Ich habe öfter auf den Rücksitzen meines Taxis Wasser in kleinen Flaschen, Erdnüsse, Schokolade oder Bonbons für meine Fahrgäste ausgelegt. Besonders nach langen Flügen, kann man den durstigen Gästen mit einem Schluck Wasser sehr entgegen. Auch wenn man damit nicht immer Stammgäste gewinnt, schafft es eine angenehme Atmosphäre während der Fahrt und es ist etwas, das es in der U-, S-Bahn, Tram oder Bus nicht (kostenlos) gibt. Auch die Raucher kann ich so mit Kauen trösten.
Über einen längeren Zeitraum betrachtet hat sich dieser Service auch für mich bezahlt gemacht. Aber nach den Fahrgästen, die ich gestern hatte, habe ich zumindest eine Stunde gezweifelt ob ich das noch weiterhin anbieten soll.
Datenfunkauftrag – 5 Personen, zweimal Kindersitz Klasse 2. Ich fahre zur Adresse. Drei Frauen und zwei Kinder steigen ein. Ich bin noch nicht an der nächsten Ampel. Ratsch – Die erste Erdnusstüte ist offen und eine Handvoll Nüsse auf den Bänken und auf dem Boden verstreut. Am Ziel angekommen, von der Dachauerstrasse Anfang in die Stupfstrasse, stehen 9,10 € auf der Uhr. Ich bekomme 10,- €. Die Fahrgäste warten geduldig auf die 90 Cent Wechselgeld. Ich bin beim Aussteigen behilflich und räume den ersten Kindersitz zurück in den Kofferraum. Eine Frau mit ihrer Tochter bleibt noch sitzen. Es entsteht ein lautstarker Streit auf arabisch zwischen den Fahrgästen. Die eine Frau will nun doch nicht bei den ersten Fahrgästen bleiben. Das Kind beginnt jetzt auch noch zu schreien, es wollte ja noch so gerne mit der neuen Freundin spielen. Die Uhr ist ausgeschaltet und der Zirkus dauert jetzt schon 10 Minuten. Die Autos drängen sich in der engen Strasse an uns vorbei.
Schließlich will die noch im Auto sitzengebliebene Dame beleidigt, dass ich sie und ihre Tochter zurück zum Hauptbahnhof bringe. In der Arnulfstrasse ordne ich mich an der Ampel auf der linken Spur ein, um geradeaus zum Bahnhof zu fahren. Nein jetzt heißt das Fahrtziel plötzlich: Schwanthalerstrasse! Also über die ganze Strassenbreite um nach rechts durch die Paul-Heyse-Unterführung zu kommen. Die Schwanthalerstrasse liegt nach 500 Metern quer vor uns. Nach Links ist das Abbiegen verboten. Ich frage:“Schwanthaler; links oder rechts?“. Ich hätte gar nicht fragen sollen. Natürlich – Links. Ich biege trotzdem ab. Ich will möglichst schnell meine Ruhe. Endlich angekommen stehen 9,70 € auf der Uhr (Taxameter). Bezahlt wird wieder blank. Ich schließe die hintere Schiebetüre und stelle fest, dass meine Fahrgäste sämtliche Nüsse, Süßigkeiten und Wasserflaschen mitgenommen haben. In diesen Momenten frage ich ob ich zu gut oder zu dumm für die Welt bin.
Ich habe nach der ersten Wut beim Schreiben dieses Beitrags überlegt ob ich diesen Service weiter anbieten will. Ich bin zu dem Schluss gekommen: ja, ich werde weitermachen.
Ich sitze am Taxistand in der Stadt im Taxi den Laptop auf den Knien, um 14:20 Uhr landet ein Flugzeug mit meinen Fahrgästen für eine Fahrt zurück in die Stadt. Es ist 12:50 Uhr und ich hoffe noch einen Stich (besetzte Fahrt) zu bekommen. Anderseits müsste ich leer vom Standplatz wegfahren und ich hätte umsonst gewartet. Ich will eine Zigarette rauchen und steige um mich vor mein Taxi zu stellen. Es kommt ein junger Holländer, der es eilig zu haben scheint, die Auffahrt herauf, sieht mich und fragt; ob ich weiß wo er ein Taxi bekommen kann. Ich deute auf mich und mein Taxi. Er ist sichtlich erleichtert und nennt das Ziel. Zum Flughafen. Besser kann es gar nicht passen. Jetzt bin ich 20 Minuten vor der Ankunft meiner Maschine am Flughafen und kann den Post noch fertig schreiben. Obwohl ich nichts mit Esoterik und schon gar nichts mit Religion am Hut habe, denke ich mir das ist die Belohnung für meinen Entschluss weiter Wasser und Snacks anzubieten. Während der 19 Jahre die ich als Taxler unterwegs bin, und den 10.000 Gesprächen mit Menschen aus aller Herren Länder und sozialen Schichten, gibt es immer wieder solche Situationen, die mich zum Nachdenken anregen. Ich sitze dann für 5 Minuten hinter dem Steuer und denke nach. Irgendwie ist es schon so: Wer gibt dem wird gegeben, und wer nimmt dem wird genommen.