Freitag, 8. Juli 2011

Gärten in 1001 Nacht

Hasan kommt aus dem Hotel und begrüßt mich freundlich. Eine seiner ersten Fragen war:

“Hast du einen Termin beim Zahnarzt gemacht“

„Wenn du mir sagst bei wem, kann ich dir einen Termin machen.“

Hasan kennt seinen Zahnarzt immer noch nicht, wahrscheinlich ist ihm übernacht klar geworden, dass er ihn in Bad Wiessee auch nicht finden wird obwohl er die area und den Zahnarzt dort jeder kennt. Ich soll mal bei dem Arzt Dr. #1 anrufen, bei dem wir uns vorgestern und gestern schon blamiert haben. Also gut ich rufe an und will nun doch einen Termin. Mit welchem Arzt #1,#2 oder #3 sei egal.

„Wann bräuchte Ihr Kunde den Termin?“

„Jetzt, in 45 Minuten wären wir da. „

„ Hat er den Schmerzen? „

„Nein. Er will nur mal nachschauen lassen was gemacht werden muss – bei drei oder vier Leuten – soviel wie Sie reinpacken können.“
Spätestens jetzt ist mir das Telefonat peinlich. Ich entschuldige mich bei der Mitarbeiterin für meine Aufdringlichkeit und spreche deutlich mit Hasan. In ungewohnter Offenheit sage ich ihm, dass er sich überhaupt nicht auskennt, auch nicht in der area, schon gar nicht weiß wie er zu seinem Zahnarzt kommt. Das er es fertigbringt wegen seiner Unfähigkeit Wellen vom Alpenvorland bis nach Berlin zu schlagen. Zur Versöhnung biete ich ihm an etwas zu zeigen oder jetzt die Geschäftsbeziehung abzubrechen. Er will bleiben, miemt aber noch 10 Minuten den Beleidigten. Ich bin im Norden Münchens, das Wetter ist schön. Ich denke mir schnell ein vier Stunden Programm aus. Wir starten in der BMW Welt, BMW Museum, Olympiapark. Ich will ihm die KZ Gedenkstätte zeigen. Ich frage in die Runde. Seine Kinder sind sehr interessiert. Jeder hat schon mal was davon gehört. Auf dem Weg nach Dachau kommen wir durch Karlsfeld. In Karlsfeld gibt es ein großes Werk der MAN AG. Seit kurzem gibt es auch ein Truck und Coach Forum. Ich drehe auf dem Vorplatz eine Runde und erzähle kurz etwas zu der Maschinenbaufirma. Hasan deutet auf einen Platz neben dem Showroom für LKWs. Auf dem Platz stehen mindestens 250 LKW. Es gibt dort 7,5 Tonner, 12 Tonner, 20 Tonner, … Es gibt Kipper, es gibt Absetzcontainer, es gibt Sattelzugmaschienen, … Es gibt Dreiachser oder Vierachser ….

“Wieviel kostet so ein Fahrzeug?“

Ich produziere nun meinerseits heiße Luft und antworte wie aus der Pistole geschossen:
“110.000 €.“

“Das ist teuer! Was kosten die gebraucht?“

“60.000 €.“

Hasan ist zufrieden. Das ganze erinnert mich an seine Frage nach dem viertürigen Smart -> an unserem ersten Tag. Ich freue mich, es scheint ich habe einen kleinen Einblick in die arabische Mentalität gewonnen. Eine halbe Stunde später stehen wir vor dem Eingangstor zum Konzentrationslager. Eine seiner Töchter erkennt den schmiedeeisenen Schriftzug ARBEIT MACHT FREI . Der ist wohl auch auf den Fotos der arabischen Schulbücher abgedruckt. Es sind überraschend viele Touristen auf dem Gelände. Wir sind erkennbar die einzige arabische Gruppe. Tatsächlich findet mein Programm Gefallen. Das stimmt mich milde. Die beiden Eltern, ansonsten etwas ungeduldig, halten in der Hitze tapfer durch und gehen bis ans andere Ende zu den Krematorien. Wieder im Auto stelle ich meinen zweiten Programmpunkt in Dachau vor. Wir werden jetzt wo hingehen wo es die feinsten, hausgemachten Kuchen und Torten gibt – ins Dachauer Schloss. In 10 Minuten sind wir da. Schon aus dem Taxi bewundern Sie den Überblick über München. Ich muss noch einen Parkschein lösen meine Gäste sind schon an der Brüstung du sehen sich satt. Ich hole mein -> Fernglas aus dem Kofferraum. Jeder möchte mal durchschauen.
Jetzt wollen alle ins Café. Sie haben schon gefragt wo es ist. Ich aber bin unerbittlich. Zuerst der Garten.
Gleich am Anfang des Gartens ist ein Laubengang aus Linden. Angenehmer Schatten in dieser Hitze. Die Rosen in den Beeten duften. Ich kann förmlich spüren; jetzt habe ich den Geschmack getroffen. Hasan meint:

