Dienstag, 20. April 2010

Aschenwolke bringt Asche - Regen


Am Donnerstag Mittag fing es an. Ich stehe in einer Reihe von Taxibussen am AGIP Speicher am Münchener Flughafen. Ein Kollege bekommt einen Anruf, von einem PKW - Taxifahrer der oben am Modul steht. Der Kollege am Modul hat beobachtet, dass die Taxibusspur am Modul leer ist. Also alle Busse rauf! Wir konnten kaum unsere Karten durch den Automaten an der Schrankenanlage ziehen und uns gegenüber dem Ausgang aufstellen. Eine bunte Truppe war es, die parallel fünf Taxibusse enterte. Zunächst dachten wir, es wären die ersten Araber, die in München, wie jedes Jahr während des Sommers residieren. Das Fahrziel, das Westin Hotel in der Arabellastrasse, ist auch typisch für diese Klientel. Das Gepäck nach Umfang und Art passt auch. Sehr viel, und sehr schwer. Am auffälligsten waren die mit buntem Stoff bespannten Hocker der Gäste, von denen jeder Einen dabeihatte. Aber auch das kennen wir. Manche unserer arabischen Gäste reisen mit Säcken voller Reis, Reiskocher und eigenem Koch an.

Unsere Fahrgäste schienen wie aus einem Film entsprungen. Die Frauen verschleiert aber mit glitzerndem Flitter um den Augen und auf den hennabemalten Armen und Händen. Die Männer zum Teil mit traditionellem Gewand und Turban. Wir Taxibusfahrer zwinkern uns zu und freuen uns, dass die Araber Saison jetzt schon los geht.

Neben mir sitzt ein junger Mann im knielangen dunkelblauem Hemd und erzählt mir, dass er Taxifahrer in London sei. Wir tauschen uns über die verschiedenen Genehmigungsverfahren in London und München aus. Er glänzt durch Fachwissen. Das passt aber so gar nicht in unser Bild von den erwarteten Gästen. Später sagt er mir, er hätte sich gestern Abend gar nicht vorstellen können heute noch in Deutschland zu sein. Ich werde stutzig und frage nach. Es stellt sich heraus; die Gruppe kommt aus Pakistan und wollte mit der Quartar – Air nach London fliegen. Das Flugzeug kann in London nicht landen, deshalb wurden sie nach München umgeleitet. Auf meine Frage, wer die Fahrten bezahle, zieht er aus der Hosentasche einen Zettel hervor. Auf dem zerknüllten Papier steht handschriftlich eine Telefonnummer. Da müsse man anrufen und es werde Alles bezahlt. Eine notierte Telefonnummer! Da sind wir aber gespannt. Aber tatsächlich im Hotel gehe ich mit ihm an die Rezeption und dort bekommen tatsächlich alle Taxifahrer das Geld in bar gegen Quittung ausbezahlt.

Am Freitag wieder am Flughafen überhäufen sich am Taxikiosk die Nachrichten von den Kollegen, die quer durch Europa unterwegs waren und noch sind. Die abenteuerlichsten Fahrziele waren Manchester und Lettland. Ich glaube es nicht und beschwichtige, bis ….

… ja, bis ich oben am Modul stehe. Vier Engländer kommen zu meinem Taxi, steigen ein,und nennen wie selbstverständlich ihr Fahrziel. Calais – an der Nordküste Frankreichs.Geboten sind 1.500,00 € plus Mautgebühr in Frankreich. Ich renne zu Ismael, der zwei Taxibusse hinter mir steht. Sein Navi spuckt die Entfernung aus. 1060 Kilometer einfach zwischen dem Flughafen München und Calais. Die Fahrt dorthin hätte 10 Stunden gedauert,zurück noch mal mindestens 10 Stunden, dazwischen eine Übernachtung. Das dauert mir zu lange. Ich habe am Samstag einen Auftrag über drei Stunden, den ich nicht abgeben kann und ich will unbedingt am Freitag Abend wenigstens für ein paar Stunden in meinen Verein. Der Taxibus hinter mir, er wäre der nächste „Berechtigte“ will auch nicht. Ismael selbst lehnt auch ab. Der folgende, mein dritter Hintermann, Heiko, übernimmt nach einem kurzen Telefonat mit seinem Chef, die Fahrt.

