… in Hattenhofen; steht heute auf dem Ausbildungsplan unseres Jagdkurses. Nach den Unterrichtsabenden mit den Themen Waffentheorie und Waffenhandhabung, nach dem Laserschießen im Schießkino soll es jetzt ernst werden. Mit Büchsen und Flinten sollen wir auf Zielscheiben und Wurfscheiben
(Tontauben) schießen.
Hattenhofen liegt nordwestlich von Fürstenfeldbruck. Da passt es genau, dass ich um 8.45 Uhr eine Fahrt nach Gilching habe. Robert ist mit der S-Bahn schon vorgefahren und wartet auf dem Mammendorfer Bahnhofsplatz. Sonst fahren wir immer zu zweit zu unseren jagdlichen Auswärtsterminen. Heute aber habe ich eine Fahrt nach Gilching. Um 8.45 Uhr muss ich unsere Kunden im Hotel in der Hochstrasse abholen. Wir fahren für eine Organisation „under the Authority of Queen Elizabeth II“. Meine deutschen Fahrgäste bemühen sich erfolgreich um very british english und fragen bei den Briten mehrmals nach um den Satz auch bis ins detailierteste grammatisch und phonetisch korrekt auszusprechen. Mein Englisch ist mir peinlich, ich halte besser den Mund.
Als ich sie am Anfang zur Eile drängte, fragten sie mich wohin ich den müsste. Ich antwortete:
“Zur Jagdschule!“ Der Kommentar der Briten, obwohl nach eigenen Aussagen waren sie allesamt Fleischesser, war:
„Killing animals!“ In Gilching entlasse ich die Engländer in ihre Aufgabe. Ich folge dem Navi und brause über Feld und Flur. Robert wird alle 10 Minuten über den Zeitpunkt meines Eintreffens informiert. Auf dem Bahnhofsplatz steigt er zu und ab geht’s in den Jagdparcour nach Hattenhofen. Auf dem Parkplatz erkennen wir schon einzelne Autos unserer Jagdfreude. Zuerst gehen wir zum Büchsenstand. In zwei Kabinen steht jeweils ein Ausbilder mit einer Büchse bereit. Durch ein Fenster in der Kabinentür können wir das Schießen beobachten. Jeder einzelne Schütze bleibt für vier Schuss ca. 15 Minuten in der Kabine. Die Funktion des Gewehres wird ausführlich erklärt. Danach folgen zwei Schüsse aufgelegt und zwei weitere angestrichen
(d.h. angelehnt an einen senkrechten Stab) . Vor uns steht noch eine lange Reihe und wir entscheiden uns zuerst zum Flintenschießen zu gehen.
Mit der Flinte schießen wir zehn Schuss Trap. Die orangefarbenen Wurfscheiben werden direkt vier Meter vor dem Schützen mit einer Geschwindigkeit von 7m/sec. Aus dem Bunker geschleudert. Jedem wird zuerst eine Flinte mit dem passenden Schaft angepasst. Ich bekomme die Flinte mit dem längsten Schaft. Als wir an der Reihe sind, kommt Robert vor mir dran. Er trifft! Zehn Schuss, zehn Treffer, zehnmal zerspringt die tönerne Scheibe. Ich komme auf kein so gutes Ergebnis. Ich zögere zu lange, die Scheibe senkt sich schon bis ich abdrücke. So komme ich auf nur vier Treffer.
Zurück beim Büchsenstand wird endlich eine Kabine frei. Ich betrete das enge Kämmerlein. Der Ausbilder entdeckt ein Blatt auf meiner Schulter, greift zu um es zu entfernen, ich weiche zurück. Patsch! Das Gewehr fällt mit lautem Knall auf dem Boden. Der Ausbilder schnappt sich die Büchse um einen Probeschuss zu machen. Er klebt einen weißen Punkt auf das Zentrum der Rehscheibe und lässt sie an das Ende des Schießstandes sausen. Er zielt genau und schießt zweimal. Mit Spannung erwarten wir die Scheibe, die an dem Drahtgestell zu uns zurückkommt. Die zwei Treffer sind oben an der linken Ecke der Scheibe. Ich möchte vor Scham im Boden versinken. Ausgerechnet bei mir! Der Ausbilder öffnet die Türe.
