Wann wen nicht jetzt kann ich über meine persönlichen Erlebnisse mit dem Mauerfall berichten? Der zehnte Jahrestag ist vorbei und bis zum dreißigsten kann ich mich nicht mehr zurückhalten.
Nach einigem hin und her und rüber und nüber kam es, dass ich während der Grenzöffnung vor 20 Jahren als Soldat der B.R.D. – Armee meine Wehrpflicht erfüllte. Ich war zu der Zeit gerade in der Grundausbildung im Luftwaffenausbildungsregiment III in Roth bei Nürnberg. Am Beginn unserer Dienstzeit war ja alles noch klar. Aufgeklärt wurden wir im politischen Unterricht. Grosse Weltkarten wurden an die Wand projiziert. Es gab die dunkelblau markierten Länder und die rot markierten Länder. Die Dunkelblauen waren wir, die NATO, die Frieden, Freiheit und Demokratie verteidigt. Die Roten waren die anderen, der WP (Warschauer Pakt), im weiteren Verlauf auch mit „da Russ“ oder „der Iwan“ bezeichnet. Seine Aufgabe ist die Menschheit zu knechten und auszubeuten. Die gehen sogar soweit, dass sie unsere „Brüder und Schwestern“ die zwar auch deutscher Nation, aber anderer Staatsangehörigkeit, waren, auf uns zu hetzen. An der Karte könne man ja ganz klar den strategischen Vorteil des WP erkennen. Alles war ganz einfach, Die und Wir! Wir bekommen Dutzende von Fotos von feindlichen Uniformen, Fahrzeugen und Waffen gezeigt. Der Dia-Projektor strahlt die Silhouetten der MIGs und Panzer aus allen denkbaren Perspektiven an die Wand des Ausbildungsraumes.
Bis zum Oktober 1989! DDR – Bürger sammeln sich in deutschen Botschaften in den Ostblockstaaten. In Leipzig nehmen die Montagsdemonstrationen zu. Die Lage in der Bundeswehr war angespannt. Ich kann mir vorstellen, dass es in der Volksarmee nicht anders war. NATO Alarm wurde ausgerufen. Auch unsere Kompanie wurde in Alarmbereitschaft versetzt. Der Alarmstuhl wurde vorbereitet. D.h. wenn wir unseren Kampfanzug
(so hieß unsere Uniform tatsächlich) nicht trugen, wurde alles nach Plan auf einen Stuhl gerichtet, der neben dem Bett stand. Zuoberst war die Unterwäsche, darunter das Hemd, dann die Socken, dann die Hose, … das Koppel hing zuletzt über der Lehne. Die Stiefel, fertig zum reinschlüpfen, neben dem Stuhl. Der Rucksack vorschriftsmäßig gepackt auf dem Spind verstaut. Die Rückseite des Helms musste 5 cm vor der Oberkante des Spinds hervorschauen. So konnte man sich mit der Nase vor die Spindtüre stellen, den Helm einfach herunterziehen, der plumpst dann auf den Kopf.
Es wurden dann auch häufiger Alarmübungen abgehalten. Wenn der Alarmton aus dem Lautsprechern ertönt, sprangen wir aus den Betten, zogen uns in Windeseile an. Stolperten die Treppen hinunter. Liefen über den Appellplatz in die Waffenkammer. In der Waffenkammer standen schon Soldaten. Wir brüllten nur noch die Waffennummer unseres Gewehrs, Sekunden später hatte jeder sein Gewehr in der Hand. Weiter ging es im Schweinsgalopp über den Appellplatz zu den bereitstehenden Lastwägen. Dort stellten wir uns gruppenweise auf. Beim Befehl „Aufsitzen!“ sprangen wir auf die Ladefläche der Lastwägen. Als die ganze Kompanie vollmotorisiert zur Abfahrt bereit steht kommt die Entwarnung. Übung, Übung Übung. Alles wieder zurück, Gewehre in die Waffenkammer, Alarmstuhl herrichten usw. Das war die Stimmung kurz vor und während des Mauerfalls.
Die Mutter der Kompanie, der Spieß, ein Hauptfeldwebel, informierte uns über den Stand der Dinge. Er saß beim UvD
(Unteroffizier vom Dienst) im Büro, dort gab es einen Fernseher. Der Dienstplan war ja sowieso außer Kraft. Immer wenn er zum Rauchen vor die Türe kam, fragten wir was es neues gäbe. Ausnahmslos jeder war heiß auf neueste Meldungen. Ich dachte mir; 40 Jahre DDR und ausgerechnet wenn ich bei der Bundeswehr bin, geht die Schosse los. Die Aufregung wird immer größer. Am Abend geht die Parole durch die Stube wir sollen zum Fernseher zum UvD kommen. Sofort war der Dienstraum voller Soldaten. Im Fernseher sehen wir wie in Berlin die ersten DDR – Bürger über die Grenze kommen. Freudig liegen sich die Menschen in den Armen. Die Telefone und der Fernschreiber
(Vorläufer vom Fax) neben uns klingeln und rattern nun pausenlos. Die diensthabenden Kameraden leiten die Meldungen weiter. Ständig Berichte von den Grenzen. Manche Fernschreiben waren codiert und mussten zum Decodieren gebracht werden. Ich kann mich noch nach 20 Jahren an die Stimmung in dem Raum erinnern. Diese Übungen in den vergangenen Tagen, der Alarmzustand, die Unruhe bei den Offizieren haben uns die Ernsthaftigkeit der Lage gezeigt, andererseits gab es viele die bei diesen Bildern den Freudentränen nahe waren. Ausgedrückt hat sich das in den teilnahmslosen Gesichtern und der Totenstille in dem überfüllten Raum.
