Samstag, 27. März 2010

Augen nach Ulm

Das Pilotprojekt car2go ist zu Ende. Alle zeigen sich zufrieden. Außer der ÖPNV und die Taxifahrer. In -> meinem Post im letzten Dezember habe ich Das Pilotprojekt der Daimler AG in Ulm beschrieben. Inzwischen wurden die gewonnen Daten ausgewertet. -> Tony hatte in seinem Kommentar zu meinem Beitrag schon den richtigen Riecher. Tatsächlich nutzen vorwiegend junge Leute das Angebot. Der größte Anteil (60%) der car2go Kunden sind unter 36 Jahre alt. Überhaupt sei schon jeder dritte Ulmer Führerscheinbesitzer als Kunde bei car2go registriert. Die Zahl der Nutzer ist während der einjährigen Pilotphase auf 18.000 gestiegen – doppelt so viele als erwartet. Car2go verzeichnete während des Jahres 235.000 Mietvorgänge. Es gibt schon Kapazitätsgrenzen. Die Flotte der 200 weiß – blauen Smarts wird auf 300 Fahrzeuge aufgestockt. Anstelle der bisherigen cdi – Smarts sind die 100 neuen mhd - Fahrzeuge mit einem Ottomotor und Start-/Stopp Automatik ausgestattet. Auf der Internet-Orderseite wird auch die Tankfüllmenge in % angezeigt.


Das Projekt gilt als beendet. Betreiber von car2go ist jetzt eine Tochtergesellschaft der Daimler AG, die ins Handelsregister Ulm eingetragene car2go GmbH mit Sitz in Ulm. Geschäftsführer der Gesellschaft ist der bisherige Projektleiter Robert Heinrich.


Elisabeth Rust und Javed Chaudrey, beide Vorstände der Taxigenossenschaft Ulm, in der -> 70 Taxiunternehmer organisiert sind, verzeichnen einen Rückgang der Fahrten im monatlichen Wechsel von 20 – 30 %. Der Vorstand der Neu-Ulmer Taxigenossenschaft, Dietmar Bundschuh, meint car2go hätte nicht zuletzt den deutlichen Abwärtstrend ausgelöst. Besonders während der diesjährigen Faschingszeit war die Flaute an den Taxiständen im Vergleich zu den Vorjahren zu spüren gewesen.


Viele Gruppen, die Abends in Ulm ausgehen, erküren einen Fahrer, der dann nüchtern den Rest der Gruppe, Einen nach dem Anderen nach Hause bringt. Ein neues iPhone App macht den Buchungsvorgang in dieser Zielgruppe populär und bequem.


Der Ulmer Oberbürgermeister Ivo Gönner lobt car2go, weil

- die Parkraumsituation entlastet wird

- die CO2 Belastung (nachgewiesen durch die Universität Ulm) gesenkt wird

- sich die Ulmer Bürger begeistert zeigen

- die Wissenschaftsstadt Ulm ein internationales Aushängeschild erhält (Stadtmarketing)




(Taxi aus München vor dem Ulmer Rathaus)



Andreas Leo, Projektsprecher, meint; „Car2go hält die Kunden nicht in relevanten Größenordnungen von der Taxinutzung ab.“ Car2go wird noch in diesem Jahr auf eine nicht genannte europäische Großstadt ausgeweitet. 2011 wird eine nochmalige Expansion ins Auge gefasst.


Hauptargumente in den Internetkommentaren gegen Taxis und für car2go ist der günstigere Mietpreis gegenüber den Taxitarifen. Gegen den ÖPNV wird mit der kürzeren Zeit, die man für die Fahrt braucht, argumentiert. Einen Kommentar im Online Auftritt der Südwest Presse vor drei Tagen ist mir ins Auge gesprungen: „Freundliche Taxifahrer sind die absolute Ausnahme. Für eine Stadtstrecke mit 2,5km wurd ich gefragt, warum ich nicht einfach laufe...“

Kommentare:

  1. lieber reinhold,
    toll recherchiert !!!
    car2go spricht gerade die jungen und dynamischen leute an – das ist die zukunft.
    führerscheinneulinge haben große freude mit dieser kleinen knutschkugel fahren zu können und anderen gegenüber zu imponieren.
    in einer stadt wie ulm mit 120 000 einwohnern, immerhin 18.000 registrierte car2gonutzer. auf münchen umgerechnet etwa 200 000 registrierte nutzer (fahrgäste).
    bisher war die aussage: wenn sie ein taxi rufen, dann kommt ein mercedes.
    die neuere aussage der mercedes-manager: „mit car2go haben wir ein vollkommen neues und attraktives geschäftsmodell entwickelt, das eine mögliche antwort für den verkehr der zukunft in den globalen ballungszentren bietet.“
    so ändern sich die zeiten.
    eine große herausforderung für das taxigewerbe.
    ein ausspruch: „das geheimnis des erfolges ist, den standpunkt des anderen zu verstehen“.

    mit internetten grüßen
    servus tony :-)

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  2. Interessantes Projekt. Ich habe aber den Verdacht daß sich das nur trägt weil es wie wohl anzunehmen ist mehr oder weniger stark von Mercedes Benz quersubventioniert wird, die das sicherlich primär unter "Werbekampagne für die junge Zielgruppe" laufen lassen. Mietwägen sauberzuhalten (es gibt durchaus Messie-Kunden wie ich seit meiner Zeit als Fahrer bei einem großen Autovermieter bezeugen kann), Defekte zu reparieren, hinterherzusein wer welchen Unfallschaden verursacht hat und so weiter ist teuer - und wer zahlt das alles wenn erst Hunderttausende an sowas teilnehmen?

