Montag, 27. Februar 2017

Workaholic

Da steht mein Taxi auf der Straße. Vom Küchenfenster aus, mit der Kaffeetasse in der Hand, kann ich es sehen. Ob ihr es glaubt oder nicht, ich habe Lust einzusteigen.
Nur noch schnell Einnahmen ins Kassenbuch eintragen, einen Tankstellenbon einkleben, zwei Fahrten auf die Rechnung schreiben und die Daten auf den Server übertragen und schon geht's los in den kühlen aber sonnigen Faschingssamstag. 

Heute gibt es für mich keine Vorbestellungen. Entspannt fahre ich gegenüber auf den großen Parkplatz des V-Marktes. Hier wird das Taxi ausgesaugt, innen geputzt, vollgetankt und gewaschen. Fast wie früher als ich noch während der Nacht unterwegs war, freue ich mich auf das was mir München heute bietet.
Und bunt fängt es auch gleich an. Zwei Hamburg Fans zur Allianz-Arena.
"Oh , oh" entfährt es den Beiden, als ich sie am Nordeingang, inmitten einer Horde von Bayern Fans aussteigen lasse.
Eine Prostituierte auf den Weg zur Arbeit, die anscheinend gerade Telefondienst hatte; " ... die Ruby ist nicht da. Yvonne und Chantal sind da. Zweiter Stock rechts ... Marina kommt erst wieder mit der Ruby, in 14 Tagen.  Willst du einen Termin mit Monique? ... Marina ist nicht da - die kommt erst in zwei Wochen wieder. Chantal? Chantal, ja! Zweiter Stock rechts."
Wenn die Fahrt noch länger dauert kenne ich die Besetzung des gesamten Laufhauses auswendig. 

Es ist wie verhext. Heute zahlt jeder mit einem Fünfziger. Meine kleinen Scheine drohen mir auszugehen. Bei einer Fahrt zur Deutschen Eiche nutze ich die Einfahrt. Nach dem kassieren springe ich schnell aus dem Taxi in die Eisdiele neben dem bekannten Hotel. Es ist mir etwas peinlich, meine ersten zwei Kugeln Eis dieses Jahr mit einem Fünfziger zu bezahlen. 

"Haben Sie es nicht kleiner?" fragt mich die Eisverkäuferin als sie meinen Schein sieht. Getreu meinem Vorsatz, nichts mehr in mich hineinzufressen, nur noch konkret, frank, frech, frei und wahr zu sprechen, antworte ich;
"Schon, aber ich zahle mit dem Schein damit ich Wechselgeld habe. Ich will meine Kunden nicht um Kleingeld anbetteln." 

 Bei der anschließenden Fahrt vom Viktualienmarkt lerne ich das Café Clara in der Isabellastraße 8 kennen.
Der starre Herr, der bei der Bestellung seinen Doktortitel angibt, will in ein Restaurant.
Der Hippster, der sich lässig das ihm gefällige Taxi aus der Reihe schnappt, will ins trendige Flushing Meadows Hotel in die Fraunhoferstraße. 

Drei Österreicher zur Oper an den Max-Joseph-Platz. Dort erwische ich einen ca. 60jährigen Herrn, der sich verlaufen hat. Er war mit seinem FC Bayern Fanclub aus Luxemburg! schon x-mal in München. Bisher waren sie immer im Hotel Bayernland. Aber diesmal hat der Club das Hotel Isartor gebucht, das er jetzt nicht mehr findet. Genau in dem Moment als er vor dem Hotel aussteigt, kommt sein Club reich beschalt und mit FC Bayern Taschen bepackt die Baaderstraße entlang. Lauthals begrüßen Sie Ihr Mitglied das sich irgendwie ertappt fühlt.
Den Bahnhof Nord darf ich an einem solchen Abend natürlich nicht auslassen. Von hier geht's nach Schwabing. Mein altes Revier. Die Leopoldstraße war bis vor 20 Jahren noch das Zentrum des Nachtlebens in München. Auf der Leo rührt sich immer etwas, aber es ist eben nicht mehr der einzige Punkt. 

Von der Leopold Hohe, Taxifahrer wissen was ich meine; Leopoldstrasse nördlich wegen Hohe(r) Hausnummer, verschlägt es mich in das neue entstandene Viertel Oberwiesenfeld. Obwohl es inzwischen schon 21 Uhr geworden ist, ist es mir zu früh aufzuhören und ich fahre heute zum zweiten Mal den Domagkstand an. Von dort geht es zu später Stunde noch zum Hauptbahnhof. Hier verlässt mich meine Serie, mein guter Lauf bisher. Ich stelle mich an und verquatsche eine Stunde mit langjährigen Kollegen. Für 14,-€ geht's nach Schwabing. Gefährlich nahe an die ESSO Tankstelle. Und auch diese Mausefalle schnappt zu. Die nächste gute Stunde verbringe ich wieder mit Kollegen. Diesmal mit Kaffee.

Hauptbahnhof Nordseite Taxistand

Nach Mitternacht schnappe ich mir nur noch eine Fahrt und breche dann ab. HSV Fans habe ich diese Nacht nicht mehr gesehen. Die blauen Schals sind wohl zusammengerollt in den Hosentaschen der Hamburger verschwunden. Die 8:0 Niederlage gegen den FC Bayern war ein zu großer Dämpfer.
Fast hätte ich mich als Workaholic bezeichnet - das setzt aber voraus, daß Taxifahren Arbeit ist.