Dienstag, 19. Oktober 2010

Süddeutsche

Sie ist tatsächlich erschienen, eine Reportage mit mir über die Münchener Taxifahrer während des Oktoberfestes. Eine halbe Seite in der Süddeutschen am Freitag, den 1.Oktober. Der Redakteur Tobias Dorfner begleitete mich eine halbe Nacht im Taxi und unterhielt sich mit den Fahrgästen. Der Artikel liegt schwarz auf weiß vor mich und mich freut, dass wir Taxifahrer gut dabei wegkommen.
Der Zeitungsartikel ist etwas anders als in der online Ausgabe, deswegen und um meiner Eitelkeit zu frönen, hier der Artikel von Tobias Dorfner in der SZ vom 01.10.2010:


Rausch und rein
Sind sie zu beneiden, die Wiesn-Taxifahrer? Na ja, es geht so – eine lange Fahrt mit Reinhold Siegel durch die Münchener Nacht

Es gab eine Zeit, da war der Taxifahrer Reinhold Siegel fast jeden Tag auf dem Oktoberfest. Damals, Mitte der neunziger Jahre, hat er zwölf von 16 Wiesntagen mitgenommen. Und heute? „Landhausfasching“ sagt er. Betrunkene. Amerikanische Rentnerinnen, die es gar nicht erwarten konnten, aus dem Auto zu kommen, dabei fallen, mit einer Platzwunde auf dem Boden liegen, obwohl Siegel doch die Ausstiegshilfe holen wollte. Und dann ist wieder er, der Taxifahrer, schuld. „Die Wiesngäste im Taxi haben mir das Oktoberfest verleidet.“
Mit ihnen geht es nicht. Aber ohne sie erst recht nicht. Das Geschäft der Taxifahrer boomt in München in diesen Tagen. Die 3400 Taxis, die in der Landeshauptstadt fahren dürfen sind vermutlich alle unterwegs. Doppelschicht. Und doch: Wer am Rand der Sperrzone eines der begehrten Autos ergattert hat, hat Glück gehabt.
Reinhold Siegel fährt seit mehr als 20 Jahren Taxi. Seine Verbindungen zur Außenwelt sind ein UKW-Funkgerät, ein Handy und ein silberner Kasten. Es ist Dienstagabend, und Siegel lässt den Friedensengel hinter sich, überquert die Luitpoldbrücke und fährt die Prinzregentenstrasse herunter. Um ihn herum ändert die Stadt langsam ihren Aggregatszustand. Aus der Arbeitsstadt wird die Feiermetropole. Wer noch kurz zuvor Finanztransaktionen kontrolliert, Häuser gereinigt oder Autos verkauft hat, schunkelt nun zu „Sierra Madre“ im Festzelt.
18.21 Uhr. Der silberne Kasten piept. Siegel nimmt den Auftrag an, dreht das Auto am Haus der Kunst und fährt zurück. Isar, Friedensengel, hinein ins beste Bogenhausen, wo Stiftungen ihren Sitz haben, Private-Equity-Firmen, Anwaltskanzleien. Sieben Menschen steigen ein, in voller Festmontur. Sie arbeiten bei einer dieser Finanzfirmen. Im Hippodrom warten auf sie 100 weitere Kollegen. Eigens für den Abend sind Mitarbeiter aus London eingeflogen. Ein Geschäftstermin? „Arbeit, Schrägstrich, Oktoberfest“, sagt ein Engländer und lacht. In der Mitte lehnt sich eine sehr blonde Dame nach vorne, sie hat den Ausflug organisiert und zuvor an die Kollegen die Texte der wichtigsten Wiesnhits geschickt. 14,70 Euro kostet die Fahrt. Die Finanzleute zahlen 16 Euro.
18.57 Uhr. Schwanthaler Strasse – Volkartstrasse. Ute du Erich Forster haben sich nach Feierabend auf der Wiesn getroffen und beim Schichtl ein Hendl gegessen. Jetzt wollen sie nach Hause – mit dem Taxi. Vor der U-Bahn haben sie eine Traube von Menschen gesehen, erzählt Ute Forster. Das sei eine Zumutung. Dann doch lieber Taxi. „Kostet auch nicht viel mehr als eine Maß auf der Wiesn.“ Draußen ist es längst dunkel. Siebenmal waren sie bereits in diesem Jahr auf der Wiesn, erzählt Frau Forster. Besuch aus England. Nicht weit von der Volkartstrasse, dem Ziel des Ehepaars, hat Siegel vor mehr als 20 Jahren ein Schild gesehen, das sein Leben verändern sollte: Taxifahrer gesucht. Der Landschaftsgärtner rief und heuerte an, ein Jahr später, mit 22, hatte er sein erstes eigenes Taxi, Mercedes 123, Baujahr 1979, für 7000 Mark. Am Ende hatte der 650 000 Kilometer drauf. Unkaputtbar, sagt Siegel.
