Sonntag, 23. Juli 2017

Jahrhundert



Das bin ich, vielmehr das war ich vor 25 Jahren. Ich sitze stolz auf dem Kofferraum meines ersten Taxis. Ein Mercedes 280 E, Modelreihe 123. Das Auto habe ich von einem Taxifahrer gekauft und später an einen weiteren Taxifahrer verkauft. Alle drei ehemaligen Besitzer des Mercedes sind immer noch als Taxiunternehmer im Gewerbe.  Auf dem Foto stehen wir am Taxistand Messe - den gibt es dort nicht mehr. Jetzt ist hier der Alte Messeplatz. Die Messe ist in Riem, dort wo der Münchner Flughafen war. 


Den Vertrag über die Übertragung der Taxigenehmigung, umgangssprachlich den Kauf der Konzession, haben wir beim Max, in der Genossenschaft, ausgefertigt. Mein Vorgänger wollte weiterhin Mitglied in der Taxi München eG bleiben und hat seinen Geschäftsanteil behalten. Also kaufte ich mir einen Geschäftsanteil für 2.000,- DM, entrichtete das Eintrittsgeld und war seitdem Genosse. Groß Gedanken gemacht habe ich mir nicht. Wer in München als Taxifahrer mitfunken wollte wurde Mitglied der Genossenschaft und wer in München ein Taxi brauchte, der rief dort an. Es gab keine andere Taxivermittlung in München. Der Isarfunk war noch nicht geboren und an Smartphones und App basierte Taxivermittlung wie Mytaxi war noch nicht mal zu denken.
Es gab den Albrecht, mit seinem Büro in der Landsberger Straße. Der wollte eigene Standplatztelefone installieren, aber damit war das Ende der technischen Fahnenstange erreicht. Als Werbung genügte es die Telefonnummer der Zentrale, und die Rufnummern sämtlicher Standplätze, für teueres Geld auf die Umschlagseite des Münchner Telefonbuchs drucken zu lassen. Telefonbücher lagen schon vor zehn Jahren wie saueres Bier in den Gitterboxen vor den Postämtern, die es auch schon immer weniger gibt. 

Taxirufsäulen im Hof der Genosenschaft

Für mich bestand unsere Genossenschaft aus der Zentrale in der Utzscheniderstraße. Dort habe ich im Hinterhof, neben dem Taxametereinbaudienst der Gebrüder Fuchs, den Vorbereitungskurs zum Nachweis der fachlichen Eignung, besucht. In der Engelhardstraße habe ich im ersten Stock meine Auftragsscheine eingelöst. Ausbezahlt wurden wir in bar aus einem riesengroßen,  graugrünen Tresor der tagsüber meist mit geöffneter Tür in der Ecke der zigarettenrauchgeschwängerten Kasse stand. Bei der Gelegenheit tankte ich gleich mein Taxi auf und fuhr die Waschstraße. Der Waschanlagen-Mann, in seiner Freizeit spielte er, gekleidet in der Uniform eines Soldaten der Konföderierten mit Gleichgesinnten den Amerikanischen Bürgerkrieg nach, war mein Freund nachdem er die Südstaaten-Flagge als Aufkleber in meinem Taxi entdeckt hatte. In dem Laden der Tankstelle wurde das Straßenverzeichnis und das beliebte Wo-Buch angeboten. Beide, damals für jeden Taxifahrer unerlässliches Handwerkszeug, teilen sich, genauso wie die gedruckten Stadtpläne, das Schicksal der Telefonbücher. 

Was sonst so die Genossenschaft macht, war mir nicht richtig bewusst. Unter uns gab es Hausmeister, (Notdienst-) Geier, Wichser (kommt vom Striegeln der Pferde) und Innungsköpfe. Letztere fühlten sich der Einhaltung der, zumeist ungeschrieben, Taxiregeln, verpflichtet.
Nicht weit von dem Entstehungsort des Fotos, im Pschorr-Keller an der Theresienhöhe, trafen wir uns zu den Jahreshauptversammlungen der Genossenschaft. Hier war auch, lange war ich noch nicht dabei, ein kleiner Festakt zum 75. Jubiläum unserer Taxigenossenschaft. Sogar der Hans, den ich später näher kennenlernen durfte, war mit seinem Fiaker gekommen. Mercedes stellte einen 124 T-Model, einen Kombi, aus. Bei den Älteren waren diese Taxis als Lieferwogn verpönt. Taxibusse, Gmiaswogn, waren absolute Exoten. 

Heuer besteht unsere Genossenschaft seit einem Jahrhundert und so schnell wird sie nicht untergehen. Dem klugen und vorausschauenden Handeln unserer Vorfahren haben wir ein beträchtliches Immobilieneigentum zu verdanken. Auch wenn München wächst und die Vermittlungszahlen rückläufig sind, sichert dieser Umstand Einkommensplätze in unserer altehrwürdigen, geschichtsträchtigen, einstmals wichtigen, großen, aus-meinem-Leben-nicht-mehr-wegzudenkenden, inzwischen 100jährigen Taxigenossenschaft. Die nächsten 100 Jahre wird die Taxigenossenschaft und Immobilienverwaltung auch noch überleben. 
Gratulation an die/uns Fiaker, Innungsköpf, Flößer und Taxler. Sauba!