Nach meinem drei-Stunden-Auftrag am Samstag mache ich frei. Am Abend kommt eine SMS von Yilmaz. Er schickt mir schöne Grüsse aus Venedig. Christian war in Köln und in Vaduz. Anders als am Tag davor kenne ich die Situation und glaube ihnen aufs Wort.

Am Sonntag Morgen, ich bin noch im Bett ruft mich ein Kollege an und fragt welche Route ich nach Mailand empfehlen könne. Über Österreich oder über die Schweiz. Ich empfehle die österreichische Variante.

Sonntag Nachmittag ruft mich ein Kunde aus Mailand ab. Er sitzt dort fest. Die Flüge sind ausgefallen, die Züge ausgebucht. Mit den Mietwagen, den er zum absoluten Wucherpreise bekommen hätte, darf er Italien nicht verlassen. Ich soll ihn dort abholen und zurück nach München bringen.


Ich erinnere mich an den Anruf des Kollegen, der sich nach der Strecke nach Mailand erkundigt hat. Schnell rufe ich ihn an. Wenn er leer zurück fährt, könnte er meinen Kunden mitnehmen. Somit wäre allen geholfen. Aber er ist schon seit zwei Stunden besetzt auf den Weg nach München. Bei der Gelegenheit informiert er mich es wäre besser gewesen über die Schweiz zu fahren.Also wechsele ich das Auto, nehme einen bequemeren und schnelleren Mietwagen meiner Frau, und mache ich mich auf den Weg nach Lindau -> Pfändertunnel -> Dippoltstein -> das Fürstentum Lichtenstein lasse ich links liegen -> Graubünden -> San Bernardino -> Comer See -> Mailand. Diese Strecke ist mit 500 Kilometer auch 80 Kilometer kürzer als die über Österreich (Rosenheim -> Innsbruck -> Bozen -> Trento -> Verona -> Bergamo -> Milano) . In Mailand erwartet mich schon sehnsüchtig unser Kunde. Wir essen gemütlich zu Abend und machen uns auf den Weg. Um halb neun verlassen wir Mailand Richtung Norden. Was ich nicht bedacht habe; die Geschwindigkeitsbegrenzung auf der Schweizer Autobahn kann ganz schön nerven. Weite Strecken durch Graubünden ist auf einer Riesenbaustelle die Höchstgeschwindigkeit auf 80 km/h begrenzt. In der Schweiz gibt es bei Straßenverkehrsverstößen keine Punkte. Die Geldstrafen sind aber bei kleinsten Übertretungen sehr happig. Da hängt man Müde hinter dem Steuer, hat noch hunderte Kilometer vor sich, und zuckelt dann mit Strich 80 durch das Heidiland. Das nächste Mal, unser Kunde macht mir Hoffnung dass es dass noch geben wird, nehme ich die Route über Österreich.


Endlich um Mitternacht verlassen wir die Schweiz. Auf der deutschen Autobahn bleibt die Tachonadel über dem 200 km/h Strich. Meine Müdigkeit ist wie verflogen, ich bin richtig aufgedreht. Nachdem ich den Kunden abgesetzt hatte, bin ich wieder hellwach. Es bleibt mir noch ein kurzer Plausch in der Tankstelle.

Das war nicht meine weiteste Fahrt, oder der Auftrag über die längste Zeit. Einen anderen persönlichen Rekord habe ich aber gebrochen. Den Rekord über die Anzahl der Grenzüberschreitungen mit einem Kunden an Bord. Auf dem Rückweg überfuhren wir drei Grenzen. Von Italien in die Schweiz, von dort nach Österreich, von dort zurück nach Deutschland.

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