    Andererseits ist es klar daß wir uns auch ohne Existieren solcher Projekte ins eigene Fleisch schneiden wenn wir Kurzfahrt-Kunden schlecht behandeln. Ich stelle fest daß sich fast alle Kurzfahrt-Fahrgäste die bei mir einsteigen für ihre Strecke demütigender Weise entschuldigen, und zwar nicht weil ich meine Gäste deswegen schlechter behandeln würde (dies ist nicht der Fall), sondern weil die alle schonmal von einem Taxifahrer für eine "zu" kurze Strecke schlecht behandelt oder sogar beschimpft worden sind.

    Das lässt für mich erahnen daß diese Art der Kundenbehandlung für viel zu viele Kollegen der Standard ist. Einer dieser "Kollegen" äußerte am Standplatz einmal wörtlich: "Man muß die Fahrgäste dazu erziehen daß sie keine Kurzfahrten mehr machen." Nun, offenbar greift die Strategie. So gehen uns unzählige Kurzfahrtaufträge verloren, der Jahresumsatz fällt weil - oh Überraschung! - die Flughafenaufträge auch nicht zunehmen bloß weil die Kurzfahrtaufträge wegfallen (warum sollten sie auch?).

    Maßgeblich für unseren Erfolg als Taxibranche kann einzig und alleine ein positiver GESAMTeindruck sein, und diesen erreichen wir nur wenn wir unsere Gäste auf ALLEN von ihnen gewünschten Strecken gut behandeln und nicht nur auf denen die uns als Dienstleister gerade mal gut zu Pass kommen. DANN kann es mehr Flughafenaufträge geben, SO RUM wird ein Schuh draus!

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  3. Auch in Ulm/Neu-Ulm fahren die meisten Taxiunternehmer Mercedes und freuen sich offensichtlich darüber, dass sie so nett verarscht werden. Vielleicht können irgendwann über die Gewinne von car2go auch Taxifahrer durchgefüttert werden.
    Jeder verdient, was er sich verdient.

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  4. Na, Prost Mahlzeit, wenn das nach München kommt.

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  5. @Tony
    Die Geschäftsreisenden sind in München, besonders für die Tagfahrer, eine nicht zu vernachlässigende Zielgruppe. Wenn car2go in mehreren Städten auftritt, ist hat sich der Reisende schon in seiner Heimatstadt registriert, es ist für ihn ein leichtes in einen Smart zu steigen und zu seinem Termin in München zu fahren.
    Aus dem Zitat in deinem Kommentar kann man herauslesen, dass die Daimler AG mit car2go eine „antwort für den verkehr der zukunft in den globalen ballungszentren“ bieten will. Ich denke die haben Großes vor.
    Dann bricht auch ein Teil dieser wichtigen Taxikunden weg.

    @ Christian
    Die car2go Leute erarbeiten gerade ein Konzept, wie die Tank- und Reinigungstrupps effizient die Smarts reinigen und tanken können. Die Fahrzeuge werden nicht wie bei den meisten Autovermietern in der Station, sondern mobil wo sie gerade stehen gereinigt. Beim Tanken müssen sie natürlich die nächste Tankstelle anfahren.
    Das car2go von Daimler mitfinanziert wird ist ziemlich sicher. Daimler hat das Kapital und nicht zuletzt die Manpower für solche Experimente. Die car2go GmbH ist eine Tochter der Daimler AG. Im Telematikbereich bekommt car2go wesentliche technische und personelle Unterstützung von der Mutter Daimler.

    @ Trixi
    Ich bin mal gespannt, welche Stadt die nächste ist. Daimler hält sich noch bedeckt. Ich vermute (hoffe), dass es keine deutsche Stadt sein wird.

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  6. hi reinhold,
    sich selbst zu organisieren macht spass. (blackberry-handheld usw.)
    auch ich freue mich , wenn ich nicht abhängig bin von einer steuerkanzlei und bei meiner steuererklärung viel geld an bearbeitungsgebühren sparen kann.
    viel der jugendlichen tauschen sich täglich online mit anderen aus.
    sie kommunizieren regelmässig über communities wie facebook, linkedIn, studivz oder wer-kennt-wen.
    gerade diesen aktiven menschen vermittelt ihre digitale welt das gefühl von geborgenheit.
    siehe den beachtlichen erfolg für die politik-neulinge „piratenpartei“. da können sich die älteren schön mal warm anziehen.
    wenn die gegenwärtig 18 000 anwender von car2go diese linie einmal eingeschlagen haben, dann kommen sie auch nicht mehr zurück.
    ein bekannter ausspruch aus dem unternehmerkurs - als unternehmer dir bekannt.
    „das vertrauen eines kunden zu gewinnen dauert jahre, es zu verlieren sekunden.“
    wollen wir mal nicht so schwarz sehen...
    ....solange es noch so nette taxler gibt wie dich, ändert sich vorerst in münchen nichts.
    der tony ist ein ganz großer verehrer von dir, hab ich dir schon öfters gesagt. es wäre schön, wenn es mehr menschen von dir geben würde.
    einen schönen montag für dich
    mit internetten grüßen
    servus tony :-)

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