Samstag, 12. Juni 2010

B(R)AUHAUS

Ein Auftrag von der Zentrale. Stadtrundfahrt über drei Stunden in Englisch. Englisch das kann alles bedeuten. Ich bin neugierig woher meine Gäste kommen. Die Interessen sind von Nation zu Nation verschieden. Sicher kann man nicht verallgemeinern. Aber in der Regel verläuft die Zeit mit einer Gruppe Arabern anders als wie mit einer Gruppe Amerikanern. Israelis mögen andere Interessen haben als Russen. Selbst Japaner unterscheiden sich im Umgang deutlich von Chinesen. Jeder Taxifahrer weiß, keiner ist besser oder schlechter als der Andere – aber halt verschieden.
Wenn Englisch gefragt ist, kann das alles bedeuten. Das bringt auch etwas Spannung. Ich spicke noch schnell in meinem Führer (War Heinrich der Löwe Welfe oder nicht?). Vor meinen geistigen Augen sind die Stationen schon aufgereiht wie auf einer Perlenschnur. Etwas alte Geschichte; Schloss Nymphenburg, die Wittelsbacher, die bayuwarischen Stämme, etwas Wirtschaft; BMW, Linde, Münchner Rück, etwas typisch deutsches; Förderalismus, Gebräuche, Umgangsformen, Drittes Reich; Marsch auf die Feldherrnhalle, Bierhallen, vielleicht sogar Dachau, und natürlich Sport, die Allianz – Arena, Olympiahalle, Architektur darf auch nicht fehlen. Drei Stunden können wir schon spannend gestallten.
10 Minuten vorher melde ich mich an der Rezeption des Hotels und die freundliche Dame verweist mich auf drei Asiaten die in der Lounge warten. Genau in dem Moment, als ich mich vorstellen will, stoßen die vier weiteren Gäste dazu, zur Begrüßung verneigen sie sich. Aha, Japaner!
Der Sprecher der Gruppe zeigt mir auch gleich eine ausgedruckte E-Mail. Zwischen den japanischen Schriftzeichen stechen mir sofort die lateinisch geschriebenen Wörter; Praktiker, OBI und Brauhaus ins Auge. Die Japaner wollen sich Baumärkte anschauen. Meine ganze Wittelsbacher Historie und meine barocke Pracht ist beim Deife. Selbst das Brauhaus hat nichts mit München zu tun. Das war nur ein Schreibfehler. In Gesellschaft der anderen Wörter konnte das natürlich nur Bauhaus, eine weitere Baumarkt - Marke, sein.
Nun gut, dann machen wir eine Baumarkt – Tour. Wenigstens in den jeweiligen Gartenabteilungen konnte ich mit etwas Fachwissen glänzen. Ich benannte ein paar Pflanzen mit ihrem botanischen Namen (die sind zwar international, verstehen aber nur Gärtner, und das waren meine Geschäftsleute wohl nicht). Meine Ausführungen über die verschiedenen Erden und Dünger waren wohl auch etwas zu speziell. Grosses Interesse fand ein Maulwurfschreck der über Solarpanelle gewonnene Energie, einfach in den Boden gesteckt, dazu benutzte die unliebsamen Nager zu vertreiben und eine Zange mit langem Stiel zum Unkraut (Wildkräuter) jäten.
Kopfschütteln erntete ein Toilettendeckel, der beim Öffnen und Schließen einen Fußball durch ein aufgemaltes Fußballfeld schleuderte und der Markenname „Tokio“ für eine eckige Badgarnitur. Eigenmächtig ergänzte ich unsere Fahrziele noch durch den Hornbach – Baumarkt in Freiham. Das ist der einzige Drive In Baumarkt den ich kenne. Ich fuhr mit meinen Japanern und dem VW Bus Taxi durch die riesigen Regalreihen. Ich weiß nicht wehr mehr geschaut hat: wir oder die Heimwerker. Nach 15 Minuten kreisen durch PKWs mit Einachsanhängern und geöffneten Heckklappen lagen die Heimwerker sicher vorne.

4 Kommentare:

  1. Ein Drive-In-Baumarkt?! WTF... quasi McBau :D

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  2. Hi, hi. Und, ist nun Heinrich der Löwe ein Welfe oder nicht?

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  3. @ Klaus
    Ja, Heinrich war der letzte Welfe der in Bayern regiert hat. Danach kamen die Wittelsbacher, die blieben bis zum Schluss.
    @ harddisk
    Wenn man die Junior Tüte nimmt steckt noch eine kleine Schaufel für den Sandkasten drin.

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  4. Klarer Fall von Wirtschaftsspionage!

    Wenige Tage später - ein schummriger Raum, die bewegungslose Luft riecht nach einem altmodischen Reinigungsmittel. Das stählerne Mobiliar ist sämtlich am Boden festgeschraubt, und auf einem Tisch vor Dir liegt eine Aktenmappe aus vergilbter, abgegriffener Pappe, die ein nennenswertes Volumen an frisch aussehenden DINA4-Seiten umfängt:

    "Herr Siegel, sie wissen warum sie hier sind?" ;D

    Womöglich kommt man in Japan auch allmählich auf den Trichter (oder ist das schon lange gekommen?) mit diesen Baumärkten. In Deutschland ist das ja eine Branche die jährlich Umsätze im zweistelligen Milliardenbereich feiern kann. Die japanische Mentalität ist der deutschen in Vielem ähnlich - et voila!

    Übrigens, das aber nur am Rande: In Amerika sagte mir mal ein Schreiner daß das weltweit beste Werkzeug aus Deutschland, und aus Japan stammt!

    @ harddisk:

    Nicht das ganze Ding ist ein Drive-In. Der Drive-In-Bereich ist lediglich einem normalen, ebenfalls sehr großen Baumarkt angeschlossen und ergänzt diesen. Der Drive-In-Bereich ist hierbei dem groben und/oder sperrigen Material vorbehalten, das man eben am besten gleich ab Regal in ein Auto oder einen Pritschenwagen packt weil es sonst eh fast zu schwer zum Tragen wäre oder nicht an der Kasse vorbei käme:

    Zum Beispiel also unterschiedlich dicke Balken bis ungefähr fünf Meter Länge, Beton, Dachpapperollen, Kies, Sand, Steine als Schüttgut und dergleichen.

    Abgesehen davon daß das allgemein praktisch für die Kunden ist positionieren sich so manche Baumärkte (wie z.B. Hornbach) noch zusätzlich als Versorger auch von Profihandwerkern, während ja sonst von gewissen Märkten eher der "dümmliche Endkunde" zur Zielgruppe genommen wird, dem man an der Kasse nochmal schön allerlei wertlosen Tand, Kopfweh-Rotwein, Fingeramputationszangen usw. andrehen kann.

    Gut, Reinhold, daß Du die Gäste zu Hornbach gefahren hast - damit die mal "was Gscheits" sehen! Bauhaus ist allerdings auch nicht schlecht. Besonders schätze ich dort das Vorhandensein einer "Nautic"-Abteilung: Der Anblick blankpolierter Edelstahl- und Messingschäkel, Rettungswesten und Tauwerk aktiviert jedes mal auf angenehmste Weise mein Seefahrer-Gen! :-)

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