19.48 Uhr. Am Hauptbahnhof stehen Taxis in vier Reihen. Reinhold Siegel wird ein – und gleich wieder ausgewunken. Er fährt das einzige Großraumtaxi und jetzt steht da eine Gruppe Manager aus Mannheim, die nach Grasbrunn wollen, 31 Kilometer entfernt. Sie sind wegen einer Präsentation hier, es geht um Leittechnik. Die Manager interessieren sich eher am Rande für die Wiesn und ihre vielfältigen Abenteuer, sondern mehr für das Navigationsgerät des Taxis.
21.27 Uhr. Schwanthalerstrasse – Leuchtenbergring. Zwei zusätzliche Taxistreifen hat die Stadt am Oktoberfest-Eingang eingerichtet, einen aber wieder kassiert. So was sorgt für Ärger in der Szene. Jetzt steht eine Polizistin am Straßenrand und passt auf, dass dort auch kein Taxi hält. Siegel wird rechts überholt. Ein anderer Fahrer drängelt sich vor ihm in die Schlange, aber das bringt bei diesem Andrang höchstens 20 Sekunden.
Ein junger Mann aus Hannover steigt ein. Solarbranche. Er hat den Abend auf dem Oktoberfest ausklingen lassen, aber leider keine Begleitung gefunden. Immerhin – vom Bierpreis sei er „positiv überrascht“. In Augsburg habe er mal 12 Euro für die Maß gezahlt. Allerdings war da noch Likör drin.
22.24 Uhr. Schwabing. Es ist kurz vor halb elf, als Siegel die Esso-Tankstelle in der Ungererstrasse ansteuert – und sofort steht ein Lächeln in seinem Gesicht. „Ah, der Joghurt-Heinz ist auch da.“ Siegel erkennt das Auto des Kollegen sofort. Hier trifft sich eine eingeschworene Taxi-Clique. Der Joghurt-Heinz sitzt auf einem Barhocker, vor sich hat er einen leeren Obstgarten stehen und ein Früchtemüsli. Jetzt knabbert er an einem Brötchen und trinkt Milch aus dem Tetra – Pack. „Ich bin ein Freund von Milchspeisen“, sagt der Joghurt-Heinz. Er ist 71, Rentner, und müsste nicht mehr Taxifahren. Dennoch steigt er Nacht für Nacht ins Auto. „Ich bin Junggeselle“, sagt er – und holt sich noch einen Obstgarten.
23.16 Uhr, Hauptbahnhof – Lothstraße. „Andere Leute gehen in die Kneipe, ich geh´ Taxifahren“, sagt ein Fahrer zu Siegel, der sich inzwischen wieder in die Schlange am Hauptbahnhof eingereiht hat. Der letzte Fahrgast bewegt sich auf das Auto zu. Mohraf, 25, war in Augsburg, seinem Vater das Auto zurückbringen. Jetzt sitzt der Lehramtsstudent auf der Rückbank des Taxis. „Sie waren doch in dieser Reportage auf VOX zu sehen“, sagt er zum Fahrer. Siegel, dekoriert mit Schnauzbart, Trachtenjacke und einer barocken Statur, nickt und lacht. „Hab´ Sie sofort erkannt, Sie haben eben ein Charaktergesicht“, sagt der Fahrgast.
Wiesnbesucher taumeln durch die Straßen, in der Bayerstraße versperrt ein Krankenwagen die Fahrbahn, Blaulicht blinkt. Trunkene in Trachtenhemden und Lederhosen und Trachtenhemden torkeln über die Gehwege. An einer Fußgängerampel hält ein Polizist einen jungen Mann davon ab, bei Rot über die Straße zu gehen.
Es ist Wiesn in München, und die Nacht birgt so manche Überraschung.




