen Spezialität Hirsch ist. Hirsch? Wirklich Hirsch?! Ja, Hirsch! :-) Diese Woche mache ich ja einen Zahnarzttermin für Hasan. Es gibt also Neuigkeiten.
@ Trixx
Alles eine Frage des Preises. Aber selbst da stelle ich mich zu dumm an. Ich bin viel zu günstig, dabei fühle ich mich billig.
@ Christian
Deshalb bin ich schon zwanzig Jahre dabei. Ein Auge lacht, das andere weint