„Jetzt kann ich Feierabend machen.“ Neugierige Blicke treffen uns, mein Kopf wird heiß und rot vor Scham. Trotzdem holt er aber den Büchsenmachermeister zu Hilfe. Der Büchsenmacher kommt, begutachtet die Treffer der Scheibe, hantiert an der Optik und verschwindet wieder in seiner Werkstatt.
Der Ausbilder versucht zwei Probeschüsse. Sie gelingen! Ich bin sichtlich erleichtert. Jetzt bin ich an der Reihe. Zwei Schuss auf die 100 Meter entfernte Rehscheibe aufgelegt. Die Patrone in das Patronenlager. Repetieren, entsichern, stechen. Ganz ruhig blicke ich durch das Zielfernrohr und schieße. Nach den beiden Aufgelegten noch die zwei Angestrichenen. Die Scheibe wird herangefahren. Ich habe einen Ausreißer der nicht mal mehr im Feld ist. Aber die drei anderen. Schön in der 10 und in einem Kreis mit 5 cm Durchmesser. Der Ausbilder klopft mir auf die Schulter, die ganze Anspannung ist vorbei. Aus Scham wird ein bisschen Stolz und Freude.

Robert ist inzwischen auch fertig und wir wollen uns noch mal an der Flinte versuchen. Als wir hinten am Trap – Stand sind, sind wir die beiden Letzten die heute von unserer Gruppe noch drankommen. Robert von seinem Ergebnis beflügelt will seine zehn Tauben aus dem Jagdanschlag heraus beschießen. Ihm gelingen 9 von 10 Treffern. Ich traue mir den Jagdanschlag noch nicht zu und selbst aus dem Voranschlag gelingen mir nur sieben Treffer.
Mich befriedigt aber trotzdem die Steigerung im Vergleich zum ersten Durchgang.
Der Ausbildungstag ist zu Ende und wir verabschieden uns auf dem Parkplatz. Auf dem Nachhauseweg suchen wir ein kleines Gasthaus und fahren biegen von der Strecke ab. In Puch finden wir den Unterwirt, auf der Karte finden wir Wildschweinbraten. Unser letzter Wildschweinbraten ist schon lange her und wir sind neugierig wie den das Tier überhaupt schmeckt, dass uns während der letzten Monate beschäftigte. Der Braten schmeckt angenehm mild, nicht so wildig, wie wir uns das ausgemalt haben. Wir mutmaßen; wurde das Fleisch vielleicht in Wein oder Sauerrahm eingelegt? Bei der Zigarette hinter dem Haus läuft uns der Koch über den Weg. Wir fragen, er verneint. Es freut ihm, dass es uns geschmeckt hat, aber er hat das Fleisch nicht eingelegt. Er hat sein eigenes Rezept wie und mit welcher Hitze er dass Fleisch brät und es soll auch sein eigenes bleiben.
Satt, aufgewärmt und hochmotiviert, verfolgen wir Roberts Idee. Wir wollen zurück zum Schießstand. Wir haben noch nicht genug. Zum zweiten Mal fahren wir auf den Parkplatz der Schießanlage. Im Büro kauft sich jeder 20 Tauben. Mit Flinte und Munitionsschachtel machen wir uns auf den Weg zum Schießstand. Der Flintenmann erwartet uns schon. Diesmal ist es der Stand für Erwachsene. Die Wurfscheiben werden von 15 Meter hohen Türmen mit rasanter Geschwindigkeit geschleudert. Sie sind auch nicht mehr orange, sonder schwarz. Die Tonscheiben surren über unseren Köpfen, trotz Voranschlag pumpe ich nur die Luft voller Bleischrot. Der Flintenmann, ein wahrer Profi, seit 1974 Club-Mitglied und seit 15 Jahren am Schießstand, lugt mit einem Auge auf uns Schützen und mit dem anderen auf die Schrotgarbe. Nach jedem Schuss sagt er an ob wir zu hoch, tief, vorne oder hinten waren. Immerhin gelingen mir ein paar Treffer. Er bemerkt unsere Enttäuschung. Wir sind geknickt wie die Rottweil – Bockflinte in unserer Hand.
“Für den ersten Tag war es ganz passabel.“;tröstet er uns erfolgreich. 250 Flintenschüsse müssen wir im Rahmen unserer Jägerausbildung nachweisen, heute haben wir 40 gemacht. Wir wissen dass es bei uns nicht bei 250 Schüssen bleiben wird.