Früh am nächsten Morgen beim Antreten wird uns eröffnet, dass unsere Kaserne Bürger der DDR aufnimmt. Unfassbar! Niemand wusste etwas damit anzufangen. Ein zusätzlicher Streifendienst wurde installiert. Wir bekamen Munition, Patrone für Patrone abgezählt, und Funkgeräte. Es könnten sich mit den Flüchtlingen Stasi Angehörige einschleusen und bei der Gelegenheit die Grundfesten unserer Republik erschüttern. Der Kontakt zu den DDR – Bürgern soll sich auf das Wesentliche beschränken. Ansonsten keine Gespräche. Unsere Sporthalle wird für die Aufnahme vorbereitet. Es kommen auch Beamte um die Personalien zu erfassen. Nach ca. zwei Stunden knattert tatsächlich hinter einem Streifenwagen eine kleine Reihe von Trabbis durch die Kaserne. Wir halten uns zurück und tun so als ob uns das nichts anginge. Nachts streifen wir in Zweier-, Vierer- und Sechsergruppen durch die Kaserne. Auftrag: In regelmäßigen Abständen jeden Winkel durchsuchen, ob sich nicht ein Spion von der Gruppe absetzt und sich irgendwo verschanzt. Schließlich existiere ja noch die DDR als Mitgliedsstaat des WP. Von dem Gebiet um die Sporthalle, die war am anderen Ende der Kaserne, haben wir uns fernzuhalten. Unaufdringlich zurückhaltend beobachten und des Soldaten erste Pflicht, die Meldung, beherzigen.
In diesen Tagen waren die neuen Gäste natürlich das alles beherrschende Gesprächsthema. Was die wohl da hinten machen den ganzen Tag. Mädchen seien auch dabei. Bestimmt auch Soldaten die in zivil geflüchtet sind. Oder vielleicht sogar Russen. Ob die wieder zurückfahren. Jeder hat etwas Neues gesehen oder gehört.
Dann kommt der Tag der unausweichlichen Begegnung. Wir marschieren im Gleichschritt auf der Strasse durch die Kaserne. Uns kommen so um die 15 DDR Bürger entgegen. Wir sind im Verband und nehmen fast die ganze Breite der Strasse ein. Unsere Gäste bleiben am Straßenrand stehen und lassen uns passieren. Bei dem Vorbeimarsch sind wir ganz nahe. Die schauen uns an. Es waren wohl vier Familien die vom Einkaufen im Ort kamen. Die Plastiktüten hatten sie noch in der Hand. Wir halten die Köpfe gerade, schielen aber neugierig auf die Zivilisten. Ein Kamerad in meiner Reihe behauptet, einer hätte auf den Boden gespuckt als wir vorbeimarschierten.
Noch in der gleichen Woche, die Gäste waren noch da, oder waren es inzwischen wieder Neue, sollten wir der StoV
(Standortverwaltung) bei einem großen Umzug helfen. Ein Lager wird leergeräumt. Es stehen LKWs bereit. Wir verladen alte Bettgestelle, Möbel, Kisten und allerlei Plunder auf die Fahrzeuge. Wir sollten das Gerümpel zu der Hubschrauberstaffel der Heeresflieger bringen. Wir sitzen neben oder auf der Ladung auf der Ladefläche. Die Strecke führt an unserer Sporthalle vorbei. Eine Gruppe DDRler steht neben der Strasse und sieht uns kommen. Einzelne winken. Wir winken zurück. Der Fahrer des ersten LKW bremst ab und der ganze Konvoi kommt zum Stehen. Wir fangen an miteinander zu sprechen. Aus der Sporthalle kommen jetzt die ersten Neugierigen. Schließlich stehen zwischen zwei- und dreihundert Leute um uns. Wir machen gegenseitig Witze und allerlei Blödeleien. Es war wie ein Korken, der unter Druck aus einer Flasche platzt. Alle Beteiligten waren froh darüber. Ab jetzt passierte es, dass bei unseren Streifen die neuen Bekannten auf unserem festgelegten Rundweg auf uns warteten und wir uns bei einer Zigarette und einem Gespräch gegenseitig beschnuppern konnten.
Natürlich hat uns jemand verpetzt. Ich war der Vertrauensmann der Mannschaften in unserer Kompanie. Ich konnte mir dann bei einem Rapport anhören, dass wir uns vor der Sporthalle gebärdet hätten wie „Affen“, ein regelrechter „Faschingszug“ wäre das gewesen. Der Offizier war zwar älter als ich, aber durch seine Ausführungen wurde erkenntlich, dass er leider nur sehr wenig Erfahrung und Überblick hatte. Diese 15 Minuten vor der Sporthalle haben wesentlich und nachhaltig zum Ost- Westverständnis beigetragen. Sehr gestört hat ihn, dass einige Kameraden während der Späße ihr Schiffchen (Uniformmütze der Mannschaftsdienstgrade der Luftwaffe) quer aufgesetzt hatten. Ich hoffe er hat inzwischen gelernt, dass man mit einer Kopfbedeckung, die nach ZDV (Zentrale Dienstvorschrift) mittig und beginnend zwei Finger breit über der Nasenwurzel getragen wird, keinen Krieg gewinnt.
Das war mein kleiner Beitrag zu den Fernsehsendungen, Veranstaltungen und Ansprachen die jetzt zahlreich zu 2o Jahren Wiedervereinigung über uns hereinbrechen. Das Internet vergisst nichts, sagt man. Ich hoffe es!