Soweit der Artikel von Tobias Dorfner. Joghurt-Heinz ist schon letztes Jahr als Entwickler des Schramm – Motors in diesem Blog ->aufgetaucht.

4 Kommentare:

  1. hi reinhold,
    jetzt ist es raus.
    car2go startet mit 300 fahrzeugen in hamburg
    ab frühjahr 2011
    mit internetten grüßen
    servus tony

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  2. Für mich hat der Job als Taxifahrer definitiv auch meinen Blick auf die Wiesn verändert. Allerdings nicht *nur* negativ. Ich weiß jetzt was ich am Oktoberfest nicht mag - das Künstliche. Die Gier der Verkäufer und Karussellfrauen, die von einem schnelles Geld wollen und einen als Mensch schon lange nicht mehr wahrnehmen. Mich stören die grotesken Alkoholexzesse. Der wahnwitzige Betrieb der während der Zeit in München herrscht, und bei dem weder Herz noch Verstand mitkommen.
    Aber ich mag den Trachtenumzug. Ich mag die Pferde. Das Zentrale Landwirtschaftsfest. Die "echten" Leute aus München, und von anderswo, die das Oktoberfest zu genießen suchen, auf eine harmlose Weise, nicht in der Art eines peinlichen und sinnentleerten Kampftrinkers.
    Dieses Jahr gab es die "historische Wiesn", und Gott sei Dank ist es mir trotz totaler Überarbeitung gelungen diese am letzten Wiesntag, einem Montag, zu besuchen. Was den besonderen Charakter der historischen Wiesn, den ich selbst erlebt habe ausmacht, spiegelt sich auch gut in der Kriminalitätsstatistik wieder: Während auf dem "regulären" Oktoberfest heuer 1179 Straftaten gemeldet wurden, darunter eine Vergewaltigung und mehrere versuchte Tötungsdelikte, wurde auf der historischen Wiesn, die immerhin ebenfalls von hunderttausenden Menschen besucht wurde, KEINE EINZIGE Straftat gemeldet, was im Hinblick auf diese Menschenmasse geradezu untersignifikant, auch außerhalb des Okotberfestes ist/wäre. Das waren halt einfach nette, harmlose Menschen, die eine gute Zeit haben wollten. Und die sie den Anderen ebenfalls gönnten.
    Vielleicht nehme ich mir während dem nächsten Oktoberfest wirklich Urlaub. Dann brauche ich das ganze Chaos auf der Straße, die klischeesuchenden Touristen und die ganze Maskerade mit den 99-Euro-Trachtengarnituren Made In China nicht zu ertragen und kann vielleicht an Stelle dessen diese letzten warmen Herbstwochen so richtig genießen.

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  3. @ Tony
    In meinem Post –Augen nach Ulm- heuer im März hieß es:
    „Car2go wird noch in diesem Jahr auf eine nicht genannte europäische Großstadt ausgeweitet.“ Wir haben alle befürchtet München wäre diese Stadt, jetzt hat es Hamburg erwischt. Schadenfreude ist aber nicht angebracht. Hamburg ist für car2go nicht DIE Stadt, sondern die Erste. Das car2go in Hamburg eingeführt wird, zeigt, dass das Pilotprojekt in Ulm erfolgreich war.
    @ Christian
    Ich bin während des Jahres oft etwas bayrisch gekleidet. Früher trug ich im Sommer öfter kurze Lederhosen. Während des Oktoberfestes lege ich das aber ziemlich ab. Ein passender Kommentar von einem Taxikollegen am Bahnhof während der Wiesn, der das bemerkte: Das machst du wohl, weil du nicht mit Touristen verwechselt werden willst.
    Das traurige dabei, er hat ein Stück weit Recht!

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  4. Ein richtig netter Artikel, die SZ bringt wenigstens gute Artikel über Taxifahrer, im Gegensatz zur Münchner Boulevard-Presse, das Meissner-Interview fand ich auch gut.
    Über car2go und Rikschafahrer äußere ich mich hier lieber nicht, sonst reg ich mich auf! Wer sitzt denn verflixt nochmal in der Taxikommission?
    Ich selber geh eigentlich gar nicht mehr auf die Wiesn, letztes Jahr 1x, das wars dann aber auch und mir hat das Taxifahren die Wiesn verleidet, leider.

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