“ A marvelous Place!“


So etwas habe ich während der letzten Tage nicht von ihm gehört. Ich wollte ihm nur zeigen, dass es sich auszahlt, wenn man mir die Führung überlässt. Wir bestellen Kaffee und Kuchen, d.h. ich versuche herauszufinden was jeder will und gebe dann die Order weiter. Hasan will für seine Frau und sich:

„ Earl Grey Tea, short and strong with hot milk!”

Ich bestelle genau so einen Tee. Bekomme aber mit wie die Order:

“Zweimal schwarzer Tee!“

in die Küche weitergegeben wird.

“Stopp!“, gehe ich dazwischen und kläre Hasan auf , “Ich denke hier gibt es keinen Earl Grey Tee.“

Hasan ändert seine Bestellung für ihn, Milchkaffee, und für seine Frau Darjeling ( Den konnte das Kaffee auftreiben). An der Kuchentafel zeigt er mir Fotos von seinen drei Söhnen, die jetzt nicht dabei sind. Die jungen Männer auf den Fotos haben alle das typische weiße Kopftuch auf. Auf dem Kopftuch ist dieser schwere, schwarze, doppelt gewundene Ring um das Verrutschen zu verhindern. Alle drei Söhne sind in goldgefasste rote Mäntel gehüllt. Fast wie Könige. Sehr beeindruckend. Ich beobachte Hasan wie er kopfschüttelnd mit einem kleinen Löffel seine aufgeschäumte Milch von seinem Milchkaffe abschöpft. Ich versuche ihn zu verstehen, warum er soviel Wirbel verbreitet. Vielleicht steckt Unsicherheit dahinter, denn so ist er der Einzige, der in dem von ihm verursachten Chaos den Überblick behält. Mein kulturelles Interesse ist geweckt.
Der dritte Programmpunkt; das Schloss Nymphenburg findet nur unter der Prämisse Zuspruch, dass wir nicht aus dem Auto aussteigen. So drehe ich nur meine Runde über das nördliche Schloßrondell.
Jetzt ist es ihnen genug, es wird Zeit zum Shopping. Shopping muß sein, täglich. Exklusives Shopping in München bedeutet Maximilianstraße. Wir also über die Arnulfstraße Richtung Innenstadt. Arnulfstrasse / Donnersberger Brücke, die Mercedes-Benz Niederlassung mit dem größten Schaufenster Europas. Hasan blickt auf die 70 Autos in der Auslage und fragt:

“Wieviel kostet so ein Auto?“

Ich antworte routiniert: “55.000 €“

“Das ist teuer!“

An der nächsten roten Ampel zücke ich mein Handy. Auf mobile.de tippe ich auf den ersten Mercedes der im Display erscheint. Ich zeige ihm das Bild und sage.

“In Nürnberg gibt es einen für 40.000 €.“

Hasan meint:

„Der in Düsseldorf ist billiger, 25.000 €.“

Ich nicke bestätigend und freue mich, schön langsam komme ich hinter die Mentalität. Man darf das alles nicht so ernst nehmen. Hauptsache wir reden über Geschäfte, dann sind alle zufrieden. Hasan und seine Familie setze ich in der Maximilianstrasse ab. Das Shopping wartet.
Ich stelle mich an den Taxistand Max-Joseph-Platz, gleich vor der Oper. Auf mich kommen drei schwarz verschleierte Damen zu. Jede hat ein Kind im Kinderwagen. Ich hole die Sitzerhöhungen und den Kindersitz aus dem Kofferraum und verstaue dort die Kinderwägen. Als Adresse nennen mir die Drei von denen ich nur die Augen sehen kann.

“Reitmoorstraße 845“

(Die Reitmoorstrasse ist eine 300 Meter lange Strasse im Münchener Stadtteil Lehel. Die höchste Hausnummer bei der ich in München jemals war, war die Hausnummer 660.)

„Wirklich 8-4-5 ?“

„ Yes, eight fourty five!“

Ich atme einmal tief ein und wieder aus, wende das Taxi und fahre Richtung Lehel...

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